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Metabolisches Syndrom

Frühzeitig aktiv werden

29.05.2007
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Metabolisches Syndrom

Frühzeitig aktiv werden

Von Daniela Biermann

 

Das metabolische Syndrom führt zur Entstehung von Typ-2-Diabetes und kardiovaskulären Erkrankungen. Die tödlichen Folgen wie Herzinfarkt und Schlaganfall treten oft erst Jahrzehnte später auf. Apotheker sollten daher auch jüngere Menschen über Risiken aufklären und Tipps für eine Lebensumstellung geben.

 

Zwischen 20 und 30 Prozent der deutschen Erwachsenen erfüllen die Diagnosekriterien des metabolischen Syndroms. Sie leiden, oft ohne es zu wissen, an einer Kombination aus Übergewicht, Insulinresistenz, Bluthochdruck und Fettstoffwechselstörungen. Zusammen bilden sie ein »tödliches Quartett«, da sie zu Typ-2-Diabetes und Herz-Kreislauf-Erkrankungen führen. Jede Komponente für sich erhöht bereits das Krankheitsrisiko. Doch zusammengenommen summieren sich die Risiken nicht, sondern sie multiplizieren sich. So verdreifacht sich in dieser Konstellation das Herzinfarkt- und Schlaganfallrisiko. Die Gefahr, an Typ-2-Diabetes zu erkranken, erhöht sich um das Fünffache. Insgesamt steigen Morbidität und Mortalität gegenüber der gesunden Bevölkerung bis auf das Sechsfache an.

 

Die veränderten Lebensgewohnheiten sind für die starke Zunahme der Prävalenz des metabolischen Syndroms seit der Nachkriegszeit verantwortlich: Ungesunde Ernährung, Bewegungsmangel und Rauchen zählen neben genetischen Faktoren zu den wichtigsten Ursachen.

 

Gefährliches Bauchfett

 

Die bauchbetonte Adipositas steht im Mittelpunkt des metabolischen Syndroms. Wichtiger als der Body-Mass-Index (BMI), der generell unter 25 kg/m² liegen sollte, ist das Muster der Fettverteilung: Personen mit abdominaler oder stammbetonter Fettverteilung (»Apfel-Typ«) nehmen zwar leichter ab, sind jedoch gefährdeter in Bezug auf Herz-Kreislauf-Erkrankungen als Personen mit hüftbetonter Fettverteilung (»Birnen-Typ«). Zur Einschätzung dieses abdominalen Fettdepots wird der Taillenumfang ermittelt. Dazu wird das Maßband bei freiem Oberkörper in der Mitte zwischen unterem Rippenbogen und Beckenkamm in gerader Linie angelegt. Der Untersuchte sollte stehen und entspannt ein- und ausatmen.

 

Die Fachgesellschaften verwenden leicht unterschiedliche Werte, um das metabolische Syndrom zu definieren, die sie in den letzten Jahren mehrmals nach unten korrigierten. Der International Diabetes Federation (IDF) zufolge liegt ein metabolisches Syndrom vor, wenn der Taillenumfang bei Männern über 94 cm beziehungsweise bei Frauen über 80 cm liegt und mindestens zwei weitere Risikofaktoren hinzukommen. Dazu gehören ein Blutdruck von über 130/85 mmHg und ein Nüchternblutzucker von über 100 mg/dl (5,6 mmol/l). Auch Triglyceridspiegel von über 150 mg/dl (1,7 mmol/l), High-density-lipoprotein-Werte (HDL) von unter 40 mg/dl (1,03 mmol/l) bei Männern beziehungsweise 50 mg/dl (1,29 mmol/l) bei Frauen sind Risikofaktoren (siehe Kasten).

 

Insulinresistenz im Zentrum

 

Motor des metabolischen Syndroms ist der viszerale Anteil des Bauchfetts, der sehr stoffwechselaktiv ist. Dieses Fettgewebe, das intraabdominal die inneren Organe umgibt, produziert freie Fettsäuren, Triglyceride, prokoagulatorische Substanzen und Entzündungsmediatoren wie Tumornekrosefaktor-alpha (TNF-alpha) und Interleukin 6. Über viele Zwischenschritte führt dies letztlich zu Atherosklerose und Insulinresistenz, die im Zentrum des metabolischen Syndroms steht.

