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Reizdarmsyndrom

Bauch in Aufruhr

18.06.2007
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Reizdarmsyndrom

Bauch in Aufruhr

Von Sven Siebenand

 

Die Verdauung diktiert den Tagesablauf und eine Toilette in der Nähe ist absolutes Muss: Das gilt für schätzungsweise fünf Millionen Reizdarm-Patienten in Deutschland. Zur Behandlung der Beschwerden, die sich bei Stress meistens deutlich verstärken, stehen einige Arzneimittel zur Verfügung.

 

Das Reizdarmsyndrom (RDS) ist eine Funktionsstörung des Verdauungstraktes. Durchfall, Verstopfung, Blähungen, Bauchkrämpfe und veränderte Stuhlzusammensetzung sind typische, sich häufig abwechselnde Symptome des RDS, das auch unter der Bezeichnung »irritable bowel syndrome« (IBS) bekannt ist. Typischerweise lassen die Beschwerden nachts nach, während sie tagsüber den Betroffenen das Leben häufig zur Qual machen. Zudem sind zusätzliche Symptome, die nicht den Magen-Darm-Trakt betreffen, wie Depressionen, Schlafstörungen, Migräne oder Rückenschmerzen, keine Seltenheit. Obwohl die Erkrankung oft jahre- oder lebenslang andauert, ist die Lebenserwartung der Betroffenen nicht eingeschränkt, die Lebensqualität dagegen schon.

 

Vermutlich sind falsche Nervensignale zwischen Darm und Hirn die Ursache für die Beschwerden. Normalerweise erledigt der Darm unabhängig von der Steuerung im Gehirn seine Aufgaben. Dies ist möglich durch ein eigenes Nervensystem mit etwa 100 Millionen Nervenzellen. Das enterische Nervensystem, das häufig auch als Bauchhirn bezeichnet wird, reguliert unter anderem Darmmotilität, Ionentransport sowie gastrointestinalen Blutfluss.

 

In der Darmschleimhaut sitzen sogenannte enterochromaffine Zellen, die Serotonin ausschütten, sobald sie gereizt werden. Das Bauchhirn wird aktiviert. Gleichzeitig bleiben die Verbindungen des enterischen Nervensystems zum Gehirn inaktiv. Daher merkt man gewöhnlich nicht, dass der Darm arbeitet.

 

Reizdarmpatienten sind in dieser Hinsicht sensibler. Sie registrieren anders als Gesunde Bewegungen des Darms. Meistens ist schon die Wahrnehmung normaler Verdauungsvorgänge schmerzhaft gesteigert. Dabei gilt: Je ballaststoffreicher die Nahrung, desto schlimmer die Beschwerden. Jede Mehrarbeit für den Darm bedeutet mehr Dehnungsreiz und damit stärkere Schmerzen.

 

Diagnose per Ausschlussverfahren

 

Obwohl RDS zu den häufigsten Beschwerdebildern in allgemeinärztlichen Praxen zählt, ist es nicht leicht zu diagnostizieren und wird bei Weitem nicht immer erkannt. Wichtig ist der Ausschluss anderer Darmerkrankungen wie Morbus Crohn, Milchzucker- oder Fruchtzucker-Unverträglichkeit sowie Magen-Darm-Infekte. Auch der Verdacht auf eine Krebserkrankung sollte ausgeräumt werden. Denn das wechselnde Stuhlverhalten ist nicht nur typisch für RDS, sondern auch ein Alarmsignal für Darmkrebs. Als Richtwert für die Diagnose RDS gilt zudem, dass die Beschwerden für mindestens drei Monate im Jahr auftreten. Studien mit Zwillingen haben gezeigt, dass es anscheinend auch eine genetische Veranlagung für die Ausbildung des RDS gibt. In diesen Fällen treten die Beschwerden schon sehr früh auf. Andere bekommen RDS erst Jahre später, etwa zwischen dem 20. und 40. Lebensjahr und häufig nach einer Darm-Infektion oder einer Antibiotika-Therapie. Frauen sind etwa doppelt so häufig vom RDS betroffen wie Männer. Als Ursache dafür kommt zum einen der Einfluss der Geschlechtshormone auf die Darmsymptomatik in Betracht. Diskutiert werden in diesem Zusammenhang Geschlechtsunterschiede in der Darmpassagezeit und Einflüsse der Monatsregel auf die Ausprägung der Symptome. Zum anderen sind Frauen anscheinend schneller bereit, einen Arzt aufzusuchen. Wahrscheinlich wirken beide Faktoren zusammen.

 

Stress als Trigger

 

Die Deutsche Gesellschaft für Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten (DGVS) geht davon aus, dass Stress zwar die Symptome des RDS auslösen oder verschlimmern kann, das RDS selbst aber wahrscheinlich nicht verursacht. Als weitere Einflussfaktoren nennt die Gesellschaft unter anderem auch Ernährungsfaktoren wie Essverhalten und Unverträglichkeiten. Die Tatsache, dass Forscher eine erhöhte Lymphozyten-Zahl in der Darmwand von RDS-Patienten nachwiesen, spricht zudem für eine Entzündung der Darmwand.

