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Tauchtauglichkeit

Erst zum Arzt, dann in die Tiefe

26.07.2013
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Von Sven Siebenand / Bunte Korallenriffe, exotische Fische, geheimnisvolle Schiffswracks: Die Faszination Unterwasserwelt zieht immer mehr Urlauber an. Gesundheitliche Risiken sollte dabei aber niemand außer Acht lassen. Wer unter Wasser gehen will, sollte vorher beim Arzt die Tauchtauglichkeit testen lassen.

Theoretisch besteht für Sporttaucher in Deutschland keine Pflicht, sich die Tauglichkeit für diesen Sport bestätigen zu lassen. In der Praxis bestehen allerdings viele Tauchschulen allein aus Haftungsgründen auf die Vorlage eines solchen Attests. Darauf machte der Tauchmediziner Dr. Andres H. Leischker, Alexianer Krefeld, beim diesjährigen Internistenkongress in Wiesbaden aufmerksam. Auch aus versicherungstechnischen Gründen ist jeder Taucher gut beraten, sich vorher ein Attest zu besorgen, auch wenn dies keine Kassenleistung ist und er die Kosten selbst tragen muss.

Bei Sporttauchern darf diese Untersuchung grundsätzlich jeder approbierte Arzt machen, bei Berufstauchern ist dies ein Fall für einen Arbeitsmediziner mit Zusatzqualifikation. Leischker warnte eindringlich vor »Attesten aus Gefälligkeit«. Stattdessen riet er Ärzten, die Empfehlungen der Gesellschaft für Tauch- und Überdruckmedizin (GTÜM) zu beachten und das GTÜM-Diplom »Tauchtauglichkeitsuntersuchungen« zu erwerben.

 

Die gesundheitliche Untersuchung hat nicht nur versicherungstechnische Gründe, sondern sie kann Leben retten: Bei jedem zweiten tödlichen Tauchunfall ist ein vorbestehender medizinischer Risikofaktor Hauptursache des Unglücks. Leischker empfahl Sporttauchern zwischen 18 und 40 Jahren, sich alle drei Jahre auf Tauchtauglichkeit untersuchen zu lassen. Jüngere und ältere Personen sollten jährlich zum Arzt. Nach schweren Erkrankungen oder nach einem Tauchunfall sollten Taucher sofort noch eine Untersuchung machen lassen, bevor sie unter Wasser gehen.

 

Die GTÜM stellt einen Anamnesebogen auf ihrer Website (www.gtuem.org) zur Verfügung, so Leischker. Diesen sollten Ärzte von den Patienten ausfüllen und unterschreiben lassen. Neben einer körperlichen Untersuchung gehören für Leischker eine Lungenfunktionsuntersuchung und ein Ruhe-EKG zum obligaten Umfang eines Tauchtauglichkeitstests. Ergänzend könnten zum Beispiel ein Belastungs-EKG (ab dem 40. Lebensjahr obligat) oder die Ermittlung labormedizinischer Parameter wie Blutzucker, Blutbild und Urinstatus hinzukommen. Im Attest kann der Arzt auch Einschränkungen vermerken, etwa »keine dekompressionspflichtigen Tauchgänge«, »keine Tauchgänge in Strömungen« oder »Information des Tauchpartners über die Erkrankung«.

 

Kinder und Tauchen

 

Besonders intensiv muss bei Kindern und Jugendlichen geprüft werden, ob und inwieweit sie für Tauchgänge infrage kommen. Mithilfe einer Otoskopie sollte zum Beispiel die Möglichkeit des Druckausgleiches untersucht werden, um Ohrenschäden zu verhindern. Auch ein Lungenfunktionstest ist wichtig. Die Alveolen sind erst im achten Lebensjahr ausdifferenziert. Kindertauchen mit Gerät im Rahmen des Sporttauchens sollte daher nicht vorher erfolgen. Leischker erklärte, dass der Durchmesser der Atemwege bei Kindern im Vergleich zu Erwachsenen geringer sei, was zu einem höheren Risiko für Lungenüberdehnungen während der Dekompression führen könne. Zudem reagiere das kindliche Bronchialsystem empfindlicher auf Kältereize. »Bei Asthma besteht bei Kindern grundsätzlich keine Tauchtauglichkeit«, betonte der Mediziner. Wegen mangelnder Impulskontrolle und unzureichender Konzentrationsspanne gelte das auch für ADHS.

