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Stressbewältigung

Denken gegen den Druck

18.06.2007
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Stressbewältigung

Denken gegen den Druck

Von Hartmut Volk

 

Vieles an den heutigen Lebens- und Arbeitsumständen zerrt an den Nerven. Kaum noch ein Gespräch, in dem es nicht um Zeitnot, Überbelastung und den damit verbundenen Stress geht. Wer sich aber in den Sog entsprechender negativer Gedanken ziehen lässt, tut sich keinen Gefallen.

 

Unklare Berufsaussichten, unsichere Finanzlage und erhöhte Mobilität setzen den Menschen unter Druck. Gefordert wird die Bereitschaft, sich ständig zu verändern und scheinbar Bewährtes aufzugeben. Kein neues Phänomen, denn bereits der mittelalterlichen Kaiser Lothar I. (795-855) stellte fest: »Omnia mutantur, nos et mutamor in illis« (Alles ändert sich und wir ändern uns mit ihm). Auch die alten Chinesen wussten: »Herr der Vergangenheit ist, wer sich erinnern kann; Herr der Zukunft, wer sich wandeln kann.«

 

Wandeln muss man sich, will man nicht unter Druck geraten. Für den Stoiker Epiktet beispielsweise ebenso wie für den römischen Kaiser Marc Aurel war klar: Die wichtigste Lebenshilfe wird im Kopf geleistet. Dabei dachten sie nicht an überragende Intelligenz oder überlegenes Wissen, so nützlich beides auch sein kann, sondern an die Art und Weise des Denkens - im Sinne der Bereitschaft, sich selbst zu erkennen und die eigenen Annahmen, Glaubenssätze, Urteile und Vorurteile, die jedes Leben steuern, immer wieder infrage zu stellen.

 

Der Berliner Philosoph Wilhelm Schmid schreibt in seinem Buch ›Schönes Leben, Einführung in die Lebenskunst‹: »Allzu häufig sind wir nicht etwa das Opfer äußerer, anonymer Mächte oder innerer, psychischer Strukturen, sondern Opfer eines Denkens, das uns über eine Sache dies und nichts anderes denken lässt.« Das Denken, so Schmid, kann Haltung und Verhalten beeinflussen und aus Engpässen befreien.

 

Daran erinnert auch Dr. Maja Storch, Projektleiterin am Pädagogischen Institut der Universität Zürich und wissenschaftliche Leiterin des Instituts für Selbstmanagement und Motivation, wenn sie mit Blick auf das Empfinden von beruflicher Belastung feststellt: »Nicht nur die Art der Stressoren, sondern auch die Art und Weise wie Anforderungen von einem Menschen empfunden und interpretiert werden, wirken sich entscheidend auf das Erleben von Stress aus. «

 

In der Quintessenz heißt das, wie es Ferry Fischer, Gründer und Chef des Coaching Instituts für Führungskräfte und des Mental Centers für Spitzensportler in Klosterneuburg bei Wien, so ausdrückte: »Ob Sie innerlich stabil und erfolgreich im Leben stehen oder sich von den Ereignissen hin und her gezerrt fühlen, bestimmt sich durch das, was Sie denken. Was Sie denken, sind Sie. Und was Sie sind, strahlen Sie aus. Das Denken ist die Ursache und Ihr Leben, Ihr Körper, Ihr Erfolg sind die Wirkung. Verändern wir die Ursache, verändert sich die Wirkung. Und weil wir mit unserem Denken und unserer Einstellung die Ursache für unser Leben setzen, versetzt uns das in die absolute Macht, aber auch in die Verantwortung, innerhalb des Schicksals, der Gene, des Rahmens, in den wir hineingeboren wurden, dieses Denken zu gestalten. Die Einstellung zu uns selbst und zu anderen bestimmt das Verhalten, das Verhalten bewirkt Reaktionen und Reaktionen bestätigen die Einstellung.«

 

