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Operation Atalanta

Medizin im Einsatz gegen Piraten

14.06.2010
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Von Volker Hartmann und Jörg Dustmann / Seit mehreren Jahren beobachten Reeder und Schifffahrtslinien mit Sorge die anhaltenden Piratenaktivitäten östlich der somalischen Küste und im Golf von Aden. Die Marinen zahlreicher Nationen führen Operationen gegen die Piraterie durch, darunter auch deutsche Fregatten und Versorgungsschiffe. Mit an Bord: professionelle medizinische und pharmazeutische Versorgung.

Die Ereignisse um das deutsche Handelsschiff »MS Hansa Stavanger«, das sich von April bis Juli 2009 in der Hand von somalischen Piraten befand, verdeutlichten der deutschen Öffentlichkeit erstmals das Problem der Piraterie am Horn von Afrika. Übergriffe und Kaperungen von Handelsschiffen und deren Auslöse gegen Millionensummen erreichten eine Qualität, die die freie Seefahrt in diesen für die Weltweltwirtschaft wichtigen Handelswegen immer stärker beeinträchtigte. Erst Anfang April 2010 wurde das von Piraten besetzte deutsche Containerschiff MS Taipan in einer spektakulären Aktion befreit. Die festgenommenen Piraten befinden sich mittlerweile in Deutschland. Nach 400 Jahren wird es zum ersten Mal zu einem Piratenprozess vor einem Hamburger Gericht kommen.

PZ-Originalia

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Gestützt auf sogenannte Mutterschiffe schlagen die Piraten bis zu 1000 Seemeilen von ihren Basen an der somalischen Küste entfernt zu. Vom Zeitpunkt des Erscheinens der Seeräuber in kleinen wendigen Motorschnellbooten (Skiffs) bis zur Kaperung von Handelsschiffen dauert es gewöhnlich nur 10 bis 15 Minuten. Mithilfe von Leitern und Enterhaken kommen sie an Bord, übernehmen das Kommando und zwingen die Besatzung zur Kursänderung vor die somalische Küste. Die Piraten sind mit Maschinenpistolen und Granatwerfern bewaffnet. Mittlerweile wird fast immer geschossen, um die zivilen Besatzungen einzuschüchtern. Schwere Verletzungen und Todesfälle sind die Folge.

Die wenigen Kriegsschiffe des maritimen EU-Einsatzes verteilen sich in einem Seegebiet von der mehrfachen Größe Deutschlands. Ihr Auftrag ist der Schutz von zivilen Handelsschiffen, die Überwachung der Küste und Maßnahmen zur Abschreckung, Verhütung und Beendigung von Piratenüberfällen. Der Einsatz der deutschen Schiffe stellt eine erhebliche operative, aber auch rechtliche Herausforderung für die Marine dar. Erstmals befinden sich Juristen an Bord, um die Schiffsführungen zu beraten. Auch wenn in bestimmten Situationen tödliche Gewalt gegen Piraten ausgeübt werden darf, zum Beispiel in der unmittelbaren Abwehr eines Angriffs, stellt dies zumeist die Ausnahme dar.

 

Piraten sind oftmals schwer zu erkennen und tarnen sich geschickt als Fischer. Nach Entdeckung flüchten sie in ihren Speedbooten oder werfen ihre Waffen über Bord, sodass es kaum gelingt, sie zweifelsfrei zu identifizieren. Auch die Erstürmung von gekaperten Schiffen wurde bisher nur in sehr wenigen Fällen erfolgreich durchgeführt. Die durch die gesamte GSG 9 und starke Marinekräfte beabsichtigte Befreiung der »Hansa Stavanger« wurde wenige Stunden vor dem Zugriff wegen zu hoher Risiken gestoppt.

Die Droge Ostafrikas: Khat

An Bord der gekaperten Schiffe berichten die gefangenen Seeleute regelmäßig von berauschten Piraten. Diese befinden sich oft in einem labilen psychischen Zustand, sind mehr oder weniger gewalttätig oder auch euphorisiert. Das liegt nicht etwa an einem unkontrollierten Alkoholkonsum dieser Klientel, sondern an der Kaudroge Khat. Sie wird mit den Versorgungsbooten an Bord der Schiffe gebracht.

