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Arbeitswelt

Präventive Psychotherapie lohnt sich

07.06.2011
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Von Theresia Blattmann, Berlin / Die Zahl der psychischen Erkrankungen ist rapide angestiegen. Die Folgen: Beeinträchtigungen der Betroffenen, lange Krankschreibungen und hohe Kosten im Gesundheitswesen. Dabei könnten psychische Störungen durch psychotherapeutische Präventionsmaßnahmen schon weitaus früher erkannt und behandelt werden.

Für die flächendeckende Einrichtung psychotherapeutischer Präventionsprogramme in Deutschland sprachen sich viele der Teilnehmer beim Symposium der Deutschen Psychotherapeutenvereinigung 2011 in Berlin aus. So betonte der Bundesvorsitzende der Deutschen Psychotherapeutenvereinigung (DPtV), Diplom-Psychologe Dieter Best, dass sich solche Maßnahmen nicht nur unmittelbar für die Betroffenen, sondern auch für die Wirtschaft lohnen würden.

 

»Präsentismus« kostet Milliarden

 

Nach einer Prognose der Weltgesundheitsorganisation (WHO) werden Depressionen bereits im Jahr 2030 in den Industrienationen die häufigste Erkrankung sein. »Die Beschäftigten im Gesundheitswesen sind besonders häufig von psychischen Erkrankungen betroffen«, sagte Dieter Best.

Schon jetzt beziffert das Statistische Bundesamt die Kosten, die deutschen Betrieben durch psychische Erkrankungen von Arbeitnehmern jährlich entstehen, auf 28,7 Milliarden Euro. Trotzdem seien psychische Erkrankungen in der Bevölkerung noch stark tabuisiert, berichtete Best. »Deshalb erscheinen psychisch erkrankte Arbeitnehmer häufig trotz starker Beeinträchtigungen zur Arbeit.«

 

Der Produktivitätsverlust, der den Betrieben durch diesen »Präsentismus« entstehe, habe die deutschen Wirtschaft im Jahr 2008 allein durch depressive Arbeitnehmer über neun Milliarden Euro gekostet, konstatierte Best und berief sich dabei auf eine Studie der Allianzversicherung und des Rheinisch-Westfälischen Instituts für Wirtschaftsforschung (RWI). Damit sind psychische Störungen ein teures und vor allem häufiges Tabu.

 

»Die Wahrscheinlichkeit, während des Lebens an einer psychischen Störung zu erkranken, schätzen wir auf etwa 20 Prozent«, berichtete Diplom-Psychologe Dr. Stefan Leidig, psychologischer Psychotherapeut aus Berlin. Hingegen würden nur etwa sechs Prozent des Geldes im Gesundheitswesen für die Behandlung psychischer Erkrankungen verwendet. »Die aktuelle Diskussion darüber, ob psychische Störungen tatsächlich zunehmen, oder lediglich besser diagnostiziert werden, ist erst einmal zweitrangig«, befand Leidig. »Es besteht einfach dringend Handlungsbedarf.« Dass Psychotherapie Arbeitnehmer erfolgreich wieder in den Beruf eingliedern könne, zeige sich bereits an erfolgreichen Rehabilitationsprogrammen. »Diese Programme der tertiären Prävention greifen jedoch meist erst, nachdem Arbeitnehmer im Durchschnitt sieben Jahre lang krank sind«, sagte Leidig.

 

Um psychische Erkrankungen früher zu erkennen und zu behandeln, schlug der stellvertretende Bundesvorsitzende der Deutschen Psychotherapeutenvereinigung, Diplom-Psychologe Hans-Jochen Weidhaas, vor, in Betrieben ein psychotherapeutisches Präventionsprogramm zu etablieren. »Psychotherapeuten sollten ihr Wissen einbringen, bevor kostenintensive kurative Behandlungen oder Rehabilitationsprogramme notwendig werden«, erklärte Weidhaas. Leidig regte an, sich dabei am Employee Assistance Program (EAP) aus dem angloamerikanischen Sprachraum zu orientieren. Das EAP dient dazu, Arbeitnehmer bei beruflichen und privaten Problemen qualifiziert zu beraten.

 

»Etwa 95 Prozent aller US-amerikanischen Betriebe nutzen derzeit dieses Programm«, sagte Leidig. Die Ergebnisse seien verblüffend: Sowohl Fehlzeiten als auch betriebsbedingte Kündigungen hätten durch Einführung des EAP drastisch reduziert werden können, zudem habe sich die psychische und körperliche Befindlichkeit der Arbeitnehmer gebessert.

 

Psychotherapeut in größeren Firmen

 

»Im angloamerikanischen Sprachraum werden viele Patienten über die Betriebe krankenversichert«, berichtete Leidig. »Das steigert die Attraktivität für Präventionsmaßnahmen.« Auch in einigen deutschen Unternehmen würden bereits ähnliche Programme aufgelegt. Allerdings gebe es hierzulande bislang keinerlei Qualitätssicherung.

 

Leidig resümierte: »Die Versorgungslücke zwischen Betriebsmedizin, betrieblicher Sozialarbeit und Arbeitssicherheit kann durch psychotherapeutische Prävention effektiv geschlossen werden.« Ein innerbetrieblich angesiedelter Psychotherapeut sei für größere Firmen durchaus empfehlenswert. /

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