Pharmazeutische Zeitung online
Hochschulporträt

Lehre aus Forschung

31.05.2010
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Von Sven Siebenand, Würzburg  / Im ersten Teil der neuen Serie »Hochschulporträt« stellt sich das Institut für Pharmazie und Lebensmittelchemie in Würzburg vor. Das Leitbild der Würzburger Hochschullehrer »Lehre aus Forschung« steht nicht nur auf Papier geschrieben, sondern ist mit Leben gefüllt. Bei einem Besuch konnte sich die PZ davon überzeugen und Beweise sammeln.

»Die medizinische Chemie vermitteln wir in Würzburg nach dem Motto >In einer Formel lesen wie in einem Buch< «, nennt Professor Dr. Ulrike Holzgrabe, Dekanin der Fakultät für Chemie und Pharmazie und Lehrstuhlinhaberin im Fach Pharmazeutische Chemie, ein Beispiel. In der Vorlesung spielten daher auch weniger Arzneistoffsynthesen, sondern vielmehr die chemischen, physikochemischen und biologischen Eigenschaften von Wirkstoffen eine Rolle. Mittels Diskussion der Struktur-Wirkungs-Beziehungen vermitteln die Professoren ihren Studierenden pharmakologische, pharmakokinetische und pharmakodynamische Zusammenhänge und lassen sie die Stabilität von Arzneistoffen analysieren.

»Das Verständnis und selbst­ständige Herleiten von Struktur-Aktivitäts-Beziehungen und Ei­genschaften von Arzneistoffen soll das Ziel der Ausbildung sein, damit die Studierenden auch später neue Arzneistoffe fundiert bewerten können«, sagt Holzgrabe. Dem kann Professor Dr. Tanja Schirmeister, eben­falls vom Lehrstuhl für Pharma­zeutische Chemie, nur zustim­men. »Das Wissen explodiert förmlich«, sagt sie und ständig kämen neue Targets von Arznei­stoffen hinzu. Das müssen Phar­mazeuten dann beurteilen und einordnen können. Es habe dagegen überhaupt keinen Sinn, »stumpf Synthesen auswendig zu lernen«.

 

Holzgrabe ist sich sicher, dass ein solches Verständnis nur dann zu erreichen ist, wenn auch im Studium Wert auf eigenständiges wissenschaftliches Denken und Arbeiten gelegt wird. So werden die Studierenden zum Beispiel in den Praktika und im Wahlpflichtfach in die Forschungsarbeiten der Dozenten eingebunden. Dass dem tatsächlich so ist, das kann auch Dr.  Christian Machon, Inhaber der Kreuz-Apotheke in Unsleben, bestätigen. »Während des Promotionsstudiums am Institut für Pharmazie und Lebensmittelchemie in Würzburg waren mir bei der Entwicklung und Ausgestaltung meiner Doktorarbeit große Freiheiten gewährt. Dies zeigte sich sowohl im institutsübergreifenden Austausch als auch in den internationalen Kooperationen. Das gute Arbeitsklima innerhalb des Instituts bildete hierzu den Rahmen«, sagt der ehemalige Student und Doktorand.

 

Interdisziplinäre Zusammenarbeit

 

Seit vergangenem Jahr ist das Institut für Pharmazie und Lebensmittelchemie in einem Neubau untergebracht. Tür an Tür neben den Forschungslabors stehen hier den Studierenden der Pharmazie hochmodern ausgestattete Praktikumssäle zur Verfügung. Die seit 2007 in Bayern erhobenen Studienbeiträge wurden und werden konsequent zur Verbesserung der Studienbedingungen eingesetzt, so Holzgrabe. So konnte die Geräteausstattung in den Praktika auf den neuesten Stand gebracht werden. Das ermöglicht zum Beispiel in der instrumentellen Analytik eine umfassende Ausbildung in modernen analytischen Verfahren. »Die Studiengebühren haben zumindest für die Qualität der Ausbildung einen großen Vorteil«, fasst Holzgrabe zusammen.

 

In Ausbildung und Lehre sind die Würzburger Hochschullehrer mit anderen Fächern stark vernetzt. Die Grundlagen der Chemie werden zusammen mit den Lebensmittelchemikern gelehrt, die Pharmazeutische Biologie Seite an Seite mit Biologen und die Medizinische Chemie mit den Masterstudenten der Chemie. »Eine tolle Sache«, findet Professor Dr. Christoph Sotriffer vom Lehrstuhl für Pharmazeutische Chemie. Die Studenten lernten dadurch gegenseitig und fachübergreifend voneinander. Das schaffe die Grundlage für die spätere interdisziplinäre Zusammenarbeit. Auch ein anderes Beispiel zeigt, dass fachübergreifende Lehrveranstaltungen möglich und sinnvoll sind: die neue, nicht von der Approbationsordnung vorgesehene Vorlesung »Prinzipien des Wirkstoffdesigns«. Darin üben sich Apotheker in spe, aber auch Studierende im Masterstudiengang Chemie mit Schwerpunktfach Medizinische Chemie, in der computergestützten Wirkstoffentwicklung. Für Holzgrabe ein weiteres repräsentatives Beispiel der wissenschaftsbasierten Apothekerausbildung in Würzburg.

