Pharmazeutische Zeitung online
Theodor Escherich

Der Pädiater und der Problemkeim

14.06.2011
Datenschutz bei der PZ

Von Ulrike Abel-Wanek / Unter dem Namen »Bacterium coli commune« hat Theodor Escherich vor über 125 Jahren das E.-coli-Bakterium erstmals beschrieben. Dass einige Stämme »seines Bakteriums« zu gefährlichen Problemkeimen werden könnten, hatte der Forscher damals nicht geahnt.

Erscherich war nicht nur Bakteriologe, sondern auch engagierter Pädiater. 1894 wurde er ordentlicher Professor der Medizin in diesem Fachbereich an der Universität Graz. Er war der dritte mit einem Lehrstuhl für Kinderheilkunde, eine Stellung, die vor ihm erst zwei Kollegen in Wien und Berlin erreicht hatten.

Escherich fand das später nach ihm benannte Bakterium in den Ausscheidungen Neugeborener – nach der ersten Milchmahlzeit. In der kurzen Zeit zwischen Geburt und erster Nahrungsaufnahme ist der Darm noch völlig frei von Keimen, was der Mediziner mithilfe von Untersuchungen des Mekoniums nachwies. Hatte der Säugling dann getrunken, besiedelte seinen Verdauungstrakt eine Vielzahl von Keimen, unter ihnen auch die nur zwei Hundertstel Millimeter großen, stäbchenförmigen Mitbewohner, die den Bakteriologen später weltberühmt machen sollten. Vor allem zwei Bakterienarten weckten sein wissenschaftliches Interesse: das »Bacterium lactis aerogenes«, also die »Milchsäurebakterien«, und das »Bacterium coli commune«, das unter dem Namen Escherichia coli wie kaum ein anderes die Entwicklung von medizinischer Forschung und der industriellen Biotechnologie beeinflussen sollte. Seine Erkenntnisse beschreibt der Forscher in der umfangreichen Habilitationsschrift, die er 1886 unter dem Titel »Die Darmbakterien des Säuglings und ihre Beziehungen zur Physiologie der Verdauung« veröffentlichte.

 

Escherich wurde am 29. November 1857 im bayerischen Ansbach als Sohn eines Arztes geboren. Er studierte Medizin in Kiel, Berlin und Würzburg, wurde 1881 in München zum Doktor promoviert, 1886 durch die dortige medizinische Fakultät habilitiert und zum Privatdozenten für Kinderheilkunde ernannt. Vier Jahre später erhielt er einen Ruf nach Graz als außerordentlicher Professor für Pädiatrie. 1902 ging er als Professor für Kinderheilkunde und Direktor des St. Anna-Kinderspitals nach Wien.

Der Kinderarzt lebte in einer für die Medizin spannenden Aufbruchzeit. 1882 entdeckte Robert Koch den Tuberkulose-Erreger. Krankheiten, denen Ärzte bisher hilflos gegenüberstanden, ließen sich nun besser verstehen. Auch Escherich war davon überzeugt, dass in der Bakteriologie der Schlüssel zur Lösung zahlreicher pädiatrischer Probleme liegen könnte. Nicht nur die Verdauungsvorgänge interessierten ihn, sondern vor allem auch die zahlreichen kindlichen Darmerkrankungen und die damit einhergehende damalige hohe Säuglingssterblichkeit. Den kleinen, an den Enden abgerundeten Stäbchenkeimen, die er ganz besonders reichlich im unteren Abschnitt des Darmkanals fand, gab er den Namen Colonbakterien. Er entdeckte sie bei Kindern und Erwachsenen, aber auch bei Säugetieren und Vögeln und stufte sie als weitverbreitete, eher harmlose Fäulniskeime ein, solange die Verdauungsfunktion ungestört ablaufe. Mittlerweile weiß man, dass bestimmte Stämme des Bakteriums wie beispielsweise EHEC schwere Erkrankungen hervorrufen können. Auch spezielle Untersuchungen über das Vorkommen von E. coli außerhalb des Darms wurden zunächst noch nicht angestellt. Vermutet hat der Forscher jedoch bereits 1894, dass es einen Zusammenhang zwischen Harnwegsinfekten und dem Darmkeim geben könnte. In dieser Zeit beschrieb er auch erstmals die Bakterienart Campylobacter im Rahmen eines Vortrags über die Choleraepidemie in Neapel. Escherich leistete Pionierarbeit. E. coli ist heute eines der Mikroorganismen, die am besten erforscht sind. Die WHO empfiehlt den Fäkalkeim seit 2003 als wichtigsten Indikator für verschmutztes Wasser.

 

Dass der Bakteriologe und Pädiater auch Wegbereiter einer modernen Kinderheilkunde war, ist weniger bekannt. Viele der von ihm eingeführten Standards zur Hygiene und Ernährung haben noch Gültigkeit. Er errichtete eigene Infektionsabteilungen, um ansteckende Krankheiten zu minimieren, bekämpfte erfolgreich den kindlichen Mundsoor und war einer der ersten Kinderärzte, die Gewichtskurven zur Beurteilung des Wachstums des Babys einsetzten. Als Sozialmediziner warb er vehement für das Stillen und gründete 1904 den Verein »Säuglingsschutz«. Auch legte er sich mit zahlreichen deutschen und österreichischen Politikern an, weil er sie verantwortlich machte für die schlechten sozialen Zustände und damit für die verbreitete hohe Kindersterblichkeit. Sein Name steht jedoch für den Keim, der 1919 nach ihm benannt wurde: Escherichia Coli. Er selber hat diese Ehrung nicht mehr erlebt. Escherich starb am 15. Februar 1911 im Alter von nur 53 Jahren an einem Schlaganfall. /

Mehr von Avoxa