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Interview

Ein großer Spielraum für Apotheker

31.05.2010
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Von Nils Franke, Berlin / Die SPD-Abgeordnete und Vorsitzende des Gesundheitsausschusses, Dr. Carola Reimann, will fort von einer Diskussion über Ärzte. Auch die Apotheken mit ihrer hohen Kompetenz sollten mehr Verantwortung übernehmen. In der Arbeit der Regierungskommission sieht sie kein Vorankommen. Nicht einmal beim angekündigten Verbot der Pick-up-Stellen.

PZ: Frau Reimann, wie beurteilen Sie als Vorsitzende des Gesundheitsausschusses die Arbeit der Regierungskommission? Die letzte Sitzung hat Gesundheitsminister Philipp Rösler abgesagt.

 

Reimann: Offensichtlich ist es den Koalitionären nicht einmal mehr möglich, in der Kommission Dinge vertraulich zu besprechen. Anders ist nicht zu erklären, dass Rösler lieber erst mit den Fraktionsspitzen redet.

 

PZ: Am 2. Juni will Rösler sein Modell der Gesundheitsprämie vorstellen...

Reimann: ...Rösler hat gerade relativiert, dass dies nicht heiße, die Prämie werde schon Anfang Juni ins Kabinett kommen. Vermutlich hat ihn die Bundeskanzlerin zurück­gepfiffen, weil sie zunächst die gesamte Finanzsituation des Bundes überprüfen muss.

 

PZ: Sie glauben nicht an den angekündigten Sozialaus­gleich zusätzlich zur ­Prämie?

 

Reimann: Der würde viele Milliarden Euro betragen. Wo soll das Geld herkommen? Einzelne Koalitionsabgeord­nete fordern ja jetzt schon, den staatlichen Zuschuss zur Gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) ganz einzufrie­ren. Vielleicht wird die Koalition sich zu retten versuchen, indem sie die Grenze von ein Prozent bei den Zusatzbei­trägen der Krankenkassen aufhebt.

 

PZ: Trotz der Verluste für Schwarz-Gelb im Bundesrat durch die Wahl in Nordrhein-Westfalen soll das Gesetz dieses Jahr kommen. Geht das ohne Zustimmung im Bundesrat?

 

Reimann: Ich sehe das nicht. Der Sozialausgleich soll automatisch erfolgen. Wie genau, das hat Rösler nie beantwortet. Es kann aber nur über die Finanzämter oder über die Krankenkassen gehen. In beiden Fällen sind die Länder zuständig, und damit muss der Bundesrat zustimmen.

 

PZ: Die Koalition hat sich auf das Arzneimittel-Sparpaket geeinigt. Kann das höhere Beiträge verhindern?

 

Reimann: Das Defizit in der GKV wird nächstes Jahr zehn Milliarden Euro betragen – und zwar wohlwollend schon 1,5 Milliarden Euro durch das Arzneimittelsparpaket eingerechnet. Das hat Maximilian Gaßner, der Chef des Bundesversicherungsamts, gerade in einer Sitzung des Gesundheitsausschusses vorgetragen. Das Defizit wird so nicht zu füllen sein.

 

PZ: Die Preisverhandlungen mit den Herstellern sind nicht effektiv?

 

Reimann: Die Arzneihersteller werden in die Preisverhandlungen einfach mit einem taktischen Zuschlag auf die Preise reingehen, den sie sich abverhandeln lassen. Sollte es nach einem Jahr keine Einigung geben, entscheidet das Schiedsamt und wählt den Preis in der Mitte, den die Hersteller schon im Auge hatten. Die Kosten-Nutzen-Bewertung kommt auch erst im Schiedsamt zum Einsatz. Am Ende könnten wir sogar mehr zahlen.

 

PZ: Wie hätten Sie es gemacht?

 

Reimann: Besser wäre als Eingangsvoraussetzung für Verhandlungen ein Preis im europäischen Durchschnitt wie es in der Schweiz praktiziert wird. Wenn dort der Preis darüber liegt, fällt das Mittel aus der Kassenerstattung raus. Nur wenn ein Hersteller den Preis darunter ansetzt, gibt es überhaupt Verhandlungen.