 

Die Khat-Sprossen stammen von dem gleichnamigen Strauch, der in großem Maßstab in der Region kultiviert wird und wie Unkraut wächst. In einem Bund zusammengefasst, sieht das Khat aus wie eine Mischung aus hiesigem Rukola- und Feldsalat. Es stellt einen bedeutenden Wirtschaftsfaktor in der ansonsten rohstoffarmen Gegend dar. Nach Djibouti, dem Haupthafen Ostafrikas, werden die Blätter dieses Spindelbaumgewächses täglich frisch aus Äthiopien eingeflogen. Am Flughafen ist dann ungewohnt reger Betrieb, die Ballen müssen schnellstens weiterverteilt werden, ehe sie trocknen. Die Frische der grünen Sprossen ist wichtig, weil nur dann der darin enthaltende Wirkstoff Kathamin Cathinon freigesetzt wird. Und zwar nur beim ausgiebigen stundenlangen Kauen. Gegen Mittag gibt sich nahezu die gesamte männliche Bevölkerung der Gegend diesem Zeitvertreib hin. Khat hat ähnlich des Amphetamins eine kreislaufanregende, euphorisierende Wirkung und ist appetitzügelnd. Ein hohes psychisches Abhängigkeitspotential ist auch beschrieben. Man erwirbt es gewöhnlich auf dem Markt. Unter Jutesäcken gegen die Hitze geschützt, werden die Khat-Sprossen zwischen Zigaretten und Melonen verkauft. Für deutsche Gaumen ist diese Art von Rohkost wegen des äußerst bitteren Geschmacks allerdings kaum geeignet. Auch aus kulturellen Gründen hat sich das Khat trotz seines Images als harmlose Biodroge zwischen Nordsee und Alpen nicht eingebürgert. In Deutschland ist Besitz, Erwerb und Einfuhr von Khat seit Langem verboten. Immer wieder berichtet der Zoll aber von Schmuggel in die EU, wohl unter anderem zur Versorgung ostafrikanischer Einwanderer. Harmlos ist das Khat freilich nicht, wie die oft paradoxen und schnell von einem zum anderen Extrem wechselnden Stimmungen der Piraten zeigen.

Die Seefahrtszeiträume der deutschen Schiffe von bis zu einem Monat ohne Hafen setzen eine gewisse Autarkie im Bordsanitätsdienst voraus. Im Indischen Ozean gibt es kaum Möglichkeiten, Patienten in Häfen mit suffizienten Krankenhäusern abzugeben. Verfügbare klinische Einrichtungen befinden sich ausschließlich an der Peripherie in Djibouti, Salalah (Oman) und in Mombasa (Kenia). Ebenso sind Flughäfen als Ausgangspunkt von medizinischen Evakuierungen kaum verfügbar.

Die gesamte, mehr als 3000 Kilometer lange Küstenlinie Somalias ist für Ausschiffungen von Patienten nicht im Ansatz geeignet. Die Entfernungen der Schiffe zu sicheren Häfen betragen oft Hunderte von Seemeilen. Mögliche Verletzte oder Erkrankte müssen daher über längere Zeiträume an Bord versorgt werden, bevor sie mit den an Bord befindlichen »Sea Lynx Helikoptern« weitertransportiert werden können. Sie haben – mit einem speziellen medizinischen Rüstsatz versehen – eine Reichweite von 100 bis 200 Seemeilen.

 

Sanitätsdienst an Bord

 

Für den gefährlichen Einsatz Atalanta hat die Deutsche Marine von Anfang an Vorsorge getroffen und ein stringentes sanitätsdienstliches Versorgungskonzept für Verletzte implementiert. Im internationalen Vergleich hält sie dabei den höchsten medizinischen Standard bereit. Der Bordsanitätsabschnitt besteht personell aus dem Schiffsarzt, zumeist einem Allgemeinmediziner mit der Fachkunde »Rettungsmedizin«, einem Sanitätsbootsmann als Rettungsassistenten und aus bis zu vier weiteren Sanitätssoldaten. Neben der hausärztlichen Versorgung der Besatzung verwalten und pflegen sie das umfangreiche Sanitätsmaterial und -gerät.

Zusätzlich führen die deutschen Schiffe eine Bordfacharztgruppe mit. Sie besteht aus einem Chirurgen und einem Anästhesisten, einem Zahnarzt und einem intensivmedizinischen Fachpfleger. Sie können Patienten notfallmedizinisch und -chirurgisch im Schiffslazarett behandeln. Der Besatzung wird damit ein hochstehender sanitätsdienstlicher Standard geboten. Die Behandlungsgrundsätze sind darauf gerichtet, Überlebens- und Wiederherstellungschancen von Patienten bis zum Erreichen einer klinischen Versorgung zu verbessern. Sofern ein direkter Abtransport auf See in eine medizinische Einrichtung vor Ort nicht möglich ist, hat der Chirurg eine der jeweiligen Situation auf See angepasste Behandlung durchzuführen. Bisher konnte eine Anzahl schwieriger und lebensrettender Operationen bis hin zu Notamputationen und -laparotomien bei Soldaten oder ausländischen Seeleuten durchgeführt werden. Auch in Gewahrsam genommene Piraten an Bord erhalten selbstverständlich eine medizinische Behandlung.

