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Bettwanzen

Rückkehr der Blutsauger

26.07.2013  13:07 Uhr

Von Ulrike Abel-Wanek / Auf dieses Souvenir können Reisende gut verzichten: Bettwanzen sind weltweit wieder auf dem Vormarsch, und das nicht nur in billigen Absteigen. Manchmal bringt man die Parasiten im Gepäck sogar mit nach Hause.

»Hilfe, Bettwanzen.« Immer häufiger warnen Reisende auf Online-Portalen vor Hotels, in denen sie auf unliebsame Mitbewohner trafen: Cimex lectularius, eine Wanze aus der Familie der Plattwanzen, braun, flach und nur fünf Millimeter groß. Bettwanzen galten lange Zeit als ausgestorben. Seit Ende der 1990er-Jahre macht sich der papierdünne, flugunfähige Ektoparasit aber wieder breit – und zwar weitgehend unabhängig von hygienischen und sozialen Bedingungen.

Bettwanzen begleiten den Menschen schon seit Jahrtausenden. Häufig betroffen von den Krabblern waren meistens Orte mit hoher Fluktuation von Menschen wie Obdachlosenheime, Asylbewerberwohnungen, Gefängnisse oder Kasernen. Auch in Kriegszeiten waren die Parasiten ein großes Problem. Ursprünglich gelangten die Wanzen vermutlich vom Mittleren Osten in den Mittelmeerraum und von hier aus schließlich ins Innere Europas, wo sie sich etwa ab dem 17. Jahrhundert stark ausbreiteten. Dank verbesserter hygienischer Bedingungen und immer wirksameren Insektiziden mit Langzeitwirkung, die auch die Eier der Tiere nachhaltig erwischten, kamen sie nach dem Zweiten Weltkrieg in Industrieländern jedoch kaum noch vor.

 

Wanzen sind Blutsauger und befallen vorzugsweise den Menschen. Wenn es sein muss, verschmähen sie aber auch warmblütige Tiere wie Vogel, Hund und Katze nicht. Versteckt in Bett- und Möbelritzen, hinter Lichtschaltern oder Tapetenrändern, warten sie tagsüber auf Beute in Hotels, und Wohnheimen, in Krankenhäusern und Kinos, aber auch in privaten Wohnungen und Häusern. Wenn es dunkel wird, kriechen die nachtaktiven Tiere aus ihrem Unterschlupf und beißen zu – angelockt von CO2, Körperwärme und -geruch des Wirts. Bis zu zehn Minuten dauert eine Blutmahlzeit, danach geht es zurück ins Versteck – bis zum nächsten nächtlichen Überfall. In einem Wanzenversteck findet man immer ganze Gruppen von Tieren, ihre Eier und die Häutungsreste aus den verschiedenen Entwicklungsstadien, die sie durchlaufen. Die Parasiten werden sechs bis 18 Monate alt, können monatelang hungern und tolerieren Temperaturen zwischen 5 und 40 Grad. Die Biester sind Versteck- und Überlebenskünstler, und ihnen auf die Spur zu kommen, ist ausgesprochen schwierig.

 

Globales Comeback

 

Dank Globalisierung und zunehmender Reisetätigkeit feiert die Bettwanze ein bemerkenswertes Comeback. Vor allem der immer stärker um sich greifende Handel mit Gebrauchtwaren über das Internet fördert ihre Verbreitung auch über weite Distanzen hinweg. Die Parasiten werden meist passiv transportiert: durch Kleider, Möbel oder Matratzen. Sie sitzen aber auch in Büchern, CD-Hüllen oder Elektrogeräten. Die widerstandfähigen Wanzen können unbemerkt in Koffern und Taschen mitreisen, in Kartons auf Lastwagen und Schiffen, in Zügen oder Flugzeugen.

 

Auch zunehmende Resistenzen gegenüber gängigen Insektizid-Wirkstoffen fördern die Wanzenplage. Durch das geschärfte Gesundheitsbewusstsein ist man heute außerdem grundsätzlich deutlich zurückhaltender beim Einsatz von Insektiziden bei Schädlingsbefall.

Eine Meldepflicht für Bettwanzen gibt es nicht, die Datenlage ist deshalb vage. Dennoch sei die Tendenz zu beobachten, dass der Wanzenbefall zunehme, so Dr. Carola Kuhn vom Deutschen Bundesumweltamt gegenüber der PZ. Krabbel-Alarm gab es 2010 in New Yorker Nobel-Hotels ebenso wie während der Winterolympiade in Vancouver. In den letzten Jahren mehren sich die Berichte über die wachsende Zahl von Einsätzen gegen die Schädlinge im In- und Ausland. Berichte kommen aus den USA und Australien, aber auch die Schweiz, Dänemark, Frankreich, Spanien und weitere Länder melden einen Anstieg von Bekämpfungsmaßnahmen gegen Bettwanzen. Für Berlin legte der Landesverband des Deutschen Schädlingsbekämpfer-Verbands jetzt neue Zahlen vor. Rückte man den Parasiten im Jahr 2007 noch 210-mal zu Leibe, waren es im Jahr 2012 schon 761 Einsätze. Die tatsächlichen Zahlen liegen wohl noch deutlich höher, da die Erhebung nur einen Teil der Berliner Schädlingsbekämpfungs-Unternehmen erfasste.

