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Hypercholesterolämie

Gefahr erkannt, Gefahr gebannt

14.06.2011
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Von Annette Mende, Berlin / Stark erhöhte Cholesterolwerte von Geburt an kennzeichnen die familiäre Hypercholesterolämie. Häufig bleibt die Erkrankung unentdeckt, bis es in ungewöhnlich jungen Jahren zu einem ersten kardiovaskulären Ereignis kommt. Experten fordern deshalb ein Screening aller Neugeborenen.

Die familiäre Hypercholesterolämie (FH) wird durch Mutationen in bestimmten Genen ausgelöst, die für den LDL-Cholesterol­abbau wichtig sind. Infolge der autosomal (nicht auf den Geschlechtschromosomen) dominant vererbten Mutationen kommt es zu einem Funktionsverlust des LDL-Rezeptors (LDL-R). Dieser Rezeptor befindet sich auf der Oberfläche aller Körperzellen und hat die Aufgabe, LDL-Partikel aus dem Blut zu binden. Normalerweise wird der Rezeptor zusammen mit dem gebundenen LDL in die Zelle internalisiert, das Cholesterol wird abgebaut, und der entladene Rezeptor wandert zurück an die Oberfläche, um neue LDL-Partikel aufzunehmen. Bei Menschen mit FH ist dieser Ablauf gestört, was zu einem Anstieg des LDL-Cholesterolspiegels im Blutplasma führt.

 

Die Erkrankung ist nicht selten: »Epidemiologisch ist eine von 500 Personen an der familiären Hypercholesterolämie erkrankt«, sagte Professor Dr. Joachim Arnemann, Labormediziner aus Köln, bei einer von der Firma Trommsdorff unterstützten Veranstaltung in Berlin. In vielen Fällen ist nur eine einzige Mutation für die Entstehung der FH verantwortlich (monogen). Die Diagnostik der Erkrankung vereinfachen soll ein neuer Gentest, den Arnemann vorstellte. Mit dem LIPOchip® sei es möglich, die DNA von Risikopatienten schnell und vergleichsweise kostengünstig auf die häufigsten FH-auslösenden Mutationen zu testen. Mit dem Test ließen sich etwa 80 bis 85 Prozent der Mutationen nachweisen, bei diesen Patienten sei somit eine aufwendige Komplettsequenzierung zur Sicherung der Verdachtsdiagnose nicht notwendig.

Wie wichtig es ist, dass den Patienten eine gesicherte Diagnose gestellt wird, betonte Professor Dr. Elisabeth Steinhagen-Thiessen, Leiterin der Lipidambulanz der Berliner Charité. Denn meistens ahnen die Betroffenen nichts von ihrer Erkrankung. Der dauerhaft erhöhte Cholesterolspiegel lässt aber das Atheroskleroserisiko stark ansteigen. »Aus Erfahrung wissen wir, dass Männer mit unbehandelter FH bereits in der vierten Lebensdekade das erste kardiovaskuläre Ereignis haben, Frauen etwa 10 bis 15 Jahre später«, sagte Steinhagen-Thiessen. Klinische Zeichen einer familiären Hypercholesterolämie sind neben der frühzeitigen Manifestation einer kardiovaskulären Erkrankung knotige Cholesterolablagerungen in der Haut (Xanthelasmen) oder in den Achilles- und Fingerstrecksehnen (Sehnenxanthome).

 

Um das Risiko für spätere Herzinfarkte oder Schlaganfälle zu senken, müssen bereits Kinder mit FH auf eine fettarme Ernährung und viel Bewegung achten. Sind die Cholesterolwerte trotz gesunder Lebensweise erhöht, verordnet Steinhagen-Thiessen Gallensäuren-bindende Ionenaustauscherharze wie Colestyramin oder Colesevelam. Bei erwachsenen FH-Patienten reicht das in aller Regel nicht aus, sie benötigen häufig zusätzlich Statine und/oder Ezetimib, um den LDL-Cholesterolwert unter 100 mg/dl zu senken. All diese therapeutischen Maßnahmen sind natürlich nur möglich, wenn Betroffene sich ihres Risikos bewusst sind.

 

Angesichts einer vermutlich hohen Dunkelziffer undiagnostizierter FH-Patienten hält Steinhagen-Thiessen daher ein Neugeborenen-Screening auf erhöhte Cholesterolwerte für erforderlich. Denn zurzeit werde die FH bei Kindern entweder zufällig oder nach einem kardiovaskulären Ereignis beim Vater oder bei der Mutter diagnostiziert. Ein Neugeborenen-Screening hätte somit noch einen weiteren Vorteil: »Dabei könnte man das Elternteil, von dem das Kind die FH geerbt hat, gleich mit erwischen«, sagte Steinhagen-Thiessen. /

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