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Entwicklungsverzögerungen

Jedes Kind hat sein eigenes Tempo

06.06.2008
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Entwicklungsverzögerungen

Jedes Kind hat sein eigenes Tempo

Von Claudia Borchard-Tuch

 

Kinder entwickeln sich entsprechend eines natürlichen Grundmusters, das individuellen Schwankungen unterworfen ist. Sind bestimmte Grenzwerte unterschritten, spricht man von einer Entwicklungsverzögerung. Dann muss schnell mit einer Therapie begonnen werden, um die Retardierung wirksam zu bekämpfen.

 

»Das menschliche Gehirn ist neurobiologisch darauf vorbereitet, in einem bestimmten Abschnitt der kindlichen Entwicklung ganz bestimmte Fähigkeiten zu erlernen«, erklärte Professor Dr. Erich Kasten, Institut für Medizinische Psychologie, Universität Lübeck, gegenüber der Pharmazeutischen Zeitung. Daher existieren bei der kindlichen Entwicklung mehrere Entwicklungsphasen, die fließend ineinander übergehen.

 

Das Sprechen zum Beispiel beginnt mit dem Schreien: Das Neugeborene zeigt durch sein Brüllen Unlust an. »Schreien ist die Wurzel des Verständigungsvermögens«, sagte Kasten. »Das Neugeborene lernt: Wenn ich Geräusche produziere, bekomme ich Aufmerksamkeit.« Schon Neugeborene können Silben und den Sprachrhythmus verschiedener Sprachen voneinander unterscheiden. Menschen besitzen offenbar eine angeborene Fähigkeit, bestimmte akustische Wahrnehmungsmuster genau wahrzunehmen.

 

Schon kurz nach der Geburt geben Babys bei Wohlgefühlen Wonnelaute von sich. Im dritten Monat treten langgezogene Vokale auf. Etwa ab dem sechsten Monat kommt es zum Silbengeplapper, der sogenannten »Lallsprache«. Im Alter zwischen sieben und zehn Monaten beginnen Kinder, bewusst mit sprachlichen Lauten zu experimentieren und ahmen mit unsinnigen Silbenabfolgen die Sprache der Erwachsenen nach, die sie noch nicht verstehen, sie »brabbeln«. Die Ausdrucksmöglichkeiten werden mannigfaltiger und spiegeln die augenblickliche Stimmungslage wider.

 

Das Wortverständnis geht der eigentlichen Sprechfähigkeit lange voraus. Zunächst wächst die Fähigkeit, Mienen und Gesten zu »verstehen«, dann wird auch der Aufforderungscharakter einzelner Wörter verstanden. Ende des ersten Jahres verwendet das Kind selbst einzelne Wörter. Mit dem Gebrauch dieser übernommenen oder selbst gewählten Lautsymbole beginnt das Sprechenlernen, das über Ein-Wort-Sätze zu Zwei- und Drei-Wort-Sätzen gegen Ende des zweiten Lebensjahres führt. Wie alle Leistungen ist der Erwerb der Sprache großen individuellen Schwankungen unterworfen und von den Umweltbedingungen abhängig.

 

»Der Entwicklungsstand eines Kindes setzt sich immer aus genetischer Basis, Lebensalter und Umweltanregung zusammen. Sprechen wird am besten zwischen dem ersten und fünften Lebensjahr erlernt«, sagte Kasten. »Ein Kind, dessen Spracherwerb in diesem Alter nicht ausreichend gefördert wurde, wird lebenslang große Schwierigkeiten damit haben, sich gut auszudrücken. Nach dem fünften Lebensjahr erweitert sich der Wortschatz. Ob es aber sinnvoll ist, ein Kind zweisprachig zu erziehen, ist nicht geklärt.«

 

Auch die motorische Entwicklung erfolgt nach einem Grundmuster: Ab dem dritten Lebensmonat greift der Säugling nach vorgehaltenen Gegenständen, mit sechs bis sieben Monaten lernt er sitzen, mit dem Krabbeln erweitert sich sein Lebenskreis, bis er schließlich zu Beginn des zweiten Lebensjahres Laufen lernt. Mit der Fähigkeit zum Laufen gewinnt das Kind die räumliche Orientierung. Die zeitliche Orientierung beginnt erst im vierten Lebensjahr und ist vollständig erst mit etwa acht bis zehn Jahren entwickelt. Zunächst ist nur die kurzfristige Merkfähigkeit vorhanden, ein bleibendes Langzeitgedächtnis ist erst etwa vom dritten oder vierten Lebensjahr an nachweisbar. Erinnerungen an den Zeitraum davor hat kaum ein Mensch.

