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Probiotika

Aus dem Darm in den Darm

12.06.2007
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Probiotika

Aus dem Darm in den Darm

Von Annette Immel-Sehr

 

Probiotikahaltigen Produkten wird eine Vielzahl von gesundheitsfördernden Wirkungen zugeschrieben. Doch ist das Wirkprinzip bei vielen der beschriebenen Effekte noch nicht geklärt. Auch Studien mit großen Patientenzahlen fehlen bislang.

 

Probiotika sind definiert als lebende Mikroorganismen, die bei oraler Aufnahme in ausreichender Menge in aktiver Form in den Darm gelangen und dort positive gesundheitliche Wirkungen erzielen. Einer der Pioniere der Probiotika-Forschung in Deutschland, Professor Dr. Dr. Gerhard Reuter vom Fachbereich Veterinärmedizin der Freien Universität Berlin, gab auf einem von der Firma Yakult veranstalteten Kolloquium einen Überblick über die meistverwendeten Mikroorganismen. Dies sind vor allem Lactobazillen, Bifidobakterien, Lakto- und Enterokokkoken sowie bestimmte Hefen und Escherichia-coli-Stämme. Als wichtigste Eigenschaften probiotischer Kulturen nannte Reuter die Überlebensfähigkeit bei der Magen-Dünndarm-Passage, die Fähigkeit zur Vermehrung am Bestimmungsort, physiologische und toxikologische Unbedenklichkeit und Verdrängung unerwünschter Mikroorganismen. Reuter kritisierte, dass einige Probiotika-Hersteller den von ihnen eingesetzten Mikroorganismen aus Marketinggründen willkürliche Namen gäben, mitunter sogar je nach Land unterschiedliche. Beispielsweise scheinen Hersteller zu befürchten, die korrekte Bezeichnung Bifidum animalis könne Verbraucher abschrecken, weswegen sie neue Namen für diesen Stamm kreierten. Da die Wirkungen von Probiotika jedoch stammspezifisch sind, ist nur eine taxonomisch korrekte Bezeichnung aussagekräftig. Dies gilt für wissenschaftliche Studien wie für Produktdeklarationen gleichermaßen.

 

»Probiotika zählen zu den am besten wissenschaftlich untersuchten Lebensmitteln«, sagte Professor Dr. Wolfgang Kneifel von der Abteilung für Lebensmittelmikrobiologie der Universität Wien. In seinem Referat beleuchtete er insbesondere die Eigenschaften der Bifidobakterien, von denen bisher mehr als 30 verschiedene Spezies charakterisiert sind. Es handelt sich um grampositive anaerobe Bakterien, die schon im Darmtrakt gestillter Säuglinge vorkommen. Im Erwachsenenalter sind sie zudem im Urogenitaltrakt angesiedelt. Wachstum und Vermehrung der Bakterien werden durch sogenannte »bifidogene Faktoren« stimuliert, die zum Beispiel auch in der Muttermilch enthalten sind. Diese Oligosaccharide sind zum Teil probiotischen Lebensmitteln zugesetzt, um die Überlebensfähigkeit der Keime im Produkt und im Darm zu verbessern. Für probiotischen Bifidobakterien wurden einige gesundheitlich relevante Wirkungen nachgewiesen: Sie modulieren die Immunantwort, beschleunigen die Transitzeit des Darminhaltes, verbessern die Lactoseverdauung, unterstützen die Abwehr gastrointestinaler Infekte und beeinflussen entzündliche Darmerkrankungen positiv. In der Diskussion sei derzeit zudem eine cholesterolsenkende Wirkung, berichtete Kneifel. Einen Fortschritt sah er in der sogenannten Health-Claims-Verordnung, die zukünftig die Werbeaussagen zur gesundheitlichen Wirkung von Lebensmitteln regeln wird. Viele »Trittbrettfahrer-Produkte«, so vermutet er, werden dann vom Markt verschwinden, da keine wissenschaftlichen Belege für deren Wirksamkeit vorliegen.

 

Kneifel sprach auch eine grundsätzliche Frage an, die angesichts zunehmender Antibiotika-Resistenzen immer dann gestellt wird, wenn es um Bakterien geht: Können probiotische Bifidobakterien möglicherweise Antibiotika-Resistenzgene auf andere Bakterien übertragen und damit der Ausweitung von Antibiotika-Resistenzen Vorschub leisten? Eine Antwort könne heute noch niemand geben. Ein entsprechendes Forschungsprojekt der Europäischen Union, das derzeit durchgeführt wird, solle hier Klarheit bringen.

 

Über eine Pilotstudie an der Poliklinik für Konservierende Zahnheilkunde und Parodontologie in Leipzig berichtete Professor Dr. Holger Jensch. Diese untersuchte, ob das Probiotikum Yakult®, das Lactobacillus casei Shirota enthält, die Immunantwort in der Mundhöhle beeinflusst. Von den 50 Probanden hatten die Hälfte über acht Monate täglich Yakult zu sich genommen, die andere Hälfte nicht. Bei allen Probanden wurde künstlich eine Zahnfleischentzündung induziert. Schon nach vier Tagen ohne Zähneputzen entstand ein Zahnbelag, der eine Gingivitis hervorrief. Über die Bestimmung von Entzündungsmarkern in der Flüssigkeit der Zahnfleischtaschen wurde die Intensität der Entzündung ermittelt. Bei den Probanden, die Yakult verzehrt hatten, fiel die Entzündungsreaktion milder aus als bei den Probanden ohne Probiotika-Einnahme. Die gemessenen Unterschiede wären zwar nur moderat, doch dies sei nicht verwunderlich, sagte Jensch. Schließlich sei das untersuchte Produkt kein Arzneimittel, sondern ein Lebensmittel. Die Effekte erklärte er mit einer systemischen Wirkung der Probiotika. Eine im Darm induzierte Modulation der Immunabwehr stärke die Abwehrkräfte insgesamt.

