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Künstliche Ernährung

Lebensrettende Lösungen

08.06.2009
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Eine künstliche Ernährung ist nötig, wenn ein Mensch über einen längeren Zeitraum auf dem normalen Weg nicht ausreichend Nahrung zu sich nehmen kann, will oder darf. Dies kann bei einer Reihe von Erkrankungen der Fall sein. Zu den Indikationen zählen schwere Traumata, Operationen und Bewusstlosigkeit. Zudem ist eine künstliche Ernährung erforderlich bei funktionellen Störungen des Verdauungstrakts, zum Beispiel bei massiven Kau- und Schluckbeschwerden (nach Schlaganfall, bei Gesichtsfrakturen oder Hals-Tumoren) oder bei Erkrankungen der Verdauungsorgane wie Stenosen des Darms, Mukoviszidose, Pankreatitis oder Morbus Crohn. Weitere Indikationen sind Kachexie (starke Abmagerung) bei Krebserkrankungen, bei immunologischen oder konsumierenden chronischen Erkrankungen. Auch bei manchen Patienten mit seniler Demenz, Morbus Parkinson oder Anorexia nervosa kann es nötig sein, die Nahrung künstlich zuzuführen.

 

Ist eine ausreichende orale Ernährung nicht mehr gewährleistet, kann sie zunächst mit Trinknahrung und Supplementen ergänzt werden. Stellt auch dies die Energiezufuhr nicht mehr sicher, muss eine enterale Ernährung begonnen werden.

 

Über die Sonde

 

Da bei der enteralen Ernährung die Nahrung über eine Sonde in den Magen-Darm-Trakt geleitet wird, ist sie nur möglich, wenn der Verdauungstrakt noch funktioniert. Die Wahl der Sonde hängt von der voraussichtlichen Ernährungsdauer, der Art der Erkrankung und dem Zustand des Patienten ab. Bei einem kurzen Zeitraum der Ernährung wird in der Regel ein transnasale Sonde (über den Nasen-Rachen-Raum) in den Magen oder den Dünndarm gewählt. Diese setzt aber eine ungehinderte Passage in Nase und Rachen voraus. Bei Sonden, die im Magen enden, muss zudem die Magenentleerung funktionieren. Diese Form der Ernährung nutzt den gesamten Verdauungstrakt und entspricht damit der normalen Ernährung. Die Nahrung wird vom Magen portionsweise an den Darm weitergeleitet, und die gastrointestinale Hormonproduktion auf diese Weise aktiviert. Die Nahrung lässt sich über eine solche naso-gastrale Sonde entweder mithilfe der Schwerkraft oder einer Pumpe applizieren. Ist die Magenentleerung gestört, wird die Sonde bis in den Dünndarm geleitet.

 

Muss die enterale Ernährung voraussichtlich länger als drei Wochen beibehalten werden, ist es sinnvoll, eine perkutane Sonde (durch die Bauchdecke in den Magen oder Dünndarm) zu legen.

 

Der Energiebedarf

 

Vor Beginn einer künstlichen Ernährung ist es wichtig, den Ernährungszustand des Patienten zu erfassen, um eine mögliche Mangel- oder Unterernährung zu entdecken. Dies ist auch nötig, um die Energie- und Nährstoffzufuhr richtig dosieren zu können. Diese beiden richten sich prinzipiell nach den D-A-CH-Referenzwerten für die Nährstoffzufuhr. Doch bei einigen Krankheiten kann sich durch pathophysiologische Vorgänge im Körper der Bedarf an einzelnen Nährstoffen verändern, was bei der Zusammenstellung der Sondennahrung berücksichtigt werden muss.

 

Um die benötigte Energiezufuhr abschätzen zu können, wird der Ruheenergieverbrauch anhand der Körpergröße, dem Gewicht, Alter und Geschlecht berechnet. Bei Erwachsenen liegt dieser normalerweise bei etwa 20 bis 24 kcal pro kg Körpergewicht pro Tag. Zusätzlich sind noch die Mobilität des Patienten sowie die Art und Schwere der Erkrankung mit einzubeziehen. Denn Erkrankungen können nicht nur den Nährstoff-, sondern auch den Energiebedarf verändern. So erhöht eine milde Infektion diesen um etwa 20 Prozent, durch schwere Verbrennungen steigt er sogar um 60 bis 90 Prozent. Bei der Berechnung ist außerdem zu berücksichtigen, ob ein Erhalt oder eine Zunahme des Gewichts das Ziel ist. Wird eine Konstanz angestrebt, muss die Sondennahrung den Energiebedarf decken, ist eine Gewichtssteigerung erwünscht, können entsprechend mehr Kalorien verabreicht werden. Bei welcher Erkrankung welcher Energiebedarf erforderlich ist, ist aus Listen von Fachgsellschaften zu entnehmen. So hat zum Beispiel ein 60 kg schwerer onkologischer Patient, der etwa 10 kg zunehmen soll, einen Bedarf von 2100 kcal (35 kcal mal 60 kg) pro Tag.