 

Im Umgang mit den Spielgefährten, in der Kindergruppe, in Kindergarten und Schule lernt das Kind »spielend«, sich ein- und unterzuordnen. »Sozialverhalten müssen wir erlernen, das individuelle Temperament dagegen ist in erster Linie genetisch bedingt«, erklärte Kasten hierzu. »So haben beispielsweise schüchterne Eltern zumeist auch schüchterne Kinder.« Studien zeigten, dass Schüchternheit mit bestimmten Bereichen des Gehirns verknüpft ist und dass ein Ungleichgewicht zwischen bestimmten, Angst steuernden Neurotransmittern im Gehirn wie Noradrenalin, Serotonin und g-Aminobuttersäure besteht.

 

Was sind Verzögerungen?

 

Jedes Kind hat bei der Entwicklung sein eigenes Tempo, und innerhalb gewisser Grenzen sind Unterschiede zwischen Kindern gleichen Alters völlig normal. Aus Studien kennt man jedoch Grenzwerte, wann Kinder einzelne Entwicklungsschritte spätestens erreicht haben sollten. Ist dies nicht der Fall, spricht man von Entwicklungsverzögerung. Vorsorgeuntersuchungen sind ein wichtiger Bestandteil zur Früherkennung. Tests wie etwa der Progress Assessment Chart (PAC) erfassen systematisch den aktuellen Entwicklungsstand eines Kindes.

 

Störungen können sich in verschiedenen Bereichen äußern. So kann die motorische Entwicklung verzögert sein. Sämtliche Bewegungsabläufe im grob- und feinmotorischen Bereich können betroffen sein. Zum Teil ist auch die kognitive Entwicklung verlangsamt: Das Kind begreift beispielsweise Zusammenhänge nicht oder kann sich Dinge nur schwer merken. Das Sprachverständnis kann gestört sein oder das Sprechen verlangsamt. Auch die emotionale Entwicklung kann von der Norm abweichen: Das Kind ist beispielsweise aggressiv oder depressiv oder leidet unter starken Angstgefühlen. Ist die soziale Entwicklung gestört, ist es dem Kind nur sehr schwer möglich, Verhaltensregeln in einer Gruppe zu erlernen.

 

Jede Entwicklungsverspätung muss Anlass sein, nach möglichen Ursachen zu suchen. »Man sollte so früh wie möglich mit einer Therapie beginnen«, erklärte Kasten. Liegen körperlich bedingte Ursachen der Entwicklungsverzögerung vor, wird eine kausale Behandlung angestrebt. Manchmal sind Medikamente unumgänglich, beispielsweise bei einer Schilddrüsenhypoplasie. Sind keine körperlichen Ursachen erkennbar oder ist deren Behandlung nicht möglich, verbleibt oftmals nur eine Behandlungsform, bei der die mangelhaft ausgebildeten Fähigkeiten mit Übungen trainiert werden. Viele betroffene Kinder können durch Trainings- und Übungsbehandlungen gute Fortschritte erreichen. Physiotherapeuten, Ergotherapeuten, Logopäden, Heilpädagogen und Psychologen bieten Therapieverfahren für entwicklungsverzögerte Kinder an.

 

Ursachen von Störungen

 

Es gibt drei grundlegende Voraussetzungen für eine normale Entwicklung. Sind diese nicht erfüllt, kommt es zu einer Entwicklungsretardierung. Die genetische Disposition schafft den Rahmen. Aufgrund des Erbgutes fallen manchen Kindern sportliche Betätigungen leicht, andere lernen leicht auswendig. Andererseits können angeborene Anomalien zu schweren Entwicklungsstörungen führen. So ist zum Beispiel ein Kind mit einer angeborenen Hörstörung beim Sprechenlernen stark beeinträchtigt. Eine weitere Voraussetzung stellen bestimmte biologische Reifungsvorgänge dar, die notwendig sind, damit die folgende Entwicklungsstufe erreicht werden kann. Ein Kind kann beispielsweise vor einem bestimmten Alter nicht laufen, da der biologische Reifungszustand das noch nicht erlaubt.

 

Der dritte und wichtigste Bestandteil der menschlichen Entwicklung ist jedoch das Lernen durch Umweltanregung. Kinder erlernen die meisten Fähigkeiten durch Wiederholung und Übung, Nachahmung und Anleitung von ihren Bezugspersonen.