 

Die fiesen Blutsauger sind nicht nur lästig, ihre Stiche können heftig juckende Quaddeln, Knötchen oder entzünd­liche Ekzeme auslösen. Einzelne Fall­berichte beschreiben systemische Reaktionen wie diffuse Urtikaria, Asthma oder anaphylaktischen Schock. Andere Menschen reagieren wiederum gar nicht auf Wanzenbisse. Wanzen hinterlassen meistens mehrere winzige Bissstellen in einer Reihe übereinander, da sie ihren Stechrüssel während einer Blutmahlzeit öfter herausziehen und wieder neu einstechen. Anders als Zecken gelten Bettwanzen nicht als Krankheitsüberträger. In oder auf den Parasiten sind zwar verschiedene Erreger von zum Beispiel HBV, HIV und MRSA entdeckt worden. Eine Über­trägerfunktion als natürlicher Vektor konnte aber noch keine Studie nachweisen.

 

Wanzenduft und dunkle Krümel

 

Wer denkt bei kleinen juckenden Quaddeln auf der Haut aber schon an Wanzen? Die meisten Menschen erkennen sie nicht, und häufig werden ihre Bisse mit den Stichen anderer Insekten verwechselt. Die lichtscheuen Tiere werden nur selten und nur bei gezielter Suche entdeckt. In einer amerikanischen Umfrage von 2011 waren 73 Prozent der befragten Kammerjäger der Meinung, dass Bettwanzen besonders schwer zu bekämpfen seien.

 

Ein untrügliches Zeichen für Wanzenbefall sind ihre Kotspuren: Typisch sind Ansammlungen kleiner schwarzer Punkte zum Beispiel auf der Matratze oder rund um die Verstecke an Bettrahmen und -ritzen, Fußleisten oder Wandverkleidungen. Charakteristisch ist auch ein süßlicher Geruch, der sogenannte »Wanzenduft«, den die Tiere absondern.

 

Kraut gegen Krabbler

 

Beim Verdacht auf Wanzen muss der Kammerjäger her. Vor allem Pyrethroide werden bei einer Bettwanzenbekämpfung eingesetzt. Allerdings mehren sich weltweit Berichte über das Auftreten Pyrethroid-resistenter Bettwanzenstämme. Zunehmend setzt man deshalb auf integrierte Behandlungsmethoden aus physikalischen, chemischen und biologischen Maßnahmen. Wanzen vertragen weder extrem hohe noch sehr niedrige Temperaturen, deshalb rückt man ihnen thermisch zu Leibe. Um die Insekten abzutöten, werden befallene Räume beispielsweise auf 50 bis 60 Grad Celsius erhitzt. Auch mit Dampfreinigern oder Begasungen von Gegenständen in dafür vorgesehenen Kammern versucht man, den zähen Insekten beizukommen. Nach amerikanischem Vorbild durchstöbern mittlerweile auch auf »Wanzenduft« trainierte Schnüffelhunde in Deutschland die befallenen Zimmer auf der Suche nach den Plagegeistern. Und es wächst sogar ein Kraut gegen die Krabbler. Bohnenblätter, traditionell seit Jahrhunderten auf dem Balkan gegen Wanzen eingesetzt, weckten kürzlich das Interesse von US-Wissenschaftlern. Vor allem in Bulgarien und Serbien werden seit Jahrhunderten abends rund um das Bett Blätter der Bohnenpflanze ausgestreut, an denen die Blutsauger auf ihrem Weg in Richtung Schlafstelle hängen bleiben. Morgens werden die Blätter einfach verbrannt – mitsamt der ihnen anhaftenden Insekten. Mithilfe des Elektronenmikroskops fanden die Forscher nun heraus, dass feinste hakenförmige Blatthärchen die Wanzen regelrecht aufspießen und festhalten. Nun soll versucht werden, synthetische Oberflächen zu entwickeln, die den natürlichen Mechanismus der Bohnenblätter imitieren – um wirksame Wanzenfänger und Barrieren zu schaffen.

 

Wenn Urlauber den Verdacht hegen, Wanzen im Gepäck zu haben, sollten sie ihren Kofferinhalt, am besten auf weißem Untergrund, gründlich untersuchen und die Kleider sehr heiß waschen. Kleinere befallene Gegenstände wie Bücher oder Bilderrahmen können in Folie verpackt zwei bis drei Tage tiefgefroren werden. Klirrende Kälte überlebt auch der Lieblings-Kaschmirpulli, die Wanzen aber nicht. Haben sich die Tiere in der Wohnung schon breitgemacht, hilft jedoch nur noch der Profi.

 

Je früher man die Parasiten findet, desto besser. Deshalb sollten Mitarbeiter öffentlicher Einrichtungen und im Gesundheitswesen und auch das Hotelpersonal in Sachen Schädlinge sensibilisiert und geschult werden. Bettwanzen machen auch vor 5-Sterne-Hotels nicht halt. Falsche Scham und mangelnde Information leisten ihrer Verbreitung großen Vorschub. /

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