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Kalkschulter

Starke Schmerzen im Gelenk

14.06.2011
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Von Nicole Schuster / Bei einer Kalkschulter kristallisieren Calciumsalze in den Sehnen des Schultergelenks aus und sammeln sich dort an. Die Krankheit kann stumm verlaufen, verursacht mitunter aber auch extreme Schmerzen. Stoßwellen können den Kalk zertrümmern. Letzte Option ist ein operativer Eingriff.

Mit einer Verkalkung von Blutgefäßen, der Arteriosklerose, hat die umgangssprachlich als Kalkschulter bezeichnete Tendinosis calcarea nichts zu tun. Tendinosis calcarea bedeutet vielmehr »verkalkende Sehnendegeneration«. Die Krankheit gehört zu den periartikulären Schultererkrankungen, womit gemeint ist, dass Strukturen um das eigentliche Gelenk herum geschädigt sind. Bei der Kalkschulter sind das vor allem die Schultersehnen.

Die Ursache für die Kalkeinlagerungen ist ungeklärt. Zwei Theorien haben Wissenschaftler entwickelt: Die wahrscheinlichere ist, dass eine lagebedingte Minderdurchblutung die Sehnen anfällig für die Kalkabsonderung macht. Sie laufen durch eine Art Tunnel und stehen dabei ständig unter einer leichten Druckbelastung. Einen für die Durchblutung ähnlich ungünstigen Verlauf gibt es an anderen Gelenken nicht. Durch die mangelnde Sauerstoffversorgung stirbt Gewebe ab, die Sehnen degenerieren, und Kalk lagert sich ein. »Eine Kalkschulter ist im Grunde eine kalzifizierende Nekrose«, sagt Professor Dr. Markus Loew, Facharzt für Orthopädie und Unfallchirurgie am Zentrum für Schulter- und Ellenbogenchirurgie der ATOS Klinik Heidelberg, gegenüber der Pharmazeutischen Zeitung.

 

Die zweite Entstehungstheorie basiert darauf, dass überall im Körper Sehnengewebe zu Knorpelgewebe umgebaut wird. Bei überschießender Knorpelbildung stirbt ein Teil des Knorpels ab und Kalk lagert sich ein. Warum Calciumsalze fast ausschließlich an der Schulter auskristallisieren, erklärt die Theorie aber nicht.

 

Wellenförmiger Verlauf ist typisch

 

Eine Kalkschulter bleibt häufig unbemerkt. »Viele Patienten wissen gar nicht, dass sie Kalkablagerungen am Schultergelenk haben, da sie ihnen keine Schmerzen bereiten«, erklärt der Experte aus Heidelberg. Wenn die Einlagerungen jedoch eine gewisse Größe erreichen oder ungünstig liegen, kann es zu extrem starken Schmerzen kommen. Eine sekundäre Entzündung des Schleimbeutels kann die Beschwerden vergrößern. Ungünstig ist, wenn Patienten die Schultern jetzt schonen. Das kann zur Schultersteife führen, einer schmerzhaften Bewegungseinschränkung. Dabei verdickt sich die Schulterkapsel erst, dann schrumpft sie. Die Betroffenen schonen das Gelenk daraufhin meist erst recht, was einen verhängnisvollen Kreislauf in Gang setzt.

 

Bei der chronischen Form der Kalkschulter treten Schmerzen bei bestimmten Bewegungen auf. Führen die Patienten die Bewegung wiederholt durch, entstehen Entzündungen. Diese klingen wieder ab und kehren zurück, wenn die Betroffenen die kritischen Bewegungen wieder aufnehmen. Der schubartige Verlauf ist typisch für die Kalkschulter. Unter besonders heftigen Schmerzen leiden Patienten, wenn sich der Kalk auflöst. »Patienten beschreiben das als wahren Vernichtungsschmerz«, berichtet Loew.