 

In den Schiffslazaretten muss dabei ständig geübt werden: teamgesteuerte Verfahren, die Herrichtung des Behandlungsraums, die Patientenvorbereitung bis hin zu simulierten Operationsschritten. In Anbetracht der beengten Situation an Bord, eingeschränkter Diagnostika, medizinischer Geräte und Arzneimittel, der hygienischen Bedingungen und schwieriger Assistenz, ist die Durchführung größerer operativer Eingriffe schwierig. Die Anforderungen für das Fachpersonal sind enorm und deutlich höher als im heimatlichen klinischen Umfeld.

Auf einer Fregatte befindet sich ein voll klimatisiertes Schiffslazarett, aufgeteilt in einen Behandlungsraum mit OP-Tisch, einen administrativen Bereich, einen Krankenraum mit vier übereinander liegenden Patientenkojen sowie einen Sanitärraum mit Badewanne, Toilette und Sterilisator. Die Räume der bis zu 25 Jahre alten Schiffe sind klein. Verlegungen sind daher kompliziert. Zur Einlagerung des umfangreichen Sanitätsmaterials stehen im Schiffslazarett und in Lagerlasten entsprechende, wenn auch beengte Staumöglichkeiten in Form von Schränken und integrierten Schubladensystemen zur Verfügung.

 

Gut gerüstet für den Notfall

 

Die Ausstattung der Fregatten an Medizingeräten umfasst moderne Notfallbeatmungs- und Inhaliergeräte, Defibrillator, Patientenüberwachungsmonitor, Pulsoxymeter, eine Infusionspumpe und einen Injektionsautomaten, ein Gerät zur Belastungsergometrie samt EKG, medizinische Sauggeräte und Elektrochirurgiegeräte. Die Modernisierung der Narkoseausstattung und der Röntgenanlage hin zur Digitalisierung in Verbindung mit bereits vorhandener Telemedizin wird in den kommenden zwei Jahren umgesetzt. Die labordiagnostischen Möglichkeiten konnten mithilfe eines Blutgasanalysegerätes sowie eines klinisch-chemischen Analysators deutlich erweitert werden. Der Arznei-, Verbandmittel- und Medizinproduktevorrat, eine Ausstattung Gynäkologie sowie Diagnostika und Schnellteste orientieren sich weit über die Bedürfnisse der hausärztlichen Sprechstunde hinaus am notfallmedizinischen Behandlungsbedarf von Verletzten.

Ein entscheidendes Modul bildet die Ausstattung mit chirurgischen Instrumenten, die von der Wundversorgung bis hin zu Laparatomie und Knochenversorgung ein breites Spektrum abdeckt. Die chirurgischen Sätze sind zu Einsatzbeginn sterilisiert und können nach Gebrauch an Bord zum großen Teil resterilisiert werden. Größere Mengen an Einmalinstrumentarium (Single Use Surgical Instruments) sind ebenfalls vorhanden. Zudem werden zwei Zusatzpakete »Arznei-, Verbandmittel und Medizinprodukte« für Chirurgie und Anästhesie erst mit Einschiffung der Bordfacharztgruppe an Bord verbracht. Sie haben sich seit vier Jahren im Einsatz bewährt. Neben dem Schiffslazarett mit seinem Materialbestand gibt es auf den Fregatten zwei Verbandplätze, die im Gefechtsfalle mit dem Personal der Schiffsarztgruppe, Sanitätshelfern und der Bordfacharztgruppe besetzt sind. Erstmals in einem Einsatz werden in Atalanta die Fregatten auch mit Blutkonserven in speziellen Kühlboxen ausgestattet. Die gesamte medizinische Ausstattung wird unter wehrpharmazeutischen Gesichtspunkten in enger Abstimmung mit den Schiffs- und Fachärzten stetig weiterentwickelt.

 

Die Ärzte im Einsatz Atalanta haben hervorragende Möglichkeiten, dringende lebensrettende chirurgische und intensivmedizinische Maßnahme durchzuführen, wenn auch – in Anbetracht der schwierigen Raum- und Zeitfaktoren und der doch limitierten Ressourcen – nur unter gewissen Risiken. /

Für die Verfasser:

Flottenarzt Dr. Volker Hartmann

Einsatzflottille 2

Opdenhoffstraße 24

26384 Wilhelmshaven

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