 

Die Heilung des RDS ist derzeit nicht möglich. Nur die Auswirkungen lassen sich lindern. Die Therapie stützt sich auf drei Säulen: Erstens Allgemeinmaßnahmen wie Ernährungsberatung, Identifizierung und Abbau von Stressfaktoren sowie Entspannungsübungen. Die beiden anderen Säulen sind eine psychotherapeutische Behandlung sowie die symptomorientierte medikamentöse Therapie.

 

Bei Krämpfen eignen sich zum Beispiel N-Butylscopolamin und Mebeverin. Bei Verstopfung helfen Abführmittel wie Lactulose, bei Durchfall zum Beispiel Loperamid. Pflanzliche Mittel mit Kümmel, Fenchel oder Anis sowie der Entschäumer Simethicon lindern Blähungen. Je nach Schmerzstärke kommen COX-Hemmer und Opioide zum Einsatz. Auch für Antidepressiva wurde in niedrigen Dosen eine Schmerzlinderung nachgewiesen. Zudem scheinen trizyklische Antidepressiva die Kolontransitzeit zu verlängern, was bei Diarrhö von Vorteil ist. Metaanalysen der Therapie mit Amitriptylin, Clomipramin, Desipramin, Doxepin und Trimipramin bei RDS-Patienten ergaben Verbesserungen der Gesamtsymptomatik, der Bauchschmerzen sowie der Durchfälle.

 

Pfefferminze bei Reizdarm

 

Studien belegen auch für die Pfefferminze eine ausgleichende Wirkung bei Schmerzen, unregelmäßigem Stuhlgang, Krämpfen und Blähungen. Problem: Pfeffer-minzöl verliert seine Wirksamkeit bereits im Magen und im oberen Dünndarm. Dank innovativer Technologien kann das Öl aber so verpackt werden, dass es die Magenpassage übersteht und erst im unteren Darmabschnitt wirkt. Im Falle von Medacalm® wird das durch den magensaftresistenten Überzug der Hartkapseln realisiert. Durch die Formulierung des Pfefferminzöls in einer mucoadhäsiven Oleo-Gel-Matrix wird sichergestellt, dass der Wirkstoff mit beginnender Auflösung der Kapsel nicht sofort, sondern über die gesamte Dickdarmpassage hinweg gleichmäßig freigesetzt wird, um einen maximalen Überzug der Darmwand zu gewährleisten. Bei gleichzeitiger Anwendung von Medacalm mit Antacida kann es zur vorzeitigen Auflösung des magensaftresistenten Überzugs und damit zur Verminderung der Wirkung im Darm kommen. Daher sollten die Kapseln und Antacida zeitversetzt im Abstand von mindestens einer Stunde eingenommen werden.

 

Angriff an Serotin-Rezeptoren

 

Arzneistoffe wie Alosetron und Tegaserod beeinflussen gezielt Serotonin-Rezeptoren und sollten RDS-Patienten Erleichterung bringen. Alosetron (Lotronex®), ein 5-HT3-Antagonist, wurde in den USA im Jahr 2000 zur Behandlung von Frauen mit Reizdarm, bei denen die Symptome Diarrhö, Schmerzen und abdominelle Krämpfe vorherrschen, zugelassen. Aufgrund von Darmdurchblutungsstörungen durfte das Mittel kurze Zeit später in den USA nur noch nach ausführlicher Nutzen-Risiko-Abschätzung verschrieben werden. So war es kontraindiziert bei Patienten, die in der Vorgeschichte Morbus Crohn, Colitis ulcerosa oder Operationen wegen Darmverschlüssen hatten. Nachdem das Präparat im Jahr 2000 auf Empfehlung der FDA vom US-Markt genommen wurde, wurde es im Jahr 2002 mit strengeren Auflagen dort wieder zugelassen.

 

Der 5-HT4-Agonist Tegaserod kam für Reizdarmpatienten infrage, die primär an Obstipation und abdominellen Schmerzen leiden. Bindet Tegaserod an diesen Serotonin-Rezeptorsubtyp, werden Darmperistaltik sowie Wasser- und Elektrolytfreisetzung stimuliert - Effekte, die bei Obstipation erwünscht sind.

 

Vor wenigen Wochen hat Novartis in den USA den Verkauf des Medikamentes Zelnorm® (Tegaserod) gestoppt, das seit Juli 2002 zur Behandlung des Reizdarmsyndroms zugelassen war. Vorausgegangen war eine von der FDA geforderte Sicherheitsanalyse von 29 randomisierten kontrollierten Studien, die ein erhöhtes Risiko für schwere, lebensbedrohliche kardiovaskuläre Komplikationen gegenüber Placebo ergab. Die Ursache ist unklar. Es wird vermutet, dass der 5-HT4-Agonist einen Gefäßspasmus ausgelöst haben könnte.

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