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Center-Apotheken

Die Kaufland-Connection

11.06.2007  11:47 Uhr

Center-Apotheken

Die Kaufland-Connection

Von Patrick Hollstein

 

Einkaufscenter, Lebensmittelmärkte und Gewerbeparks locken auch Apotheken mit der Aussicht auf hohe Kundenfrequenz. Großhändler und Projektentwickler halten ihre Hände über die besten Flächen. Es geht um die Sicherung von Gewinnen und Standorten. Im Schatten von Fremd- und Mehrbesitzverbot hat sich ein schwer durchschaubarer lukrativer Industriezweig für Apothekenimmobilien entwickelt. Fallbeispiel: Kaufland.

 

Einer der ersten Verbrauchermärkte, der systematisch Apotheken in seinen Filialen platzierte, war Kaufland. 23 Jahre nach der Eröffnung des ersten SB-Warenhauses in Neckarsulm betreibt das zur Schwarz-Gruppe zählende Unternehmen heute 700 Märkte in Deutschland, Tschechien, Polen, Kroatien, der Slowakei sowie in Bulgarien und Rumänien. Anders als der ebenfalls zur Gruppe gehörende Discounter Lidl setzen die Schwester-Unternehmen Kaufland, Kaufmarkt und Handelshof nicht auf Billigprodukte, sondern auf Markenware. Von Beginn an bietet Kaufland daher neben Bäckern, Metzgern, Friseuren, Reisebüros und anderen selbstständigen Einzelhändlern auch Apothekern die Möglichkeit, sich als Konzessionäre in den Märkten anzusiedeln.

 

Unbekannte Kennziffern

 

Über die genaue Zahl der Kaufland-Apotheken wird nichts bekannt gemacht; erst nachdem die Gewerkschaft ver.di mit ihrem Schwarz-Buch 2004 die miserablen Arbeitsbedingungen bei Lidl öffentlich angeprangert hat, betreibt der Konzern ein Mindestmaß an Öffentlichkeitsarbeit. Mittlerweile dürften rund 70 Märkte allein in Deutschland über eine Apotheke verfügen; die Namenswahl »Apotheke im Kaufland« obliegt einer Sprecherin des Konzerns zufolge der »Entscheidung der rechtlich selbstständigen Apotheker«. Doch der Markt ist umkämpft ­ Kaufland-Apotheker wird man so einfach nicht.

 

Bereits 1991 übernahm die Apotheken Marketing Gesellschaft mbH die Vermittlung von Kaufland-Flächen an Apotheker. Gesellschafter des Unternehmens waren der Neckarsulmer Apotheker Helmut Fritsch und der ehemalige Anzag-Mitarbeiter Joachim Birkle. Das Geschäft mit der An- und Weitervermietung von Gewerbeflächen für Apotheken florierte, doch 2001 trennten sich die beiden Unternehmer. Birkle legte in Zusammenarbeit mit Kohlpharma vor drei Jahren das Franchisekonzept Avie auf, das ebenfalls überwiegend auf Standorte in Einkaufsmärkten wie Wal Mart, Real und Kaufland setzt. Mittlerweile gehören knapp 60 Apotheken dem Modell an, das in der Branche nicht unumstritten gesehen wird.

 

Lizenzhandel

 

Fritsch siedelte sich mit einer Center-Apotheke am Stadtrand Berlins an und handelte weiterhin exklusiv mit Kaufland-Lizenzen: Hauptanbieter für Apothekenflächen in Kaufland-Märkten ist mit mittlerweile 45 vermittelten Standorten ein Unternehmen namens BRL Center GmbH, neuerdings BRL Marketinggesellschaft mbH. Die Verwaltungsgesellschaft mit Sitz in Berlin gehört einer Holding aus dem schweizerischen Zollikon.

 

Als Geschäftsführer agiert Jörg Finnern, ein ehemaliger Verkaufsleiter der Sanacorp in Potsdam. Als Regionalmanagerin Deutschland tritt bei BRL außerdem die Inhaberin einer Apotheke in Charlottenburg auf, die bis 2005 außerdem im brandenburgischen Rathenow eine Kaufland-Apotheke betrieb.

 

Weil in der Maklerszene vor allem der direkte Draht in den Markt zählt, sind die Strukturen des Berliner Netzes verflochten: Über seine eigene sowie die beiden Leipziger Kaufland-Apotheken seiner Frau betreibt Fritsch, gemeinsam mit Finnern, außerdem die Versandapotheke Apo-Discounter sowie ein Logistikzentrum, das allein angesichts seiner Größe der Belieferung breit aufgestellter Zusammenschlüsse dienen dürfte. Nicht nur in Leipzig gilt das Fritsch-Imperium seit Jahren als feste Größe: Als Anwalt in verschiedenen berufsrechtlichen Auseinandersetzungen soll Fritsch sich vor Jahren von keinem Geringeren als dem heutigen Celesio-Chef Dr. Fritz Oesterle vertreten lassen haben.

