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ZL-Expertenforum

Ein Tropfen Blut bringt Sicherheit

20.06.2006
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ZL-Expertenforum

Ein Tropfen Blut bringt Sicherheit

von Sven Siebenand, Eschborn

 

Blutuntersuchungen spielen in der Apotheke eine wichtige Rolle. Die Referenten des 9. ZL-Expertenforums beurteilten Chancen und Grenzen der Messungen, betonten die Wichtigkeit qualitätssichernder Maßnahmen und blickten in die Zukunft. In einigen Jahren könnten neue Messmethoden in der Apotheke zum Einsatz kommen.

 

»Alle 90 Minuten erblindet ein Diabetes-Patient in Deutschland, alle 19 Minuten erfolgt eine Amputation auf Grund dieser Stoffwechselerkrankung«, sagte Professor Dr. Manfred Schubert-Zsilavecz, Johann-Wolfgang-Goethe-Universität und wissenschaftlicher Leiter des Zentrallaboratoriums Deutscher Apotheker (ZL). Blutuntersuchungen in der Apotheke leisten einen wesentlichen Beitrag zur Früherkennung und Vorbeugung von Krankheiten. Zudem sind Blutzuckerkontrollen und Lipidmessungen in der Apotheke ein wichtiges Instrument der Therapiekontrolle. Dies gelte sowohl für insulinpflichtige Diabetiker als auch für Patienten, die orale Antidiabetika einnehmen. Häufig erkranken Typ-2-Diabetiker am metabolischen Syndrom. »Blutuntersuchungen und rechtzeitiges Handeln verhindern diese Sackgasse«, so Schubert-Zsilavecz. Akute und chronische Komplikationen bleiben aus und die Lebensqualität des Patienten wird erhöht. Zudem sinken die Kosten im Gesundheitswesen. Bereits heute werden rund 10 Prozent der Gesamtkosten für die Diabetestherapie ausgegeben.

 

»Basis für die Blutuntersuchung in der Apotheke ist die Zuverlässigkeit des Messergebnisses«, betonte Schubert-Zsilavecz. Die Messung müsse von geschultem pharmazeutischen Personal durchgeführt und das Ergebnis anschließend mit dem Patienten besprochen werden. In diesem Zusammenhang verwies er auf die Leitlinien der Bundesapothekerkammer zur Durchführung von Blutuntersuchungen, die unter www.abda-online.org/fileadmin/pdf/Leitlinien/LL_Physiolog_chem_Unters_Blutunters.pdf abrufbar sind. Ferner machte er deutlich, dass die Diagnosestellung selbstverständlich dem Arzt vorbehalten bleibe und Patienten mit auffälligen Blutwerten an die Arztpraxen verwiesen werden.

 

Eine wichtige qualitätssichernde Maßnahme sind die Blutringversuche des ZL. Die Teilnehmerzahl hat von 1999 bis 2005 stetig zugenommen. Der Stand der Anmeldungen bis Juni 2006 (1640 Apotheken) verspricht, dass dieser Aufwärtstrend auch in diesem Jahr anhalten wird. Besonders erfreulich sei, dass der Großteil der Apotheken erfolgreich teilnimmt und ein Zertifikat erhält. Die Bestehensquote bei den vergangenen vier Ringversuchen lag jeweils über 90 Prozent, im Herbst 2005 sogar bei 97,5 Prozent.

 

Pflicht zur Teilnahme am Ringversuch

 

»Die Bestehensquote in Arztpraxen und medizinischen Laboren ist ähnlich hoch«, informierte Professor Dr. William G. Wood vom Institut für Standardisierung und Dokumentation im medizinischen Laboratorium. Er war sich mit Schubert-Zsilavecz einig, dass die Teilnahme an externen Ringversuchen sowohl bei Apotheken als auch bei niedergelassenen Ärzten und Laboren, unverzichtbar ist. Die Richtlinien der Bundesärztekammer schreiben medizinischen Einrichtungen mittlerweile vor, die Qualität patientennaher Sofortdiagnostik zu sichern. Die Ringversuchsteilnahme entfällt nur dann, wenn ein Zentrallabor im Krankenhaus die Verantwortung für die so genannten POCT (point-of-care-testing)-Geräte übernimmt. Wood machte deutlich, dass bisher nur die Präzision der unterschiedlichen Blutzuckergeräte gut kontrolliert werden kann. Die Kontrolle der Richtigkeit bleibt wegen der chargenspezifischen Kalibrierung von Sensoren und Teststreifen schwierig. Auch das Ziel »Eine Probe für alle Geräte« konnte bislang nicht erreicht werden. Wood fasste zusammen, dass POCT-Geräte für Blutzucker im wahrsten Sinne des Wortes »Black Boxes« sind, deren Bedienung und Funktionskontrolle äußerst wichtig sind.