 

Frühes Lernen ist dabei besonders bedeutsam: Denn die Lerngeschwindigkeit nimmt mit zunehmendem Alter ab. Im Gehirn führt das Lernen dazu, dass sich neue Verknüpfungen zwischen Nervenzellen bilden. Immer, wenn das Gehirn benutzt wird, laufen Stromimpulse über Nervenverbindungen, und es werden Botenstoffe ausgeschüttet. Werden immer wieder die gleichen Nerven gemeinsam aktiv, so verändert sich die Verbindung zwischen ihnen. Sie wird stabiler und man spricht von Lernen.

 

Das Gehirn fängt relativ früh in der postnatalen Entwicklung an, neue Synapsen, also Verbindungen von einer Nervenzelle zur anderen, zu bilden (Synaptogenese). Dabei übersteigt die Anzahl der Synapsen bei Kindern weit die Anzahl, die im erwachsenen Hirn zu finden ist. Die endgültige Anzahl und Art der Verbindungen der Zellen untereinander ist dabei bis ins Jugendalter nicht abschließend festgelegt, und gerade die Pubertät scheint eine Zeit besonders starker »Umbauaktivitäten« im Gehirn zu sein.

 

Gehirne besitzen die Fähigkeit zum spontanen Generieren von Regeln aufgrund von Reizen. Hierbei hat die Gehirnrinde die Eigenschaft, regelhafte Erfahrungen landkartenförmig zu organisieren. Neuere Untersuchungen konnten zeigen, dass die Entstehung der Karten selbst das Signal für deren Verfestigung darstellt. Erst wenn eine Karte aufgrund der Verarbeitung entsprechender Erfahrungen entstanden ist, sorgt sie für ihre Verfestigung, das heißt sie kann im höheren Lebensalter nur noch in geringem Ausmaß verändert werden.

 

Gefühle spielen beim Lernen eine extrem wichtige Rolle. »Die Bedeutung der Emotionen beim Lernen ist kaum zu überschätzen«, erklärte Kasten. Man kann Wissen durch stetige Wiederholung erlernen, wie etwa beim Vokabellernen. Leichter merkt das Gehirn sich aber alles, was Affekte auslöst, etwa den Inhalt des letzten spannenden Kinofilms. Hierbei spielen Verschaltungen zwischen dem Emotionen verarbeitenden limbischen System und den wissensspeichernden Hirnarealen eine wichtige Rolle. Der Mandelkern (Amygdala) bewirkt, dass gefährliche Reize besser gespeichert werden, der Nucleus accumbens wird bei freudigen Ereignissen aktiv. Der gleiche Stoff wird daher in guter Stimmungslage mithilfe von anderen Gehirnbereichen gelernt als unter negativer emotionaler Emotion. Was immer an gelerntem Material im Mandelkern ist, die gleichzeitig damit gelernte Angst wird beim Abruf dafür sorgen, dass eines genau nicht möglich ist: der kreative Umgang mit diesem Material. Somit muss die emotionale Atmosphäre beim Lernen stimmen.

 

Zudem ist bekannt, dass Kinder beim Lernen alle Sinne brauchen, die sie ständig miteinander abgleichen. Deshalb funktioniert jedes Lernen besser, wenn nicht nur Denken und Gedächtnis angesprochen werden. Wir behalten etwa 10 Prozent von dem, was wir lesen, 30 Prozent von dem, was wir sehen, aber 90 Prozent von dem, was wir selber tun.

 

Daher sind manche Experten wie Professor Dr. Manfred Spitzer, Universität Ulm, der Meinung, dass ein Fernseh- oder Computerbildschirm für Kinder immer schädlich sei ­ auch dann, wenn die tollste Kindersendung, der schönste Tierfilm oder das intelligenteste Lernprogramm läuft. Sie führen zu einer Verarmung der Erfahrungen des Kindes. Die Tiefendimension fehlt, das Kind kann nichts anfassen und schon gar nichts riechen oder schmecken.

 

Laut Spitzer gehe es beim Lernen nicht darum, dass Kinder mit drei Jahren lesen oder Kopfrechnen können. Stattdessen sollen sie fit gemacht werden, dass sie später Probleme kreativ lösen können. Die wesentlichen Faktoren, die dieses Lernen fördern, sind: erstens Interaktion, also Gemeinschaft mit anderen. Zweitens Freude und Spaß. Und drittens: Nicht stillsitzen und pauken, sondern alle Sinne gebrauchen.

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