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Keiner wagt den Befreiungsschlag

10.06.2008
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Keiner wagt den Befreiungsschlag

Von Werner Kurzlechner

 

Verschiedene Instrumente sollen mehr Wettbewerb in der Gesundheitswirtschaft ermöglichen. Doch es fehlt ein klares Konzept ­ und der Wille, mutig das Dickicht der Regelungen zu durchschlagen, bemängelten Fachleute, die auf Einladung von GlaxoSmithKline über Wettbewerb und Kostensenkung diskutierten.

 

Mit einer Fülle von Gesundheitsreformen entstand ein Wirrwarr von Steuerungsinstrumenten. Ulla Schmidts Gesundheitsministerium scheint sich eine Entrümpelung wenigstens zaghaft vorgenommen zu haben. Die betroffenen Akteure warten inzwischen sehnlich darauf, dass etwas geschieht. Gewissenhafte Apotheker würden ihren Kunden einen solchen Medikamenten-Cocktail niemals aushändigen: eine nicht aufeinander abgestimmte Mischung von Arzneien mit teilweise nur mangelhaft überprüften Wirkstoffen zur Heilung ein und derselben Krankheit. Genau auf diese Weise versucht die Politik aber seit vielen Jahren den Patienten Gesundheitswesen zu kurieren, dem sie mit jeder Reform eine neue Therapie verordnete – wohlgemerkt ohne die bereits begonnenen Kuren abzubrechen. Einmal mehr und somit nicht überraschend entzündete sich daran vergangene Woche in Berlin Kritik in einer Diskussionsrunde, zu der das Pharmaunternehmen GlaxoSmithKline (GSK) eingeladen hatte.

 

Mut machte allerdings, dass sich Franz Knieps einsichtig zeigte. »Mir ist das alles auch viel zu viel«, kommentierte der Abteilungsleiter für Gesetzliche Krankenversicherungen im Bundesministerium für Gesundheit (BMG) den längst nicht nur für Laien unübersichtlichen Wust an Instrumenten für mehr Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen. »Wir wollen diesen Dschungel lichten«, kündigte Knieps an. Intern führe man längst einen »strukturierten Dialog« darüber, welche Mittel letztlich verzichtbar seien. Übertriebenen Erwartungen beugte der Beamte allerdings vor: Einen »Big Bang« werde es nicht geben. Schon weil kein politisch Verantwortlicher mit voller Kraft eine Bresche durchs Dickicht zu schlagen wage.

 

Kritik an Aut-idem-Regelung

 

Eine Hilfestellung beim Durchkämmen der Regulierungen im Arzneimittelmarkt bot der Bayreuther Volkswirt Professor Dr. Volker Ulrich. Er ordnete das von der Politik bislang bereitgestellte Besteck in zweckmäßige und verzichtbare Instrumente. Als durchaus nützlich können demnach beispielsweise die Apothekenfestspanne, kassenindividuelle Positivlisten oder apothekenindividuelle Handelsspannen gelten.

 

Rundweg überflüssig sind aus gesundheitsökonomischer Perspektive nach Meinung Ulrichs das umstrittene Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) und die Aut-idem-Regelung, die Apotheken die vom Rezept abweichende Abgabe wirkstoffgleicher Mittel erlaubt. Ulrich bemängelte daran den mit derlei Instrumenten verbundenen Zentralismus. Er sprach sich für mehr wettbewerbliche Steuerung aus, indem Entscheidungen stärker auf einzelne wirtschaftliche Akteure verlagert werden. Dazu merkte Ulrich an, dass hierzulande im internationalen Vergleich nicht die Schärfe der Eingriffe in den Wettbewerb hervorsteche. Hemmend wirke sich vor allem das inkonsistente Nebeneinander an Interventionen aus.

 

In einem Schlenker zur aktuellen Diskussion über die Rationierung von Arzneimitteln verdeutlichte Ulrich, ohne sich in dieser Frage festzulegen, worum diese Debatte letztlich kreist. In England würden für ein zusätzlich gerettetes Lebensjahr höchstens 45.000 Euro aufgewendet. »Wir müssen uns überlegen: Ist das hier auch gewünscht?«, so der Finanzwissenschaftler aus Oberfranken. Und konzedierte der Politik immerhin, dass zwischen den Polen einer medizinisch optimalen Versorgung und ihrer Wirtschaftlichkeit die Balance schwer zu finden sei. Der Gesundheitsfonds als große Neuerung für das kommende Jahr immerhin wird den Wettbewerb zwischen den Krankenkassen ankurbeln. Bis Jahresende seien gewiss alle Details geregelt, so Knieps.

 

Launig berichtete er von Immobilienangeboten an seine Abteilung, weil manche den Fonds offenbar für eine neue Behörde halten. Genau derlei Undurchsichtigkeiten scheinen das Grundproblem zu sein. »Die Krankenkassen haben überhaupt keine Ahnung, wie sich ihre relative Wettbewerbssituation im kommenden Jahr darstellen wird«, merkte Thomas Ballast vom Verband der Angestellten-Krankenkassen an.

 

Ruf nach Berechenbarkeit

 

Der bisherige Deutschlandchef von GSK, Dr. Thomas Werner (er übergab das Amt zum 1. Juni an Dr. Cameron G. Marshall), stieß aus Industriesicht ins selbe Horn: »Die Kalkulierbarkeit ist unser großes Problem.« Wenn es in der von Interessensgegensätzen geprägten Gesundheitswirtschaft einen gemeinsamen Nenner gibt, dann ist es der Wunsch nach berechenbaren Rahmenbedingungen.

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