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Gut beraten bei Leber­erkrankungen

06.06.2018
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Viele Arzneistoffe werden über die Leber metabolisiert und ­ausgeschieden. Leidet ein Patient unter einer Lebererkrankung, müssen bei der Arzneimitteltherapie bestimmte Laborparameter überwacht oder die Dosis bestimmter Arzneistoffe angepasst werden. Ina Richling, Apothekerin und PharmD aus Iserlohn, ­erklärte, was bei der Medikationsanalyse von Patienten mit Leber­erkrankungen zu beachten ist.

Die Bestimmung verschiedener Leberwerte spielt eine wichtige Rolle, um Lebererkrankungen zu erkennen. Einige wichtige Leberparameter sollten dem Apotheker daher geläufig sein, verdeutlichte Richling. So werden zur Diagnose von Leberschäden häufig die Enyzme Aspartat-Aminotransferase (ASAT) und Alanin-Aminotransferase (ALAT) bestimmt. »Der ASAT-Wert ist allerdings sehr unspezifisch, da die ASAT in vielen Geweben vorkommt. Die ALAT ist bei Lebererkrankungen spezifischer, bei akuter Leberzellnekrose kann sie bis zu 15-fach erhöht sein«, sagte Richling. Das Verhältnis von ASAT zu ALAT, der sogenannte De-Ritis-Quo­tient, erlaube eine Einschätzung des Schweregrads der Lebererkrankung, erklärte sie. Liegt er über 1 und ist gleichzeitig die Glutamat-Dehydrogenase erhöht, spricht das für eine schwere Leberschädigung.

Werte richtig interpretieren

 

Ein weiterer wichtiger Leberwert ist die Leber- und Gallengang-spezifische γ-Glutamyltransferase (γ-GT). Ihr Wert wird zur Differenzialdiagnose und Verlaufsbeurteilung von Lebererkrankungen, aber auch zum Monitoring der Therapie bei potenziell hepatotoxischen Arzneimitteln herangezogen. Hierzu zählen etwa Dronedaron, Azathioprin oder Metho­trexat. »Sehr hohe γ-GT-Werte in Verbindung mit einem erhöhten De-Ritis-Quotient und einem erhöhten mittleren Zellvolumen (MCV) der Erythrozyten können auf eine Alkohol-­bedingte Leberzirrhose hindeuten«, so Richling.

 

Ein entsprechendes Leberscreening könne auch in der Apotheke, beispielsweise im Rahmen einer Aktionswoche oder auch dauerhaft, angeboten werden, schlug Richling vor. Über einen Fragebogen wie bei der »Aktion Lebercheck« des Leber Centrums München könne man in der Apotheke recht einfach das individuelle Risiko eines Patienten ermitteln.

 

Eine Dosisanpassung von Arzneistoffen bei Lebererkrankungen kann nicht einfach berechnet werden, wie es bei eingeschränkter Nierenfunktion über die glomeruläre Filtraionsrate (GFR) möglich ist, so Richling. Bei oraler Gabe müssten die extrarenale Ausscheidungsfraktion, die Proteinbindung und der First-Pass-Effekt berücksichtigt werden. Arzneistoffe mit hoher Extraktionsrate (High Extraction Drugs), beispielsweise Metoprolol, Vera­pamil, Levo­dopa, Morphin und Naloxon, haben einen hohen First-Pass-Effekt und damit eine geringe Bioverfügbarkeit.

 

»Bei eingeschränkter Leberfunktion ist der First-Pass-Effekt vermindert, also steigt die Bioverfügbarkeit und damit auch das Risiko für Nebenwirkungen«, so Richling. Bei den High Extraction Drugs sollte daher bei peroraler Gabe die Initialdosis um 25 bis 50 Prozent, die Erhaltungsdosis um 50 Prozent reduziert werden, sagte die Apothekerin. Bei Low Extraction Drugs sei die Bioverfügbarkeit nicht verändert, die Initialdosis müsse nicht angepasst werden. Da aber auch die Clearance durch die Leberschädigung verändert sein kann, sollte die Erhaltungsdosis um 50 Prozent reduziert werden.

 

Hohes Interaktionspotenzial

 

»Bei Patienten mit Lebererkrankungen ist das Interaktionspotenzial hoch«, ­betonte Richling. Die Auswahl eines Arzneimittels sollte daher sowohl im Rx- als auch im OTC-Bereich immer nur nach strenger Indikationsstellung und mit Therapiemonitoring stattfinden. So ist etwa bei Paracetamol, aber auch bei zahlreichen Phytopharmaka Vorsicht geboten. In der Vergangenheit seien hepatotoxische Nebenwirkungen unter anderem bei Schöllkraut, Pelargonium, Kava-Kava und Traubensilberkerze beobachtet worden, bemerkte Richling.

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