Bei Kindern muss man Leischker zufolge auch die Möglichkeit eines offenen Foramen ovale berücksichtigen. Dabei handelt es sich um eine Verbindung zwischen der rechten und linken Vorkammer des Herzens, die vor der Geburt bei allen Menschen offen ist. Danach verschließt sie sich bei den meisten Menschen, aber nicht bei allen. Beim Tauchen besteht durch das offene Foramen ovale eine erhöhte Gefahr der Dekompressionskrankheit (siehe Kasten). Der Referent riet daher, die Tauchtiefe und -dauer in Abhängigkeit vom Lebensalter zu limitieren. Auch mit Blick auf das Skelettsystem biete es sich an, die Tauchtiefe auf maximal 12 m zu begrenzen, da eine Störung der Wachstumsfuge durch Mikrobläschen bei der Dekompression möglich ist. Hinzu kommt, dass Kinder weniger Fettgewebe haben als Ältere und schneller auskühlen. Leischker zufolge sollten sie daher keine Tauchgänge unter 12 Grad Celsius Wassertemperatur machen und maximal eine halbe Stunde lang unter Wasser gehen.

 

Tauchen bei Übergewicht oder Diabetes

 

Einschränkungen bei Tauchgängen muss der Arzt mitunter aber auch bei Erwachsenen vornehmen. So erhöht ein Body-Mass-Index (BMI) von mehr als 25 kg/m2 das Risiko für die Dekompressionskrankheit. Wer einen BMI über 30 kg/m2 hat, sollte keine dekompressionspflichtigen Tauchgänge absolvieren und auch auf Wiederholungs-Tauchgänge verzichten. Bis ein Jahr nach einer Organtransplantation sind Patienten grundsätzlich nicht tauchtauglich, bei einer Hornhaut-Transplantation darf es frühestens zwei Jahre nach Transplantation unter Wasser gehen.

 

Leischker erklärte, dass auch Krebspatienten mit einer Bleomycin-haltigen Therapie mindestens ein Jahr Wartezeit nach der Chemotherapie haben. Denn das Risiko für eine Lungenfibrose unter Bleomycin steige durch hohe Sauerstoffpartialdrücke.

Einschränkungen beim Tauchen gibt es auch für Diabetiker, vor allem bei denen, die Insulin spritzen. Sie sind Leischker zufolge dann tauchtauglich, wenn sie mindestens ein Jahr keine Unterzuckerung hatten, die einer Fremdhilfe bedurfte. Zudem dürfen sie frühestens ein Jahr nach Beginn der Insulintherapie tauchen und müssen mindestens 18 Jahre alt sein. Leischker riet bei Diabetikern ferner zu einem Belastungs-EKG, das für die Tauchtauglichkeit unauffällig ausfallen muss. Leischker: »Der Tauchpartner muss über Erkrankung und Maßnahmen bei Unterzuckerung informiert sein.« Zudem müssen auf dem Tauchboot eine Glucagon-Spritze und schnell wirksame Kohlenhydrate zur Behandlung einer Hypoglykämie vorhanden sein. Der Mediziner riet zu einem Start-Blutzuckerwert von 160 mg/dl. Bis zu 15 Stunden nach dem Tauchgang sollten Diabetiker häufig den Zuckerwert messen. Als maximale Tauchtiefe empfahl der Referent 30 m. Denn problematisch sei es, den sogenannten Tiefenrausch von einer Unterzuckerung zu unterscheiden.

 

Bei Typ-2-Diabetikern liegen Leischker zufolge häufig Folgeerkrankungen vor, die Kontraindikationen für das Tauchen darstellen, etwa Polyneuropathie oder koronare Herzkrankheit. Typ-2- Diabetiker sollten generell frühestens sechs Monate nach Beginn der Behandlung mit oralen Antidiabetika unter Wasser gehen. Bei Therapie mit Mischinsulin besteht Tauchuntauglichkeit, so Leischker.

 

Tauchen und Herzerkrankungen

 

Tauchuntauglichkeit besteht auch in den ersten sechs Monaten nach einer Oberschenkel-Venenthrombose sowie drei Monate nach Unterschenkel-Venenthrombose. In der Regel sind auch Patienten unter dualer Plättchenhemmung tauchuntauglich. Absolute Kontraindikation für das Tauchen ist auch bei Herzinsuffizienz in den Stadien II bis IV gegeben. Im Stadium I ist Tauchen bei normaler Ergometrie möglich, so Leischker. Allerdings sollten jährliche Verlaufsuntersuchungen erfolgen. Eine weitere absolute Kontraindikation zum Tauchen stellt Lungenhochdruck dar, weil sich beim Eintauchen in das Wasser eine massive Drucksteigerung ergibt.