 

Als Sondennahrung steht eine Vielzahl an Produkten zur Verfügung, die in drei große Gruppen einzuordnen sind: die selbst gemachte Sondenkost, nährstoffdefinierte Diäten und chemisch definierte Diäten sowie deren Sonderformen, die auf spezielle Erkrankungen zugeschnitten sind.

 

Die selbst hergestellte Sondenkost wird in Klinik- oder Diätküchen aus normalen Lebensmitteln frisch zubereitet. Die Deutsche Gesellschaft für Ernährungsmedizin (DGEM) empfiehlt in ihrer Leitlinie, dass industriell hergestellte Produkte der selbst gemachten Kost vorzuziehen sind, da sie hygienisch sicherer sind. Zudem ist mit einer selbst gemachten Kost über längere Zeit keine Bedarfsdeckung an allen Mikro- und Makronährstoffen zu erreichen, da nicht alle Lebensmittel sondengängig gemacht werden können.

 

Synthetisch hergestellt werden die nährstoffdefinierten Diäten, auch hochmolekulare Diäten genannt. Sie enthalten alle Nährstoffe in hochmolekularer Form. So ist der Proteinanteil in intakten Proteinen, Fett hauptsächlich als langkettige Triglyceride und Kohlenhydrate als Poly-, Oligo- oder Monosaccharide enthalten. Die Polymere müssen erst enzymatisch aufgespalten werden, bevor sie im Darm resorbiert werden können. Daher ist eine intakte Verdauungsleistung für diese Sondenkost notwendig. Die Produkte sind so eingestellt, dass sie zwischen 1 und 1,5 kcal pro Milliliter liefern. Sie sind mit und ohne Ballaststoffe erhältlich.

 

Für Patienten mit eingeschränkter Verdauungsleistung sind chemisch definierte (niedermolekulare) Diäten geeignet. Sie enthalten die Nährstoffe in Form von schnell verwertbaren Monomeren wie Monosaccharide und einzelnen Aminosäuren, die ohne enzymatische Aufspaltung im Dünndarm aufgenommen werden können. Für verschiedene Erkrankungen sind spezielle Präparate erhältlich. So können bei einer Fettverdauungsstörung Produkte mit mittelkettigen Triglyceriden eingesetzt werden. Bei Kurzdarmsyndrom, Malabsorption und zur Ruhigstellung von hinteren Darmabschnitten sind ballaststofffreie Diäten mit kurzkettigen Peptiden empfehlenswert. Darüber hinaus gibt es Spezialprodukte für Erkrankungen wie Diabetes mellitus, Niereninsuffizienz und Tumoren.

 

Komplikationen einer enteralen Ernährung wie ein Bruch oder Verstopfen der Sonde sind heute selten. Häufiger zu beobachten sind dagegen gastrointestinale Symptome wie Diarrhö, Reflux, Erbrechen oder Aspiration, das Eindringen von Sondennahrung oder Mageninhalt in die Atemwege.

 

Parenterale Ernährung

 

Wenn ein Patient über die enterale Ernährung wegen fehlender Verdauungs- oder Resorptionsleistung nicht ausreichend mit Nahrung versorgt werden kann, ist die Indikation zur parenteralen Ernährung gegeben. Sie kann als zusätzliche Nährstoffgabe dienen oder als totale parenterale Ernährung (TPE) die notwendige Nahrung vollständig liefern. Bei der TPE sind in der Infusionslösung alle Mikro- und Makronährstoffe im richtigen Verhältnis zueinander (an die Situation und Stoffwechsellage des Patienten angepasst) enthalten. Kohlenhydrate, Proteine und Fette liegen in niedermolekularer, rasch verwertbarer Form vor.

 

Ist die parenterale Ernährung nur eine begleitende Maßnahme zur enteralen Ernährung und ist die Osmolarität der Infusionslösung nicht zu hoch (höher als 600 mosmol/l), kann die Infusion über wechselnde periphere Venen (am Arm) versucht werden. Bei einer totalen parenteralen Ernährung ist es wegen der hohen Osmolarität der Lösung nötig, einen zentralvenösen Zugang zu wählen. Bevorzugt wird der Katheter dann an Hals- oder Schlüsselbeinvene angebracht.