Risikofaktoren

erhöhter Blutdruck > 130/85 mmHg

Nüchternblutzucker > 90 mg/dl (5,0 mmol/l)

Postprandial > 140 mg/dl (7,8 mmol/l)

reduziertes HDL-Cholesterol < 40 mg/dl (1,03 mmol/l) für Männer, < 50 mg/dl (1,29 mmol/l) für Frauen

erhöhte Triglyceridwerte > 150 mg/dl (1,7 mmol/l)

erhöhter BMI > 25

erhöhter Taillenumfang > 80 cm für Frauen, > 94 cm für Männer

Rauchen

Stress

Bewegungsmangel

erbliche Veranlagung

erhöhter Alkoholkonsum > 1 bis 2 Gläser (> 30 g Alkohol) pro Tag

 

Studien mit Übergewichtigen zeigen: Je höher der Grad der Adipositas ist, desto höher ist auch der TNF-alpha-Spiegel und desto ausgeprägter fällt die Insulinresistenz aus. TNF-alpha blockiert die Synthese von Glucosetransportern und schwächt die Insulin-Signalkaskade ab. Dadurch werden Muskel- und Fettgewebe unempfindlich gegenüber Insulin. Fehlt die Insulinwirkung, nehmen Glykogen-, Fett- und Proteinsynthese ab. Es entstehen mehr Glucose, freie Fettsäuren und Triglyceride. Herrscht ein Überangebot an Glucose, wird vermehrt Insulin ausgeschüttet. Da die Insulinrezeptoren nach Aktivierung in die Zellen aufgenommen werden, nimmt die Zahl dieser Rezeptoren auf der Zell-oberfläche und damit die Insulinempfindlichkeit ab. Glucose- und Insulinspiegel steigen dagegen weiter an. Manifestieren sich Glucoseintoleranz und Insulinresistenz, spricht man von Typ-2-Diabetes.

 

Zusätzlich trägt die Insulinresistenz auch zur Entstehung einer arteriellen Hypertonie bei, da eine endothelvermittelte Vasodilatation, die durch Insulin bewirkt wird, abgeschwächt ist. Die Insulinresistenz beeinflusst ebenfalls entscheidend das Verhältnis der verschiedenen Lipoproteine, das für die Entstehung der Athero-sklerose eine wichtige Rolle spielt. Bei fehlender Insulinwirkung bauen die Adipozyten vermehrt Fett ab. Die entstehenden freien Fettsäuren werden zur Leber transportiert, wo sie in Triglyceride umgewandelt werden. Dadurch steigt der VLDL-Spiegel (very low density lipoprotein), während durch einen Austauschprozess der HDL-Spiegel sinkt. Diese ungünstige Verteilung führt zu einer Dyslipidämie, bei der das Gefäßendothel vermehrt Lipoproteine geringer Dichte bindet. Entzündungsmediatoren locken Makrophagen an, die die oxidierten Lipide im Übermaß aufnehmen und sich zu Schaumzellen umwandeln. Aus ihnen entstehen atherosklerotische Plaque, die die Blutgefäße verengen. Zusätzlich ist die Blutgerinnung durch erhöhte Triglyceridspiegel und die gesteigerte Produktion von prokoagulatorischen Faktoren gestört. So bilden sich leichter Thromben und das Herz- und Schlaganfallrisiko steigt dramatisch an.

 

Prävention lohnt sich

 

Am häufigsten sind Menschen zwischen 60 und 80 Jahren vom metabolischen Syndrom betroffen. In diesem Alter treten die Folgen von Bluthochdruck und Insulinresistenz deutlich zutage. Krankheiten wie Typ-2-Diabetes und Atherosklerose entwickeln sich jedoch über Jahrzehnte, ohne Beschwerden zu bereiten. Gerade jüngere gefährdete Menschen sind sich ihres Risikos oft nicht bewusst. Aufklärung und Prävention stehen daher an erster Stelle, um die Entstehung von Folgeerkrankungen wie Atherosklerose zu verhindern.

 

Die von der ABDA organisierten »Tage der Herzgesundheit« (siehe Kasten) stellen für Apotheker eine gute Gelegenheit dar, gerade jüngere Menschen für das Thema Herz-Kreislauf-Erkrankungen zu sensibilisieren. Bei einem Check in der Apotheke kann das pharmazeutische Personal die wichtigsten Risikofaktoren bestimmen. Größe, Gewicht und Taillenumfang sind schnell und einfach ermittelt. Falls Übergewicht besteht, sollte der Apotheker dem Patienten nahelegen, sich mindestens eine Stunde täglich zu bewegen. Am besten eignen sich Ausdauersportarten mit geringem Kraftaufwand wie Schwimmen, Laufen oder Nordic Walking. Besonders das Bauchfett sollte der Patient durch entsprechendes Training reduzieren.

