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Ältere Patienten

Jede Kalorie zählt

04.06.2012  14:09 Uhr

Von Annette Mende, Wiesbaden / Ältere Menschen haben weniger Hunger und meist auch weniger Spaß am Essen als jüngere. Überschüssige Pfunde sind daher nicht das Problem vieler Senioren, sondern vielmehr Mangelernährung und ein dadurch geschwächter Allgemeinzustand. Um Appetitregulation und Nahrungsaufnahme im Alter ging es bei einem Vortrag auf dem Internistenkongress in Wiesbaden.

Zu viel, zu wenig oder gerade richtig: Ob die persönliche Bilanz aus Energiezufuhr und -verbrauch positiv oder negativ ausfällt, kann jedermann täglich auf der Waage ablesen. Wie hoch der Energiebedarf ist, hängt unter anderem vom Geschlecht und von der körperlichen Aktivität ab. Ein weiterer entscheidender Faktor ist das Alter, denn je älter ein Mensch wird, desto weniger Energie verbraucht er.

Allerdings sinkt bei Älteren vor allem der Energiebedarf aufgrund körperlicher Aktivität. »Der Basalverbrauch verändert sich nahezu nicht«, betonte Privatdozent Dr. Jürgen Bauer, Direktor der Klinik für Geriatrie im Klinikum Oldenburg, in Wiesbaden. Senioren, die mit den Jahren immer weniger Nahrung zu sich nehmen, drohe daher eine Mangelernährung. Diese wirkt sich nicht nur auf die generelle Fitness negativ aus, sondern auch auf den Stoffwechsel und die Körperzusammensetzung.

 

Geringer Gewichtsverlust ist normal

 

»Viele wissen, dass die Gesamtkörpermasse etwa ab dem 70. Lebensjahr kontinuierlich abnimmt«, sagte Bauer. Die gesunde natürliche Gewichtsabnahme im Alter betrage jedoch weit weniger als häufig angenommen, nämlich nur 250 bis 450 Gramm pro Jahr. »Es ist vor allem die Muskulatur, die verschwindet. Die Fettmasse nimmt dagegen im Alter zu«, so der Geriater.

 

Dass Ältere tatsächlich häufig viel zu wenig Energie zu sich nehmen, hätten mehrere Studien gezeigt. Bauer zitierte unter anderem eine schwedische Arbeit aus dem Jahr 1994, in der die tägliche Kalorienzufuhr von 70-Jährigen über einen Sechsjahreszeitraum untersucht worden war. Am Ende der Beobachtungszeit nahmen die dann 76-jährigen Männer 610 Kilokalorien (kcal) pro Tag weniger zu sich als zu Beginn, die Frauen 440 kcal. Zum Vergleich: Sogar bei einem sehr geringen Maß an körperlicher Aktivität empfiehlt die Deutsche Gesellschaft für Ernährung Männern über 65 Jahre 2000 kcal täglich und Frauen 1600 kcal pro Tag. »In der schwedischen Studie hatte sich also die Kalorienzufuhr innerhalb von sechs Jahren etwa um ein Viertel reduziert. Das ist erheblich«, sagte Bauer.

 

Lässt die Energiezufuhr schon unter Alltagsbedingungen zu wünschen übrig, so verstärkt sich das Defizit noch unter Ernährungsstress. So ergab ein US-amerikanisches Experiment aus dem Jahr 1994, dass Ältere nach einer Fastenperiode dauerhaft weniger Nahrung zu sich nehmen als vorher. Bei dem Versuch mussten ältere und jüngere Männer zunächst 21 Tage lang täglich 1000 kcal weniger Energie zu sich nehmen als sonst. Anschließend durften sie wieder so viel essen, wie sie wollten. »Das führte bei den Jüngeren zu überschießender Nahrungsaufnahme. Die Älteren erreichten dagegen in den ersten Wochen nicht einmal die Energiezufuhr, die sie hatten, bevor die Fastenperiode begann«, so Bauer.

 

Für die Klinik sind diese Erkenntnisse sehr relevant. Denn im Rahmen jeder schweren Grunderkrankung fasten ältere Patienten beziehungsweise verlieren Gewicht. »Das Problem ist, dass sie das Verlorene nicht oder zumindest nicht schnell wieder gewinnen können«, fasste Bauer zusammen.

