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Malaria

Zurückdrängen ist Programm

15.06.2010
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Von Gudrun Heyn, Berlin / Der Kampf gegen die Parasitenerkrankung Malaria, die immer noch weltweit eine der häufigsten Todesursachen darstellt, wurde in den letzten Jahren massiv verstärkt. Globale Initiativen konnten die Erkrankungszahlen in einigen Regionen deutlich senken – doch von einer Ausrottung ist man noch weit entfernt.

Bis zu 500 Millionen Menschen erkranken jährlich an einer Malaria. Besonders groß ist das Infektionsrisiko in den Ländern Afrikas südlich der Sahara. 90 Prozent aller Malariaerkrankungen treten dort auf. Die Betroffenen leiden unter Fieberanfällen, Schüttelfrost und Übelkeit. Freiwerdende Stoffwechselprodukte der Parasiten der Gattung Plasmodium führen zu Anämie sowie Hypoxie und können Autoimmunreaktionen hervorrufen. Die Folgen sind erheblich. Eine Million der Betroffenen verstirbt direkt an der Erkrankung. »Bei weiteren zwei Millionen ist Malaria einer von mehreren Faktoren, die zum Tode führen«, sagte Dr. Rolf Koschorrek, Mitglied des Deutschen Bundestages, auf einer Dialog-Veranstaltung von Glaxo-Smith-Kline in Berlin. Bei den weniger schweren Verläufen schränkt Malaria die Leistungsfähigkeit ein, kostet Zeit, Kraft und sehr viel Geld. Malaria ist daher nicht nur eine der häufigsten globalen Todesursachen, sondern stellt auch eines der größten Verarmungsrisiken dar. Allein auf dem afrikanischen Kontinent entstehen so jedes Jahr Gesundheits- und Produktionsausfallkosten von mehr als 12 Milliarden US-Dollar.

Als Antwort auf diese seit Langem bestehenden Probleme hat die Welt­gesundheitsorganisation (WHO) gemeinsam mit dem UN-Kinder­hilfs­werk (Unicef), dem UN-Entwicklungs­programm (UNDP) und der Weltbank die Initiative »Roll Back Malaria Part­nership« ins Leben gerufen. Seit 1998 koordiniert die Initiative inter­nationale Partnerschaften zwischen mittlerweile mehr als 500 Beteiligten. Der Name der Initiative ist Programm: Roll Back Malaria (RBM) bedeutet Zurückdrängen der Malaria. So sollen die malariabedingten Erkrankungs- und Todesfälle reduziert und die Ge­sund­heitssysteme in den betroffenen Ländern gestärkt werden. »Mittelfris­tig wollen wir die Elimination der Malaria erreichen«, sagte Dr. Thomas Teuscher von der in Genf ansässigen RBM-Partnership. In der Praxis bedeutet dies, dass niemand mehr an der Erkrankung verstirbt, und die Inzidenz der lokal erworbenen Malaria auf ein Minimum zurückgedrängt ist. Langfristig wird jedoch die Ausrottung der Malaria angestrebt.

 

Der Malaria-Aktionsplan

 

Ein wichtiges Instrument der RBM-Partnership ist der Globale Malaria-Aktionsplan (GMAP). Er sieht vor, dass jeder Mensch in einem Risikogebiet Zugang zu effektiven Präventivmitteln erhält. Dazu gehören Insektizide für Innenräume und mit Insektiziden imprägnierte Moskitonetze. 150 Millionen solcher Netze wurden im vergangenen Jahr verteilt, davon 43 Millionen allein von Unicef, berichtet die Organisation in ihrem aktuellen Report »Fortschritte und Probleme«. Mehr Kinder als jemals zuvor schliefen jetzt unter Moskitonetzen. Doch die Zahl der Netze reiche bei Weitem nicht aus, um die 3,3 Milliarden in Endemiegebieten lebenden Menschen zu schützen. Der zweite Ansatz neben der Prävention ist die effektive Therapie der Infektion. Flächendeckend soll eine therapeutische Behandlung mit wirksamen Arzneimitteln sichergestellt werden. Hier zeigen sich bereits erste Erfolge. So wurden im Jahr 2009 insgesamt 160 Millionen Dosen ACT (Artemisin-based combination therapy) für betroffene Länder beschafft – im Jahr 2000 waren es noch 500 000 Dosen.

Noch sind die Erfolge der bisherigen Partnerschaften je nach Land sehr unterschiedlich. So können sich heute je nach Region zwischen 20 und 80 Prozent der Haushalte in endemischen Gebieten täglich vor einer Malaria-Infektion schützen. Dagegen ist eine systematische medizinische Versorgung in den meisten Ländern nicht erreicht. »Wir haben vor allem Probleme, die richtigen Leute im Land und die richtigen Interventionen bereit­zustellen«, sagte Teuscher. Hauptproblem ist dabei der Ärztemangel. In Kenia versorgt zum Beispiel ein Arzt etwa 7600 Menschen, in Malawi sogar 65 000 Men­schen. Im Vergleich dazu liegt die Rate in mittel­europä­ischen Ländern etwa bei einem Mediziner auf 200 Einwohner.

 

Gute medizinische Versorgung

 

Wie wirksam ein funktionierendes Gesundheitssystem im Kampf gegen Malaria sein kann, zeigt das Beispiel des Albert-Schweitzer-Hospitals in Gabun. Im zentralafrikanischen Regenwald versorgt es die rund 25 000 Einwohner der Stadt Lambaréné. Noch 1995 bestand das Personal des Hospitals aus zwei Mitarbeitern: einem Studenten und einem Arzt im Praktikum. »Heute sind es 80 Mitarbeiter, darunter 25 Ärzte, die bis zu sechs klinische Studien betreuen«, sagte Dr. Wolfram Metzger vom Tropeninstitut der Universität Tübingen. Allein in der Phase-III-Studie mit dem Malaria-Impfstoff RTS,S werden derzeit 720 Kinder betreut, 1200 Kinder sollen insgesamt aufgenommen werden. Sie und ihre Geschwister stehen unter einer kostenfreien, kontinuierlichen gesundheitlichen Überwachung, schnellen Diagnose und Therapie. In der Folge ist die Prävalenz der Malaria von 1995 bis heute von 50 Prozent auf 5 Prozent bei Kindern gesunken.

 

»Für eine erfolgreiche Malariabekämpfung ist vor allem der politische Wille entscheidend«, sagte Teuscher. So konnten mithilfe von RBM etwa in Äthiopien die Todesfälle bei Kleinkindern in den letzten zwei Jahren um 40 Prozent gesenkt werden. Auch in Ruanda, Eritrea, São Tomé, Principé und Sansibar ließ sich durch spezifische Interventionen die Zahl der Malaria-Erkrankungen um 50 Prozent reduzieren. Doch der Kampf gegen Malaria ist auch eine finanzielle Frage. »Der Global Fund hat nicht genügend Geld, um alle existierenden Programme zu finanzieren«, sagte Teuscher. Wenn die Welt sich nicht stärker engagiere, um Initiativen am Leben zu halten, könne sich das Problem unter Umständen noch verschärfen. /

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