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Burnout-Syndrom

Als Krankheit nicht anerkannt

04.06.2014
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Gefühlt ist Burnout mittlerweile eine Volkskrankheit. Dabei ist nicht einmal geklärt, ob es überhaupt eine Krankheit ist. Im Diagnoseschlüssel ICD-10 jedenfalls wird das Syndrom nicht aufgeführt. Das ist aber kein Grund, das Leiden zu bagatellisieren.

Es fällt schwer, das Syndrom Burnout richtig von anderen Diagnosen wie einer Depression abzugrenzen. Die Erlanger Pharmazieprofessorin Dr. Kristina Friedland brachte in ihrem Vortrag Licht in das Dunkel. Zwar gebe es erhebliche Überlappungen in den beiden Krankheitsbildern, identisch seien sie aber nicht. So entstehe eine Depression weitgehend durch endogene Faktoren, während beim Burnout Druck von außen der entscheidende Faktor ist. Gleichzeitig ist laut Friedland eine schwere Depression auch ein Risikofaktor für Burnout.

 

Burnout sei ein chronisches Erschöpfungssyndrom, bei dem die psychischen Symptome eindeutig im Vordergrund stehen. »Physische Erschöpfung spielt dabei keine Rolle«, sagte Friedland. Chronisch sei eine Erschöpfung, wenn sie mindestens sechs Monate andauere. Allerdings gebe es neben dem chronischen Erschöpfungssyndrom auch noch eine Reihe anderer Bezeichnungen für einen Burnout, etwa den Nervenzusammenbruch oder – vor allem zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts – die Neurasthenie (Nervenschwäche).

 

Krankheit der Tüchtigen

 

Erstmals verwendet wurde der Begriff laut Friedland von William Shake­speare. Thomas Mann beschrieb die Burnout-Symptomatik in der Figur des Thomas Buddenbrook. Erste wissenschaftliche Untersuchungen von dem US-amerikanischen Psychiater Herbert Freudenberger stammen aus dem Jahr 1974. Er identifizierte die charakteristischen Symptome überwältigende Erschöpfung, Zynismus und Distanziertheit vom Beruf sowie Wirkungslosigkeit bei mangelnden Ressourcen.

 

»Zu dieser Zeit wurde der Begriff Burnout ausschließlich auf die Symptome von Angehörigen der medizinischen und anderer helfender Berufe angewendet«, sagte Friedland. Die Erweiterung auf Angehörige anderer Professionen erfolgte erst später.

 

Angesichts der Tatsache, dass Burnout keine offiziell anerkannte Krankheit ist, wundert es kaum, dass die Daten über dessen Häufigkeit sehr stark voneinander abweichen. Tatsächlich scheint es aber von einer echten Volkskrankheit ein gutes Stück entfernt. Laut Friedland leiden etwa 4 Prozent der Deutschen unter dem Syndrom. Frauen seien mit 5 Prozent häufiger betroffen als Männer (3 Prozent). Gefährdet seien vor allem Menschen mit einem hohen Stresslevel im Beruf. Ihnen gelinge es oftmals nicht mehr, nach der Arbeit abzuschalten. Dies habe erhebliche Konsequenzen. Bei gesunden Menschen wie bei Burnout-Gefährdeten wird bei Stress Cortisol ausgeschüttet. Während bei gesunden Menschen die Ausschüttung des Stresshormons bald wieder gestoppt werde, bliebe der Spiegel bei den Burnout-Kandidaten weiterhin hoch. »Cortisol ist jedoch neurotoxisch«, sagte Friedland. Ein dauerhaft hoher Spiegel reduziere die Zahl der Synapsen und anderer Strukturen der Neuronen. Auch die Dendriten der Nervenzellen zeigten Veränderungen. Insgesamt sinke so die Plastizität des Gehirns und seine Leistungsfähigkeit.

 

Darüber hinaus gibt es weitere Faktoren, die Burnout begünstigen. Dazu gehört neben einer genetischen Disposition auch die Persönlichkeit. Überdurchschnittlich häufig betroffen sind laut Friedland Menschen, die nach einem hohen Perfektionsgrad streben, nicht abschalten können, wenig flexibel sind und zu wenig Anerkennung bekommen. Schwierige Beschäftigungsverhältnisse sind ebenfalls ein Trigger für Burnout.

 

Antidepressiva zweitrangig

 

Trotz der erheblichen gesundheitlichen Beeinträchtigung wird das Burnout-Syndrom auf absehbare Zeit nicht als Krankheit anerkannt werden. »Auch in dem für 2015 vorgesehenen ICD-11 wird die Indikation Burnout fehlen«, so Friedland. Bei der Behandlung werden zwar auch Antidepressiva eingesetzt, die medikamentöse Therapie steht hier aber nicht im Vordergrund. Neben regel­mäßiger körperlicher Aktivität könne Psychotherapie sinnvoll sein. Zudem müsse eine berufliche Entlastung stattfinden, die Arbeitszeit begrenzt werden und eine kollegiale Atmosphäre geschaffen werden. Gerade der letzte Punkt dürfte allerdings in vielen Betrieben nicht einfach umzusetzen sein. /

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