 

KHK-Patienten nach Koronarintervention oder Bypass-Operation sind wegen des Risikos für Reststenosen für sechs Monate tauchuntauglich. Danach ist Tauchen bei Vorliegen normaler Belastbarkeit und guter ventrikulärer Pumpfunktion wieder möglich. Ähnliches gilt für Patienten mit einem akuten Koronarsyndrom, die für mindestens ein Jahr nicht unter Wasser gehen dürfen. Danach ist dies bei Beschwerdefreiheit, guter Belastbarkeit und Pumpfunktion wieder möglich.

 

Tauchen und Asthma

 

Während Asthma bei Kindern immer eine Kontraindikation zum Tauchen darstellt, ist das bei Erwachsenen nicht unbedingt der Fall. Nur bei Anstrengungs- und Kälte-induziertem Asthma dürfen Erwachsene nicht tauchen, ansonsten ist Tauchen bei guter Symptomkontrolle grundsätzlich möglich. Leischker empfahl Asthmatikern, 15 Minuten vor dem Tauchgang einen Bronchodilatator zu inhalieren. Bei Lungenfibrose sowie Lungenhochdruck bestehe generell keine Tauchtauglichkeit.

 

Tauchen und Schwangerschaft

 

Bei Frauen hängt das Risiko für die Dekompressionskrankheit vom Zyklus ab: Sie haben das höchste Risiko in der ersten Zykluswoche, das geringste in der dritten. Bei Einnahme oraler Kontrazeptiva ist das Risiko Leischker zufolge gleichmäßig über den Zyklus verteilt. Vorsicht ist jedoch bei Schwangeren geboten: In der gesamten Schwangerschaft ist Tauchen kontraindiziert. Der Grund dafür ist der fehlende Lungenfilter im fetalen Kreislauf. Dadurch können Mikroblasen direkt in die fetale Zirkulation gelangen.

 

Wenn Reisende aufgrund ihres Reiseziels eine Malaria-Prophylaxe mit Lariam® benötigen, sollten sie mit dieser vier Wochen vor der Tauchreise beginnen. Taucher, bei denen Nebenwirkungen durch das Medikament auftreten, dürfen nicht unter Wasser. Bei therapeutischer Anwendung des Mefloquin-haltigen Präparates gilt für zwei Monate ein Tauchverbot. Wenn die Resistenzlage vor Ort nicht dagegen spricht, sind Taucher mit der Atovaquon-Proguanil-Kombination Malarone® vermutlich besser beraten. /

 

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Dekommpressionserkrankung

Die Dekompressionserkrankung wird unterteilt in die arterielle Gasembolie und die Dekompressionskrankheit. Letztere wird oft auch als Taucherkrankheit oder Caisson-Krankheit bezeichnet. Ihre Ursachen liegen in einem zu raschen Druckausgleich beim Auftauchen. Je tiefer der Taucher gelangt, desto höher wird der Wasserdruck. Gemäß dem Henry-Gesetz werden umso mehr Atemgase, vor allem Stickstoff, im Körper gelöst, je höher der Druck ist. In der Dekompressionsphase beim Auftauchen muss der Stickstoff wieder abgeatmet werden. Beim zu schnellen Auftauchen sinkt der Druck aber zu schnell. Der Stickstoff gelangt nicht in die Lunge zum Abatmen. Es bilden sich Gasblasen im Blut und Gewebe, die die typischen, teils lebensbedrohlichen Beschwerden verursachen können. Charakteristische Symptome sind zum Beispiel Schmerzen in Gelenken und Muskel, Juckreiz und Hautrötungen, Schwellungen, Abgeschlagenheit und Müdigkeit. Auch neurologische Symptome wie Gefühls-, Sprach- und Sehstörungen sowie Hör- und Gleichgewichtsstörungen oder Lähmungen sind möglich. Um die Dekompressionskrankheit zu vermeiden, dürfen Taucher nicht zu schnell wieder an die Wasseroberfläche zurückkehren. Die Behandlung besteht in der sofortigen Rekompression und Sauerstoffbehandlung beziehungsweise Überdruckbehandlung in einer Überdruckkammer. Dadurch können sich die Gasblasen im Blut wieder lösen.

 

Die Symptomatik der arteriellen Gasembolie ähnelt der des Schlaganfalls. Es gelangen – meist hervorgerufen durch Lungenüberdehnung – Gasbläschen in den arteriellen Blutkreislauf, was zur Embolie führen kann.

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