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Pflegeheime

Bessere Versorgung durch Apotheker

29.05.2012
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Von Maria Pues, Blankenheim / Die Versorgung alter Menschen in Pflegeheimen lässt sich durchaus optimieren. Eine Apothekerin in der Eifel zeigt in der Praxis, was man mit pharmazeutischem Sachverstand für die Patienten erreichen kann.

Wer meint, für eine umfassende pharmazeutische Versorgung geriatrischer Patienten benötige man mindestens das Know-how und die Technik einer Klinikapotheke, sieht sich mitten in der Eifel eines Besseren belehrt. Es geht auch auf dem hier gar nicht platten Land.

 

Dass sich Dr. Ruth Britz-Kirstgen, Rathaus-Apotheke Blankenheim, für eine Verbesserung der Betreuung von Senioren in Pflegeheimen engagiert, geht auf gleich zwei »Initialzündungen« zurück, berichtet sie im Gespräch mit der Pharmazeutischen Zeitung: eine Weiterbildung in geriatrischer Pharmazie und die Verwunderung da­rüber, wie vielen Menschen sie als Ortsbürgermeisterin zum 90. Geburtstag gratuliert habe.

Verbesserte Betreuung

 

Seit einem guten Jahrzehnt engagiert sich ihr Apothekenteam in der Pflegeheimversorgung. Dabei entstand ein Projekt zur Verbesserung der Betreuung alter Menschen. Inzwischen ist es auf drei Stufen angewachsen, in denen das breite Spektrum pharmazeutischen Wissens zum Tragen kommt: Galenik, Pharmakokinetik und Pharmakodynamik. Britz-Kirstgen: »Was Apotheker können, können eben nur Apotheker.« Der Apothekerverband Nordrhein hat ihr Projekt mit dem ersten Platz des »Zukunftspreises öffentliche Apotheke« ausgezeichnet.

 

Gelegentliche Anfragen, ob man ein verordnetes Medikament nicht durch ein sondengängiges ersetzen könne, gaben den Anstoß für Stufe eins und gleichzeitig Kernstück des Projektes: die Überprüfung der Medikation auf Sondengängigkeit. Dazu habe man systematisch alle Sondenpatienten in der bereits vorhandenen Patientendatei erfasst und gekennzeichnet, erläutert die Apothekerin. Wichtig zu wissen sei auch, ob der Patient eine Magen- oder Dünndarmsonde trage, ob er noch schlucken könne und welchen Durchmesser die Sonde habe.

 

Jede neue Medikation wird nun bereits bei der Belieferung eines Rezeptes geprüft, ob sie sich mit der Sonde verträgt. Dies spart nicht nur unnötige Verordnungen, sondern hilft auch, Schäden an den Sonden – und gegebenenfalls den kostspieligen stationären Austausch – zu vermeiden. Informationen zur Sondengängigkeit findet man zum Beispiel unter www.pharmatrix.de (Zugang nur für Fachkreise).

 

So manches, was über eine Sonde appliziert werden muss, landet zunächst einmal im Mörser – oft zum Schaden von Sonde oder Arznei. Manches darf auf diese Weise nicht zerkleinert werden, anderes muss nicht. So sei Madopar® 125 T sauerstoffempfindlich und dürfe nicht zerstoßen werden, führte die Apothekerin aus. Ein Austausch gegen Madopar® LT hilft weiter – aber auch dies gehöre in keinen Mörser, sondern in ein Glas Wasser. Dort zerfällt es nach einigen Sekunden zu einer gleichmäßigen Suspension, die sofort verabreicht werden muss. Könnten bei dem Austausch die Rabattverträge nicht eingehalten werden, habe es mit dem Hinweis auf pharmazeutische Bedenken bisher nie Probleme gegeben, ergänzt Britz-Kirstgen.