 

Entzündungen im Darm

 

An der Pathogenese chronisch entzündlicher Darmerkrankungen wie Morbus Crohn und Colitis ulcerosa sind neben einer genetisch bedingten Prädisposition Umweltfaktoren wie Ernährung, Rauchen und Zusammensetzung der Darmflora beteiligt. Darmepithelzellen als Schnittstelle zwischen Darmbakterien und Signalen des Immunsystems spielen bei der Entstehung und Regulation der chronischen Entzündungsprozesse eine bedeutende Rolle. In-vitro-Untersuchungen zeigen, dass nicht nur lebende, sondern auch abgestorbene Keime das Entzündungsgeschehen im Darm hemmen können. Lysierte Keime dagegen seien wirkungslos, berichtete Professor Dr. Dirk Haller vom Zentralinstitut für Ernährungs- und Lebensmittelforschung der Technischen Universität München. Dies deute darauf hin, dass die Oberflächenstrukturen der probiotischen Mikroorganismen für deren Wirkung von großer Bedeutung sind.

 

Hygiene-Hypothese und Allergie

 

Aus der Beobachtung, dass in der Stadt lebende Kinder häufiger an Allergien erkranken als Kinder aus dem bäuerlichen Umfeld, entwickelten Wissenschaftler die sogenannte Hygiene-Hypothese. Ihr zufolge braucht das Immunsystem in den ersten Lebensjahren immer wieder Stimuli wie bakterielle oder virale Infektionen, um sich optimal zu entwickeln. Westliche Hygienestandards jedoch bedingen eine mangelnde Reifung des Immunsystems und führen dazu, dass es allergisch auf die natürliche Umwelt reagiert.

 

Eine prospektive Studie der Charité in Berlin stellte Dr. Kurt Zimmermann, Herborn, vor. Die Berliner Forscher untersuchen derzeit, ob Probiotika einen positiven Stimulus auf das Immunsystem von Säuglingen auslösen und so die Anfälligkeit für Allergien senken können. In diesem Fall wird die Manifestation einer atopischen Dermatitis in den ersten drei Lebensjahren geprüft. Hochrisikokinder, bei denen ein oder beide Eltern allergisch erkrankt sind, erhalten vom zweiten bis einschließlich siebten Lebensmonat täglich ein Lysat gramnegativer Bakterien (Pro-Symbioflor®). Die Ergebnisse der Studie werden Ende 2008 erwartet.

 

Um Allergieprävention durch Probiotika ging es auch in den Arbeiten, die Beate Offick von der Bundesforschungsanstalt für Ernährung und Lebensmittel in Kiel vorstellte. Natürlicherweise stimulieren bakterielle Toxine sogenannte T-Helfer-1-Zellen (TH1). Übermäßige Hygiene und eine geringe Exposition bakterieller Toxine führen zu einer Schwächung TH1-vermittelter Immunreaktionen, im Gegenzug kann es zu einem Übermaß an THelfer2-(TH2)-vermittelten allergischen Reaktionen kommen. In-vitro-Untersuchungen ergaben, dass Probiotika die Bildung von TH1-Zellen induzieren und damit das Verhältnis von TH1 zu TH2 in Richtung TH1-Zellen verschieben. Die durch Probiotika induzierte TH1-Stimulation war dabei jedoch milder als die, die durch pathogene Keime ausgelöst wird. Sollten sich die Befunde auch in vivo bestätigen, so könnten sie die beobachteten allergiemildernden Effekte von Probiotika erklären.

 

Darmkrebs-Prophylaxe

 

Ob sich mit Probiotika Darmkrebs-Rezidive verhindern lassen, untersuchte eine japanische Studie, die Professor Dr. Heinz Krammer, Gastroenterologe aus Mannheim, vorstellte. Insgesamt 380 Patienten, bei denen endoskopisch Adenome oder Frühkarzinome entfernt worden waren, erhielten nach dem Eingriff über vier Jahre im Sinne einer Sekundärprophylaxe täglich entweder Weizenkleie allein oder kombiniert mit einer hohen Dosis Lactobacillus casei Shirota. Am Ende der Untersuchung zeigte sich bei den Patienten mit Probiotikum-Einnahme eine um 35 Prozent niedrigere Rezidivrate als bei denen, die lediglich Weizenkleie verzehrt hatten. Der Schutzeffekt ließe sich durch antikanzerogen wirkende Stoffwechselprodukte der probiotischen Mikroorganismen erklären, sagte Krammer. Je nach eingesetztem Keim seien bisher unterschiedliche protektive Stoffe nachgewiesen. Ob sich die Schutzwirkung durch eine Kombination verschiedener Probiotika noch verbessern ließe, müssten weitere Studien zeigen.

 

Das Gebiet der Probiotika wird auch in nächster Zukunft ein interessantes Forschungsfeld bleiben, denn es sind noch viele Fragen offen. Es gilt, Erkenntnisse über Wirkungsmechanismen aus In-vitro-Untersuchungen und Tierversuchen auf ihre Relevanz beim Menschen hin zu prüfen. Vor allem sind Studien mit großen Patientenzahlen wünschenswert.

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