Tage der Herzgesundheit

Die ABDA-Aktion »Herz-Kreislauf-Erkrankungen« startet am Tag der Apotheke, dem 14. Juni 2007, unter dem Motto »Check Deine Werte! Tage der Herzgesundheit«. Die Aktionswoche findet vom 14. bis zum 21. Juni in den Apotheken statt und richtet sich vor allem an junge Erwachsene von 18 bis 35 Jahren. Sie soll verstärkt junge Männer ansprechen, die mit zunehmendem Alter besonders gefährdet sind. Im Rahmen der Aktionswoche werden der Body-Mass-Index sowie Blutdruck- und Blutzuckerwerte gegen eine geringe Gebühr gemessen. Die Apotheken werden mit Plakaten und Informationsbroschüren ausgestattet, um auf die Aktion aufmerksam machen und die Kunden zum Thema Herz-Kreislauf-Erkrankungen informieren zu können.

Genauso wichtig wie Sport ist eine dauerhafte Ernährungsumstellung. Zur Gewichtsreduktion sollte die tägliche Kalorienzufuhr unter 2000 Kilokalorien liegen. Eine gesunde Ernährung besteht zu 50 bis 60 Prozent aus Kohlenhydraten, vor allem lang wirksamen. Bei der Aufnahme von Fetten (maximal 30 Prozent der Nahrung) sollte auf gesättigte Fettsäuren verzichtet und dagegen mehr Omega-3-Fettsäuren konsumiert werden. Gerade Hypertoniker sollten ihre Kochsalzzufuhr auf maximal 6 Gramm täglich beschränken.

 

Eine Gewichtsreduktion wirkt sich auch positiv auf den Blutdruck aus, der ebenfalls in der Apotheke leicht gemessen werden kann. Als Faustregel gilt: Pro zehn abgenommene Kilogramm erniedrigt sich der systolische Blutdruck um 5 bis 20 mmHg. Eine amerikanische Studie zeigte, dass sich so auch Diabetes-assozierte Todesfälle um 15 Prozent und Herzinfarkte um 11 Prozent reduzieren lassen.

 

Stellt der Apotheker bei der Blutzuckermessung erhöhte Werte fest, sollte er dem Patienten dringend zu einem Arztbesuch raten. Durch einen oralen Glucosetoleranz-Test und HbA1C-Bestimmung kann eine Insulinresistenz frühzeitig erkannt werden. Diätetische oder gegebenenfalls medikamentöse Maßnahmen verzögern die Entwicklung zum vollausgebildeten Diabetes.

 

Eine wichtige Präventionsmaßnahme ist auch die Raucherentwöhnung. Da Rauchen die Gefäße schädigt, erhöht sich das Herzinfarkt- und Schlaganfallrisiko zusätzlich. Ein Raucher verliert durchschnittlich zehn Lebensjahre im Vergleich zum Nichtraucher. Doch wer jung aufhört zu rauchen, kann das Risiko, früher zu sterben, vollständig eliminieren. Unterstützend kann der Apotheker eine Beratung zur Nikotinentwöhnung anbieten.

 

Insgesamt können junge Leute ihr Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen mit einfachen Maßnahmen reduzieren. Trotzdem fehlen oft das Bewusstsein und die nötige Motivation. Weil beim metabolischen Syndrom alle Faktoren zusammenhängen, beeinflusst die Behandlung eines Aspekts auch die anderen Faktoren positiv. So senken schon leichte Verbesserungen des Blutzuckerspiegels, Blutdrucks und Lipidprofils das Gesamtrisiko deutlich.

Literatur

International Diabetes Foundation: The IDF Consensus worldwide definition of the metabolic syndrome (www.idf.org/home/index.cfm?node=1429)

www.hochdruckliga.de/ref8_2006.htm

www.ndep.nih.gov/campaigns/BeSmart/BeSmart_overview.htm

www.herzfaktoren.de/index.php?ID=474&MID=474

Jacob, S., et al., Typ-2-Diabetes, Störungen des Glukosestoffwechsels und vaskuläre Erkrankungen. Journal für Kardiologie 2004; 11 (10), 392-395.

Chen, Q., Pekala, P. H., Tumor Necrosis Factor-alpha-Induced Insulin Resistance in Adipocytes. Proceedings of the Society for Experimental Biology and Medicine 223: 128-135 (2000).

 

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