 

Reagenzienfreie Blutzuckermessung

 

Neue Perspektiven in der Blutzuckermessung stellte Professor Dr. Werner Mäntele vom Institut für Biophysik der Universität Frankfurt am Main vor. »Unser Ziel ist es, chemische und biochemische Bestimmungsmethoden durch optisch-physikalische Methoden zu ersetzen«, sagte Mäntele. Damit sei die reagenzienfreie Analyse wichtiger Blut- und Urinparameter möglich und die Probenvorbereitung entfalle. Während die meisten Analysemethoden derzeit noch im UV-VIS-Bereich messen, bevorzugt Mäntele den Spektralbereich des mittleren Infrarotlichtes. Bei Wellenlängen zwischen circa 2,5 und 12 µm weisen die meisten Inhaltsstoffe von Blut und Urin auf Grund ihrer Molekülstruktur ein hochspezifisches Bandenmuster auf, das gut quantifizierbar ist. Mänteles Team entwickelte Messzellen und Probengeber, die nach dem Prinzip der abgeschwächten Totalreflexion (ATR) arbeiten. Damit kann in wenigen Sekunden das IR-Spektrum einer Probe aufgenommen werden, woraus sich Art und Menge der Inhaltsstoffe ableiten lassen. »Da in einer Vollblutprobe viele Parameter gleichzeitig variieren, ist eine stabile multivariate Analyse notwendig«, erklärte Mäntele. Dazu sei im ersten Schritt der Aufbau eines Kalibrierdatensatzes mit möglichst genau bekannten Laborwerten für alle Parameter notwendig. Wichtig für das Datendesign ist die Verteilung von Normalproben und pathologischen Proben. Zu viele Proben im Normwertbereich führen zu Kalibrierungenauigkeit bei den Extremwerten.

 

Reif für die klinische Anwendung

 

Im Anschluss an das Kalibriermodell können dann Korrelationsdiagramme erstellt werden. Dabei ist die im Labor ermittelte Konzentration auf der Abzisse, die Vorhersage aus der IR-spektroskopischen Analyse auf der Ordinate aufgetragen. »Die Methode ist bei der Bestimmung von  Glucose, Harnstoff, Cholesterol, Triglyceriden, Gesamtprotein und Albumin aus Plasma- und Vollblutproben reif für die klinische Anwendung«, sagte Mäntele. Zudem sei auch die Bestimmung von Harnstoff, anorganischem Phosphor, Kreatinin, Ammoniak, Schwefel und Ketonkörper im Urin möglich. Dabei wird nicht nur die Gesamtkonzentration an Ketonkörper gemessen.  Auch eine Differenzierung in Hydroxybuttersäure und Acetoacetat ist möglich. Das kann für Patienten mit diabetischer Ketoazidose wichtig sein, da das Verhältnis der beiden Stoffe deutlich differiert.

 

Zusätzlich haben die Frankfurter Wissenschaftler für Urinanalysen Schwellenparameter definiert. So zeigt ein messbarer Wert von 10 bis 20 mg/dl Glucose eine Überschreitung der Nierenschwelle an und ist ein Warnsignal für Diabetiker. Ein detektierbarer Wert von 100 bis 150 mg/dl Albumin weist auf eine Makroalbuminurie hin.

 

Die neue Analysemethode könnte zunächst dort zum Einsatz kommen, wo viele Proben untersucht werden, zum Beispiel in medizinischen Laboren oder bei Blutspendediensten. Für den Einsatz in der Apotheke ist diese Methode momentan noch zu teuer. »Das könne sich im Verlauf der kommenden Jahre aber ändern«, sagte Mäntele.

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