Doch wie sich allmählich aus den eingefahrenen, meist ja auch völlig unbewussten Denkbahnen und -weisen und den sich daraus ergebenden Verhaltensautomatismen befreien? Hans Eberspächer, Psychologieprofessor an der Universität Heidelberg und Fachmann für Fragen der Bewusstseinssteuerung und Stressbewältigung, rät zu einer persönlichen mentalen »Neuprogrammierung«:

 

1. Selbstgesprächsregulation: Selbstgespräche und Handeln gehören zusammen. Je größer die Beanspruchung wird, desto intensiver werden unsere Selbstgespräche. Weniger Erfolgreiche thematisieren dabei überwiegend Selbstzweifel. Die Erfolgreichen bauen sich mit zuversichtlichen Gedanken auf. Erfolgreiche fokussieren sich in ihren Selbstgesprächen auf ihre Aufgabe. Weniger Erfolgreiche sind mehr von Ängsten und der Beschäftigung mit sich selbst und den Konsequenzen ihres Handelns eingenommen. Dadurch verunsichern sie sich selbst.

 

2. Vorstellungsregulation: Unsere Vorstellungen steuern unser Können, Handeln und Auftreten. Sie beeinflussen, was wir nachfolgend erleben, erfahren, wie wir auf andere wirken. Vorstellungen sind deshalb wichtige Prüf- und Führungsgrößen für unser Tun und Lassen. Ängstliche Vorstellungen oder ganz und gar das verbreitete Katastrophendenken machen befangen, unsicher und verhindern die Wahrnehmung gegebener Bewältigungsmöglichkeiten. Zielorientierte Vorstellungen bahnen Handeln vor und setzen die dazu notwendigen inneren geistig-seelischen Kräfte frei und verhindern eine Verzerrung der Bedeutsamkeit oder des Ausmaßes möglicher Schwierigkeiten

 

3. Aufmerksamkeitsregulation: Wir leben jetzt, müssen aber auch an morgen denken ­ heute noch stärker als früher. Weniger das, was jetzt zu bewältigen ist, sondern das, was kommen könnte, nimmt zunehmend unsere Aufmerksamkeit gefangen. Fraglos ist die Beschäftigung mit der Zukunft wie auch die Auseinandersetzung mit dem Vergangenen wichtig. Doch ein ausschließlich auf die Pole ›Gestern‹ und ›Morgen‹ fokussiertes Denken destabilisiert, macht unruhig und unaufmerksam. Konzentration, Kraft, Leistungsfähigkeit und Lebensfreude entstehen aus dem Verankertsein im Hier und Jetzt.

 

4. Kompetenzüberzeugung: Kraftvolles Handeln verlangt, das einzusetzen, was wir haben und nicht laufend über das nachzugrübeln, woran es uns mangelt. Wer nur mit seinen tatsächlichen oder vermeintlichen Schwächen und Unvollkommenheiten beschäftigt ist, verläuft sich im Leben.

 

Allerdings ist es auch falsch, bekannte Schwächen vor sich selbst zu verleugnen. Stabile Leistungsfähigkeit stellt sich erst dann ein, wenn ich von der Wirksamkeit meines Handelns trotz gegebener Schwächen überzeugt bin, wenn ich mich vor einer selbst- oder fremdgestellten Anforderung selbstbewußt und sicher auf meine Stärken besinnen kann.

 

5. Regeneration: Lebensvorgänge beschreiben Wellenbewegungen. Sie wechseln zwischen Spannung und Entspannung. Ein klarer, fitter Kopf braucht diesen Wechsel zwischen Belastung und Erholung. Das bewusste, überlegte Einschalten von regenerativen Phasen ist deshalb eine unverzichtbare Kraftquelle, um das eigene Denken nicht aus purer Erschöpfung in Negativ-Klischees absinken zu lassen und somit eine wesentliche Voraussetzung für die Lebensbewältigung.

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