Zu ihren Arbeitsschwerpunkten gehören die Entwicklung von opioidartigen Analgetika und von Liganden an muscarinischen Rezeptoren, Enantiomerenana­lytik mit NMR-Spektroskopie und Kapillarelektrophorese sowie last but not least die Arzneibuchanalytik. »Pharma­zeutische Chemie ist auch Qualitätssicherung von Arznei- und Hilfsstoffen«, so Holzgrabe. Hier seien Forschung und Lehre ganz eng miteinander verwoben, denn man arbeite in Würzburg an der Ausarbeitung von Mono­graphien und an der Entwick­lung von Methoden für das Euro­päische Arzneibuch. Holzgrabe ist sowohl im Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) als auch im »European Directorate for the Quality of Medicines and HealthCare«, ansässig beim Europarat in Straßburg, Mitglied der entscheiden­den Gremien. Zudem hat sie sich international einen Namen gemacht, wenn es um die Auf­klärung von Arzneimittelfälschungen geht. Das war zum Beispiel im Fall von Qualitätsmängeln des Antibiotikums Gentamicin (im Jahr 2002) oder beim Heparin-Skandal (im Jahr 2008) der Fall. Das Know-how ihrer Arbeitsgruppe auf dem Gebiet der NMR-Spektroskopie und der Kapillarelektrophorese sei dafür ein wichtiger Grund.

 

Als eine der Ersten in Deutschland hat die Würzburger Pharmazie schon im Jahr 2000 eine Professur für Klinische Pharmazie eingerichtet. Damit ist dieses Fach in Lehre und vor allem Grundlagenforschung adäquat vertreten und etabliert. Diese Stelle ist mit Professor Dr. Petra Högger besetzt, die sich in ihrer Forschung unter anderem mit den biochemischen und pharmakologischen Grundlagen der Glucocorticoidwirkung sowie deren Pharmakokinetik und -dynamik beschäftigt. Im Wahlpflichtfach Klinische Pharmazie werden intensive Kooperationen mit Apothekern, Ärzten und Krankenhausmitarbeitern gepflegt.

 

Sonderforschungsbereiche

 

Als Bindeglied zwischen verschiedenen Natur- und Lebenswissenschaften ist die Würzburger Pharmazie Mitglied der von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) geförderten Graduate School of Life Sciences und arbeitet in zahlreichen Forschungsverbünden mit. In einem davon wird zum Beispiel nach neuen Antiinfektiva gesucht (www.sfb630.uni-wuerzburg.de). Häufig handelt es sich dabei um Wirkstoffe gegen Tropenerkrankungen, so Holzgrabe. In diesem Zusammenhang arbeite man auch eng mit der tropenmedizinischen Abteilung der Missionsärztlichen Klinik Würzburg zusammen. In anderen Projekten suchen Würzburger Wissenschaftler nach Angriffspunkten zur Therapie des Multiplen Myeloms (www.cru216.medizin.uni-wuerzburg.de) und sind an der Untersuchung experimenteller Elektronendichte als Schlüssel zum Verständnis chemischer Wechselwirkungen beteiligt.

 

Die Pharmazeutischen Biologen analysieren in einem Sonderforschungsbereich die Mechanismen der interspezifischen Interaktion von Organismen (www.sfb567.uni-wuerzburg.de) und koordinieren ein Graduiertenkolleg zur molekularen und funktionellen Analyse Lipid-basierter Signaltransduktionssysteme (www.gk-1342.uni-wuerzburg.de). Der Lehrstuhl für Pharmakologie ist an Sonderforschungsbereichen beteiligt, die sich um regulatorische Membranproteine (www.sfb487.uni-wuerzburg.de) sowie um Mechanismen kardiovaskulärer Zell-Zell-Interaktionen kümmert (www.sfb688.uni-wuerzburg.de).

 

Abschließend hebt Holzgrabe hervor, dass sich die Hochschullehrer auch für die Fortbildung der Offizinapotheker einsetzen. Neben der Bayrischen Akademie für Klinische Pharmazie gibt es die traditionelle »Würzburger wissenschaftliche Winterfortbildung« sowie viele weitere Vortragsveranstaltungen. /

Steckbrief Uni Würzburg

Nach einer kurzlebigen Erstgründung von 1402 wurde die Julius-Maxi­milians-Universität, Würzburg, 1582 gestiftet und eingerichtet. Berühmte Wissenschaftler, unter anderem Rudolf Virchow, lehrten und forschten an der Universität. Vierzehn Nobelpreisträger, darunter Wilhelm Röntgen und Harald zur Hausen, waren hier tätig.

 

Die Universität und ihr Klinikum haben 10 Fakultäten, 56 Institute, 24 Kliniken und 170 Lehrstühle. Insgesamt sind mehr als 20 000 Studierende an der Uni eingeschrieben, circa 400 davon studieren Pharmazie. Das Institut für Pharmazie und Lebensmittelchemie befindet sich am Hubland-Campus.

 

Kontakt

Professor Dr. Ulrike Holzgrabe

Telefon 0931 3185460

E-Mail: u.holzgrabe(at)pharmazie.uni-wuerzburg.de

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