Pharmazeutische Zeitung online

Maßgeschneidert

12.06.2012  16:55 Uhr

Typisch Frau, typisch Mann. Frauenherzen schlagen höher, je näher sie einem Schuhgeschäft kommen. Männer drehen dagegen im Baumarkt so richtig auf und haben ein Faible für alles, woran Kabel und Stecker hängen. Wer kennt sie nicht, diese Sprüche über Dinge, die bezeichnend für die Geschlechter sein sollen? Mehr als Klischees sind das aber nicht. Noch kein Forscher hat bisher herausgefunden, dass die Unfähigkeit zuzuhören auf dem Y-Chromosom liegt oder dass vielleicht ein zweites X-Chromosom für Diskrepanzen und Beulen beim Einparken sorgt.

 

In der Medizin sieht das alles ganz anders aus. Dort ist unter vielen Aspekten XX nicht gleich XY. Ein Kongresstag der diesjährigen Fortbildung Pharmacon in Meran beschäftigte sich daher ausschließlich mit dem Thema individualisierte Pharmakotherapie (lesen Sie dazu Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Palliativmedizin, individualisierte Pharmakotherapie). Ein Vortrag widmete sich der geschlechtsspezifischen Medizin. Dabei wurde deutlich, dass der »kleine Unterschied« zwischen den Geschlechtern in der Pharmakotherapie eine noch viel zu geringe Bedeutung hat. Leidtragende sind meistens die Frauen. Darüber wie sie medizinisch ticken, weiß man oft weniger, als bei Männern. Denn in klinischen Studien sind Frauen noch immer unterrepräsentiert und selbst die Versuchstiere gehören in der Regel zu dem Geschlecht, das sich den Klischees zufolge eher bei Hornbach als bei Zalando wohlfühlt. Glücklicherweise steckt die geschlechtsspezifische Medizin nicht mehr überall in den Kinderschuhen, sodass Ärzte eines Tages möglicherweise eine für das jeweilige Geschlecht maßgeschneiderte Therapie anbieten können. Ein in Meran vorgestelltes Beispiel dafür ist die Anti-Leukotrien-Forschung.

 

In der Apothekenpraxis werden personalisierte Therapeutika zukünftig einen weitaus höheren Stellenwert einnehmen als bisher. Als Folge des demografischen Wandels werden noch zwei weitere Themenblöcke des Kongresses, nämlich Herz-Kreislauf-Erkrankungen und die Palliativmedizin, in den nächsten Jahren an Bedeutung gewinnen. Auch hier können Ärzte oft Behandlungen auswählen, die auf den jeweiligen Patienten abgestimmt sind.

 

Dem Wissenschaftlichen Beirat der Bundesapothekerkammer ist es gelungen, in Meran ein maßgeschneidertes Kongressprogramm zusammenzustellen. Es fand bei den Kollegen sehr viel Anklang. Besonders interessiert dürften auch die vielen Apotheker in spe von den Universitäten zugehört haben. Denn maßgeschneiderte Therapiekonzepte werden vor allem sie in der Praxis zunehmend beschäftigen.

 

Sven Siebenand

Stellvertretender Chefredakteur

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