 

Der Appetit schwindet

 

Auch ohne vorheriges Fasten haben Menschen über 75 Jahre ein reduziertes Hungergefühl. Sie sind zudem länger satt als Jüngere, essen langsamer und nehmen weniger Zwischenmahlzeiten zu sich. All diese Faktoren gilt es zu überwinden, um gegen einen ungewollten Gewichtsverlust anzugehen.

Die physiologischen Gründe dafür, dass Senioren mit steigendem Alter immer weniger essen wollen, beginnt die Wissenschaft erst langsam zu verstehen. »Hormonell ist die Appetitregulation extrem komplex«, sagte Bauer. Es gebe sowohl zentrale als auch periphere Mechanismen, die jeweils redundant seien. »Eine Intervention an einem einzelnen System hat daher häufig keinen signifikanten Effekt.«

 

Beispiel Cholecystokinin (CCK): Das Hormon wird von speziellen endokrinen Zellen des Dünn- und des Zwölffingerdarms gebildet und als Antwort auf bestimmte Nährstoffe, insbesondere Fett und Eiweiß, ins Darmlumen freigesetzt. CCK stimuliert die Sekre­tion von Pankreasenzymen und fördert die Gallenblasenkontraktion. Darüber hinaus ist CCK zentral an der Vermittlung des Sättigungsgefühls beteiligt. »Wir nehmen an, dass sich die CCK-Sensibilität bei Älteren verringert«, berichtete Bauer.

 

Rückschlag für Ghrelin-Analoga

 

Zwei weitere appetitregulierende Botenstoffe, deren Aktivität sich im Alter verändert, sind Leptin und Ghrelin. Bauer zufolge werden bei Senioren niedrigere Spiegel des Appetitzüglers Leptin gemessen, als aufgrund des Körperfettanteils der Betreffenden eigentlich zu erwarten wäre. Darüber hinaus gebe es Hinweise auf eine mit dem Alter zunehmende zentrale und periphere Leptinresistenz. Beides müsste eigentlich ein gesteigertes Hungergefühl zur Folge haben. Die tatsächliche Bedeutung des Leptins für das Essverhalten Älterer sei allerdings gegenwärtig noch unklar.

 

Deutlich weiter ist man in der Erforschung des Leptin-Gegenspielers Ghrelin. »Bei älteren Menschen ist sowohl die sensorische als auch die sekretorische Funktion der Ghrelin-produzierenden Zellen des Magenfundus gestört«, so der Referent. Da Ghrelin unter anderem das Hungergefühl steigert, lag es nahe, das therapeutische Potenzial der Substanz gegen Appetitlosigkeit zu testen. »Erste Versuche verliefen vielversprechend«, sagte Bauer. So habe in einer 2008 in den »Annals of Internal Medicine« publizierten Studie die zweijährige Gabe von Ghrelin-Analoga bei Älteren nicht nur eine deutliche Gewichtszunahme bewirkt. Auch die Körperzusammensetzung änderte sich hin zu mehr Muskelmasse und weniger Fett.

 

In dieser Studie hatte es unter den Ghrelin-Analoga keine relevanten Komplikationen gegeben. »Die Hoffnungen waren hoch, und es wurde sehr viel in die Erforschung dieser Wirkstoffe investiert. Leider musste aber die letzte Arbeit wegen Nebenwirkungen abgebrochen werden«, so Bauer.

 

Auch wenn in absehbarer Zeit folglich noch keine appetitsteigernden Arzneimittel in Sicht sind, ist eine Mangel­ernährung von Älteren kein unabwendbares Schicksal. »Wir können die Wirkung der Hormone auch überspielen«, sagte Bauer. Soziale Kontakte, eine ansprechende Atmosphäre beim Essen und bevorzugte Speisen würden auch Senioren mit wenig Hunger zum Essen animieren. »Wenn Sie Ihrer alten Oma etwas Gutes tun wollen, gehen Sie also am besten schön mit ihr essen«, empfahl er. / 

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