 

Vieles bleibt offen

 

»Keine Maklergebühren, keine Vermittlungsprovisionen, sondern ein erfolgreich erprobtes Betreiberkonzept« ­ das Franchise-Angebot der BRL lässt vieles offen und manches erahnen. Während BRL bemüht ist, die eigene Rolle auf die eines »Ladenbauers« zu reduzieren, hilft ein Blick ins Ausland, um das komplexe Konstrukt zu verstehen: Bereits unmittelbar nach der Gründung startete das Unternehmen 2002 auch in Tschechien und Polen mit seinem Kaufland-Konzept durch. Dank der gesetzlichen Freiheiten und der finanziellen Rückendeckung mutmaßlicher Investoren brauchte BRL hier keine selbstständigen Apotheker mit ins Boot zu holen: Das Unternehmen blieb unmittelbarer Eigentümer der installierten Kaufland-Apotheken. In beiden Ländern hatten bereits andere Firmen damit begonnen, die begehrten Standorte zu belegen. In Tschechien baute der ehemalige Gehe-Chef Jaroslav Havrda bereits seit 2000 eine Kaufland-Apothekenkette auf; in Polen siedelten sich ebenfalls nicht zur BRL gehörende Apotheken in den SB-Märkten an.

 

Vor zwei Jahren erfolgte die generalstabsmäßige Konsolidierung: Die slowakische Investmentgruppe Penta, die in ihrem Heimatland sowohl Apotheken, Polikliniken als auch Krankenversicherungen betreibt, kaufte sämtliche Kaufland-Apotheken. Damit betreibt das Unternehmen in der Mehrzahl der tschechischen, polnischen und slowakischen Kaufland-Märkte eigene Apotheken (siehe Tabelle).

Kaufland-Filialen und -Apotheken in Europa

Land Filialen Apotheken
Deutschland 500 70
Tschechien 75 62
Polen 70 34
Slowakei 30 20
Kroatien 17 keine Angabe
Bulgarien 10 keine Angabe
Rumänien 10 keine Angabe
gesamt712186

Zurzeit werden die Filialen grenzübergreifend in »Dr. Max« umbenannt; rund 700.000 Euro kostet der Markenwechsel das Unternehmen eigenen Angaben zufolge alleine in Tschechien. Optisch stehen die verkauften Apotheken allerdings weiterhin komplett in der BRL-Linie.

 

Die unabhängigen Apotheker verfolgen die Marketing-Aktivitäten der Kette mit zunehmender Sorge. Weil die Vorbesitzer zum Teil marode Strukturen (fehlendes Personal, schlechter Service, finanzielle Probleme) hinterlassen haben, lockt »Dr. Max« derzeit Kunden mit Gutschriften und sogar Auszahlungen von fünf Kronen pro eingelöstem Rezept in seine Apotheken. Versuche von Apothekerkammer und -verband, gegen diese unethische Praxis vorzugehen, scheiterten. Auch die Tatsache, dass innerhalb der Geschäftszeiten offensichtlich häufiger kein Apotheker anwesend ist, lässt bei den tschechischen Pharmazeuten die Alarmglocken schrillen. Bislang beendete lediglich der genossenschaftliche Großhändler Pharmos die Belieferung der Kette - Phoenix und Gehe sprangen dankend in die Bresche. Die beiden Konzerne dürften derzeit ohnehin die Nähe zu Penta suchen. Beobachter gehen davon aus, dass die Investmentgruppe nur kommissarischer Verwalter ist oder die sanierte Kette früher oder später verkaufen wird.

 

Internationales Netzwerk

 

Unterdessen scheint die Berliner BRL bemüht, ihr internationales Netz weiter auszubauen. Einstiegsmöglichkeiten werden derzeit offenbar in Kroatien, der Slowakei sowie in Bulgarien und Rumänien geprüft. Die Erfolgsaussichten stehen nicht schlecht, denn erfahrungsgemäß werden die betroffenen Einzelhandelsmärkte von Kaufland-Eröffnungen regelrecht überrollt. Die Apotheker Osteuropas sehen der Expansion der Schwarz-Gruppe und ihrer Maklergefolgschaft mit Sorge entgegen. Der schwäbische Familienkonzern lässt sich seinen Aufbruch nach Ost- und Südeuropa seit Jahren von der Europäischen Bank für Wiederaufbau und Entwicklung fördern; dreistellige Millionenbeträge sollen in den vergangenen Jahren geflossen sein. Wie Phoenix/Ratiopharm-Milliardär Dr. Adolf Merckle setzt auch Firmenchef Dieter Schwarz, nach den Aldi-Brüdern der drittreichste Mann Deutschlands, auf ein Unternehmens- und Beteiligungslabyrinth von 600 ineinander verschachtelten Firmen. Möglicherweise teilen die beiden Konzerne mehr als nur ihre Firmenphilosophien. Beobachter gehen davon aus, dass BRL eine Statthalterfunktion übernimmt. Auch in Deutschland könnte dann das Angebot der Kaufland-Makler für Apotheker schnell seinen Servicecharakter verlieren und vom Dienstleistungs- zum Beschäftigungsverhältnis mutieren.

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