 

PZ: Rösler lässt prüfen, ob auch bei den privaten Kassen ein höherer Zwangsrabatt für die Hersteller gelten könnte. Was hält die SPD davon?

 

Reimann: Es ist nicht einzusehen, warum für private Unternehmen staatliche Preisvorgaben gelten sollten. Sie können bereits mit den Herstellern verhandeln.

 

PZ: Patienten sollen in Zukunft ihr altes Medikament gegen Zuzahlung anstelle eines rabattierten Mittels erhalten können. Wie stehen Sie dazu?

 

Reimann: Ich sehe das kritisch. Und zwar wegen der Rabattverträge. Menge und Preis gehören unlösbar zusammen. Die Kassen können den Herstellern einen Umsatz garantieren und erhalten den Rabatt. Wenn die Mittel in Zukunft aber in der Apotheke wählbar sind, kann die Kasse die Garantie nicht mehr abgeben. Für die Apotheker sähe es vielleicht zunächst gut aus, ein teureres Mittel zu verkaufen, den Kassen ginge aber ein wichtiges Instrument kaputt.

»Die Apotheker müssen sich jetzt zur Versorgung im ländlichen Raum ins Gespräch bringen«

PZ: Unterstützen Sie das geplante Verbot für Pick-up-Stellen?

 

Reimann: Unser Vorschlag war damals, Auflagen für die Qualität der Stellen zu erlassen. Da ist die Union nicht mitgegangen. Ich war da von Anfang an sehr dabei. Das Verbot wäre richtig. Es ist aber verfassungsrechtlich nicht einfach zu realisieren. Denn man kann zwischen einem Drogeriemarkt und einem Versand per Post nur schwer eine Grenze ziehen. Die Entwürfe von Rösler sind von einem entschiedenen Verbot auch schon wieder abgerückt.

 

PZ: Haben Sie schon einmal Arzneimittel an Pick-up-Stellen geholt? Oder bei einem Versandhandel bestellt?

 

Reimann: Nein. Bei mir gibt es auch gleich an der Ecke eine Apotheke.

 

PZ: Welche Rolle sollten Apotheken im zukünftigen Gesundheitswesen spielen?

 

Reimann: Die bisherige Diskussion, besonders um die Versorgung im ländlichen Raum, ist mir viel zu arztlastig. Auch die Apotheken müssen stärker in die Versorgung eingebunden werden. Es gibt Möglichkeiten, mit den Ärzten zu kooperieren. Wie in den aktuellen Modellprojekten Schwester AGnES und MoNi, sollte über die Delegation von ärztlichen Aufgaben an die Apotheker stärker nachgedacht werden. Auch die Apotheker sollten prüfen, wie sie ihr Angebot ausbauen können, um umfassende Ansprechpartner für ihre Patienten werden zu können. Die Apotheker müssen sich jetzt zur Versorgung im ländlichen Raum ins Gespräch bringen. Das ist ein Fachberuf mit hoher Kompetenz. In anderen Ländern übernehmen Apotheken auch Verantwortung für Prävention, sind stärker in die Versorgung chronisch Kranker eingebunden.

 

PZ: Was sagen Sie zu dem Konsens von Kassenärztlicher Bundesvereinigung und der Bundesvereinigung Deutscher Apothekenverbände, dass Ärzte in Zukunft für die Diagnose, Wirkstoffauswahl und Dosierung zuständig sind, und die Apotheker den Rest machen?

 

Reimann: Das bedeutete einen großen Spielraum für die Apotheker, die dann das Präparat auswählen. Das geht aber wegen der Rabattverträge nicht so einfach. Wieder der gleiche Punkt: Die Kasse könnte dann den Herstellern den Umsatz nicht garantieren. Von der Aufgabenverteilung aber unterstütze ich das, weil die Apotheker bei den Arzneimitteln die größere Expertise haben. /

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