 

Die parenterale Ernährung ist immer die Ultima Ratio. Selbst wenn eine ausreichende enterale Ernährung nicht möglich ist und eine parenterale Ernährung vorgenommen werden muss, sollte eine minimale enterale Ernährung (»Zottenernährung«) angestrebt werden. Diese verhindert die Atrophie der Zotten und unterstützt die intestinalen Schutzfunktionen.

 

Eine parenterale Ernährung ist nicht ganz ungefährlich: Es kann zu Venenreizungen, Venenthrombosen und zu Kathetersepsis kommen. Auch eine falsche Dosierung der Nährstoffe in der Infusionslösungen kann zu metabolischen Komplikationen führen. So kann sich durch eine zu hohe Glucosezufuhr eine Fettleber oder ein Diabetes mellitus entwickeln. Durch eine engmaschige Überwachung des Patienten und Kontrolle der Leberfunktionsparameter und Blutkonzentrationen verschiedener Nährstoffe lassen sich viele Komplikationen vermeiden.

Serie Ernährung

Dieser Artikel ist Teil der Serie Ernährung. Die nächste Folge zum Thema »Diäten« erscheint in PZ 26 und ist bereits am Montag, dem 22. Juni, online verfügbar unter »Zum Thema«.

Literatur

Biesalski, H.-K., Ernährungsmedizin, Georg Thieme Verlag, Stuttgart (2004)

»Künstliche Ernährung«, DGE-Info ­ Beratungspraxis (01/2006)
DGEM-Leitlinie »Enterale Ernährung« (www.dgem.de/enteral.htm)

 

Links ins Internet

DGEM-Leitlinie «Enterale Ernährung»
www.dgem.de/enteral.htm

DGEM-Leitlinie «Parenterale Ernährung»
www.dgem.de/parenteral.htm

Informationen von Fresenius Kabi
www.enterale-ernaehrung.de

 

Buch-Empfehlungen

Unsere Autorinnen und Autoren haben eine Literaturliste mit empfehlenswerten Büchern zum Thema Ernährung zusammengestellt:

 

Ernährung allgemein

Hans-Konrad Biesalski u. a., Ernährungsmedizin (2004), Thieme Verlag

Hans-Konrad Biesalski und Peter Grimm, Taschenatlas der Ernährung (2007), Thieme Verlag

 

Kalorien/Vitamine

DGE, Referenzwerte für die Nährstoffzufuhr (2008), Umschau Verlag

Ibrahim Elmadfa u. a., Die große GU Nährwert-Kalorien-Tabelle 2008/2009, Gräfe und Unzer Verlag (2008)

Nestlé Deutschland, Kalorien mundgerecht (2006), Umschau Verlag

Karl-Heinz Bässler u. a., Vitamin-Lexikon (2007), Komet-Verlag

 

Gewichtsreduktion

Alfred Wirth, Adipositas: Ätiologie, Folgekrankheiten, Diagnostik, Therapie, Springer-Verlag Berlin (2007)

Martin Wabitsch und andere, Adipositas bei Kindern und Jugendlichen: Grundlagen und Klinik (2004), Springer-Verlag

Joachim Westenhöfer, Abnehmen ab 50 (2005), Govi-Verlag

Tanja Schweig, Abnehmen und schlank bleiben (2002), Govi-Verlag

 

Diabetes mellitus

A. Liebl und E. Martin, Diabetes mellitus Typ 2 (2005), Govi-Verlag

J. Petersen-Lehmann, Diabetes heute, mehr Sicherheit und Freiheit (2003), Govi-Verlag

J. Petersen-Lehmann, Diabetes-Wissen von A bis Z (2006), Govi-Verlag

Arthur Teuscher, Gut leben mit Diabetes Typ 2 (2006), Trias Verlag

Eberhard Standl, Hellmut Mehnert, Das große Trias-Handbuch für Diabetiker (2005), Trias Verlag

Annette Bopp, Diabetes, Stiftung Warentest (2001)

 

Allergien/Intoleranzen

Andrea Betz-Hiller, Zöliakie. Mehr wissen, besser verstehen (2006), Trias Verlag

Thilo Schleip, Fructose-Intoleranz (2007), Trias Verlag

Thilo Schleip, Lactose-Intoleranz (2005), Ehrenwirth Verlag

 

Cholesterin

C. Eckert-Lill, Kampf dem Cholesterin (2003), Govi-Verlag

 

Hypertonie

M. Conradt, Blutdruck senken, der richtige Weg (2004), Govi-Verlag

 

 

Weitere Informationen finden Sie unter www.govi.de.

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