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Hochgekochte Diskussion um Antidepressiva

30.05.2006
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Pharmacon Meran 2006

Hochgekochte Diskussion um Antidepressiva

Die Wirksamkeit und Sicherheit von modernen Antidepressiva ist derzeit ein kontrovers diskutiertes Thema. Im Fokus der Debatte steht die Suizidalität, die möglicherweise erhöht ist.

 

Unipolare Depressionen sind laut Weltgesundheitsorganisation die weltweit führende Ursache für Behinderungen im Sinne einer Beeinträchtigung der Lebensqualität, sagte Dr. Michael Huss von der Berliner Charité. Die Einführung der Trizyklika in den 1960er-Jahren war ein Meilenstein, denn diese Arzneistoffe machten eine Volkskrankheit behandelbar. Die Substanzen seien noch immer ein wichtiger Bestandteil in der Therapie von Depressionen, so Huss.

 

In den folgenden Jahrzehnten nahm die Entwicklung einen rasanten Verlauf: Es kamen unter anderem die selektiven Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI), die selektiven Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmer (SNRI) sowie selektive Inhibitoren der Monoaminooxidase A (MAO-A-Hemmer) hinzu. Alle Wirkstoffe erhöhen die Konzentration der Transmitter im synaptischen Spalt. Dabei sei die Transmitterdefizit-Hypothese zu kurz gegriffen, sagte der Mediziner. Auch andere, zum Teil noch unbekannte Mechanismen spielten bei der Krankheitsentstehung eine Rolle. »Die Erklärungsmodelle stecken noch in den Kinderschuhen.« Nach neuesten Erkenntnissen könne auch die Neubildung von Nervenzellen in Erwachsenengehirnen, die so genannte Neurogenese, bei depressiven Menschen gestört sein. So zeigte vor kurzem eine Veröffentlichung im Fachmagazin »Nature«, dass der Wirkstoff Fluoxetin unter anderem über die Anregung der Neurogenese wirkt.

 

Die SSRI machen derzeit aber auch aus anderen Gründen Schlagzeilen. Wirkung und Schaden der Antidepressiva werden hitzig diskutiert. Doch nicht eine Studie sei darauf ausgelegt gewesen, unerwünschte Wirkungen zu erfassen, sagte Huss. Daher sei es schwierig, diese durch Metaanalysen zu bewerten.

 

Die Wirkung der SSRI bei Erwachsenen sei in Studien klar belegt. Für Patienten im Kindes- und Jugendalter seien die Daten dagegen heterogen, so dass die meisten Fachgesellschaften davon abraten, diese Antidepressiva bei jungen Menschen einzusetzen. Zentrales Problem ist die Suizidalität, die durch die Medikation möglicherweise angestoßen werden kann. Dabei hat die Analyse sämtlicher Herstellerdaten ergeben, dass nicht ein einziger jugendlicher Patient tatsächlich Selbstmord begangen oder auch nur den Versuch unternommen hatte. Die Kinder hätten sich ausschließlich gedanklich mit dem Thema Tod auseinandergesetzt. Dies sei nicht ungewöhnlich in dieser Lebensphase, sagte Huss. Trotzdem hält der Kinder- und Jugendpsychiater die Gefahr der durch SSRI induzierten Suizidalität für real und die Roten-Hand-Briefe und Warnungen für gerechtfertigt. Auf die wirksamen Medikamente will er bei seiner Arbeit aber nicht verzichten. »Depression im Kindesalter ist eine sehr nachhaltige und schwere Erkrankung«, sagte Huss. »Ich kann nicht hinnehmen, dass den Patienten die Medikation vorenthalten wird.« Trizyklika seien zwar auch wirksam, kämen wegen ihrer geringen therapeutischen Breite und den zum Teil gravierenden Nebenwirkungen (Kardiotoxizität) jedoch nicht immer als Alternative in Betracht.

 

»Depression ist das einzige Krankheitsbild, das bei Kindern tatsächlich zunimmt«, so Huss. Eine wirksame Medikation für Depression im Kindesalter zu haben, sei daher wichtig, Die Zahl der ADHS-Fälle hingegen sei nur deswegen angestiegen, weil die Störung früher unterdiagnostiziert war und heute leicht überdiagnostiziert ist. Warum immer mehr Kinder und Jugendliche depressiv werden, konnte Huss nicht beantworten. Die hohe Scheidungsrate, die Zunahme von Misshandlungen, aber auch genetische Ursachen könnten eine Rolle spielen. Fest stehe, dass Belastungen zu Depressionen führen können, so Huss. Die frühe Förderung von Kindern und der starke Leistungsdruck in der Schule, vor allem nach der Pisa-Erhebung, seien hier wenig förderlich.

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