 

Betroffen von der Kalkschulter sind vorwiegend Menschen im Alter von 30 bis 50 Jahren, wobei Frauen die Mehrzahl der Erkrankten ausmachen. Bei Patienten in diesem Alter, die den typisch wellenförmigen Verlauf beschreiben, kann ein erfahrener Orthopäde schon gleich eine Kalkschulter vermuten. Bei sehr schlanken Personen kann er die Ablagerungen sogar von außen ertasten. Um die Diagnose zu erhärten, sind weitere Untersuchungen, vor allem eine Röntgenuntersuchung erforderlich. Sie gilt als die treffsicherste und aussagestärkste Methode bei der Diagnose der Tendinosis calcarea. »Von Vorteil ist, dass wir auf dem Röntgenbild auf den Zustand des Kalks schließen können und zum Beispiel sehen, ob er sich gerade in Auflösung befindet«, sagt Loew. Zur Größe und Lage gibt neben dem Röntgenbild auch eine Ultraschallaufnahme Auskunft. Weniger geeignet ist die Kernspintomografie, um Rückschlüsse auf den Zustand der Kalkdepots ziehen zu können.

 

Mit Stoßwellen gegen den Kalk

 

Die Behandlung richtet sich nach dem Beschwerdebild der Betroffenen. Da körpereigene Phagozyten (Fresszellen) den Kalk früher oder später von selbst abbauen, ist bei Patienten ohne Schmerzen oder in beschwerdefreien Phasen keine Behandlung notwendig. Bei akuten Schmerzen und Entzündungen verordnet der Arzt schmerz- und entzündungshemmende Präparate aus der Gruppe der nicht steroidalen Antirheumatika wie Diclofenac. Kühlen verschafft ebenfalls Erleichterung. Bei starken Schmerzen kann eine Cortisoninjektion die Qualen der Patienten unterbrechen. Auch eine Injektion von leichten Betäubungsmitteln lindert die Schmerzen. Sobald die Schmerzen nachlassen, sollten Patienten die Schulter wieder bewegen, um eine Versteifung des Gelenks zu verhindern. Eine gezielte Physiotherapie entlastet zudem die Schultersehnen unter dem Schulterdach und regt die Durchblutung an. Ebenfalls geeignet, um die Durchblutung zu fördern, ist eine Bestrahlung mit Ultraschall oder eine Elektrotherapie, bei der Gleichstrom den Blutfluss anregt.

 

Greifen diese Behandlungsoptionen nicht ausreichend, können Ärzte die Kalkdepots mit akustischen Wellen beschießen. Eine extrakorporale Stoßwellentherapie (ESWT) beschleunigt deren Abbau. Die Behandlung mit hochenergetischen Stoßwellen ist zwar schmerzhaft für den Patienten, sie zertrümmern aber am zuverlässigsten die Ablagerungen. Weniger energiereiche Stoßwellen reduzieren hauptsächlich die Schmerzen und greifen nicht an der Ursache an.

 

Als letzte Therapieoption kommt ein operativer Eingriff infrage. Er weist eine Erfolgsaussicht von über 90 Prozent auf, bringt aber auch die üblichen Operationsrisiken mit sich. Heute operieren Ärzte die Kalkschulter fast ausschließlich mit der Schlüssellochmethode minimalinvasiv. »Der arthroskopische Eingriff dauert etwa eine halbe Stunde«, erklärt Professor Dr. Ulrich H. Brunner, Facharzt für Unfall-, Schulter- und Handchirurgie vom Krankenhaus Agatharied in Hausham sowie Präsident der Deutschen Vereinigung für Schulter- und Ellenbogenchirurgie, im Gespräch mit der PZ. Bei der Operation werde ausschließlich der Kalk ausgeräumt. »Eine gleichzeitige Erweiterung des Schulterdachs hat sich in Studien nicht bewährt«, so Brunner. Drei bis vier Tage nach dem Eingriff sollte der Patient seinen Arm noch ruhig halten und danach mit der Krankengymnastik beginnen. Nicht operieren sollten Ärzte in der akuten Phase, da hier die Gefahr, dass die Schulter einsteift, am größten ist.

 

Ein Wiederauftreten der Kalkschulter brauchen Patienten nicht zu befürchten: »Wenn der Kalk einmal weg ist, dann ist er auch weg«, sagt Loew. Allerdings komme es bei etwa 20 bis 30 Prozent der Patienten vor, dass später auch die andere Schulter betroffen sei. /

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