 

Nierenfunktion beachten

 

Die positiven Erfahrungen gaben den Anstoß für (die pharmakokinetische) Stufe zwei, die Anpassung der Medikation an die Nierenfunktion. Dies geht freilich nicht, ohne dass der behandelnde Arzt – mit Einwilligung des Patienten – die entsprechenden Laborwerte zur Verfügung stellt. Daher biete man diese Leistung dem Arzt auf Anfrage an, berichtet sie weiter. Nicht für alle Arzneistoffe ist eine Anpassung an die Nierenfunktion erforderlich. Auskunft darüber gibt der sogenannte Q0-Wert, der sich zum Beispiel der Website www.dosing.de entnehmen lässt, auf der man auch Dosisanpassungen berechnen kann.

 

Das Apothekenteam hat für die Pflegeheime eigene Listen mit Q0-Werten erstellt. So sieht das Pflegepersonal auf einen kurzen Blick, bei welchen Arzneistoffen durch eine nachlassende Nierenfunktion eine Überdosierung droht. Ein weiterer Schritt, nicht nur die Therapie zu unterstützen, sondern auch die Pflegenden für Wirkungen und Nebenwirkungen von Arzneimitteln zu sensibili­sieren.

 

In Stufe drei des Projektes, der pharmakodynamischen, hat das Apothekenteam die Medikation der Pflegeheimbewohner mit der Priscus-Liste (http://priscus.net) auf potenziell inadäquate Medikationen (PIM) abgeglichen. In der Praxis lasse sich nicht jede PIM umgehen, aber das sei auch nicht notwendig, erklärt Britz-Kirstgen.

 

Das Apothekenteam hat für das Pflegepersonal eigene Checklisten erstellt. Bei mehr als drei kritischen Checkpunkten, oder wenn der Patient Symptome zeigt, empfiehlt sich eine Überprüfung der Medikation inklusive der Dosierungen. Die Pflegekräfte können mithilfe der Checkliste auch erkennen, ob sie einen Patienten bei einer neuen Medikation besonders aufmerksam beobachten sollten.

 

Keine Blisterautomaten

 

Und Stufe vier? Keine geplant, sagt Britz-Kirstgen. Die Arbeitsabläufe der drei ersten Stufen ließen sich jedoch noch optimieren, zum Beispiel über eine Vernetzung von Q0-Werten und Priscus-Liste mit der Apotheken-EDV.

Der Zukunftspreis

Unter der Schirmherrschaft von Landesgesundheitsministerin Barbara Steffens (Grüne) hat der Apothekerverband Nordrhein drei Apotheker aus seinem Verbandsgebiet mit dem »Zukunftspreis öffentliche Apotheke« ausgezeichnet. Ausgeschrieben war der Wettbewerb für zukunftsweisende Konzepte in der Offizin. Den ersten Preis gewann Dr. Ruth Britz-Kirstgen für ihre Initiative »Optimierung von Medikationsprozessen in Seniorenheimen«. Ihre Apotheke stellen wir in diesem Beitrag vor. Porträts der beiden weiteren Preisträger folgen in den nächsten Ausgaben der PZ.

»Optimierungen« mithilfe von Blisterautomaten lehnt sie vehement ab. Eine verbesserte Betreuung lasse sich mit Blistern nicht erreichen. Im Gegenteil: Patienten und Pflegekräfte verlören jeden Bezug zum Arzneimittel, kritisiert sie. Und das ist erklärtermaßen das Gegenteil dessen, was sie sich vorgenommen hat: diese für das Arzneimittel zu sensibilisieren – nicht nur für die korrekte Verabreichung, sondern auch für die Beobachtung von Wirkungen und Nebenwirkungen. Diese können bei älteren Patienten deutlich anders ausfallen als bei jüngeren oder gar beim jungen, gesunden, männlichen Studienteilnehmer.

 

Dass manche Beschwerden älterer Patienten nicht auf die Anzahl ihrer Lebensjahre, sondern auf Art und Anzahl ihrer Arzneimittel zurückzuführen seien, werde oft nicht oder erst spät erkannt, gibt die Apothekerin zu bedenken. /

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