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Beschleunigte Konzentration

29.05.2006  10:53 Uhr

Interview

Beschleunigte Konzentration

von Thomas Bellartz, Berlin

 

Die angekündigten Preissenkungen der großen Generikahersteller haben politische und ökonomische Auswirkungen. Darüber sprach die PZ mit dem ersten Geschäftsführer des Branchenverbandes Pro Generika, Hermann Hofmann.

 

PZ: Die Gesundheitsministerin ist hoch erfreut über die Preissenkungen einiger Hersteller. Ist das der Anfang eines Preiskampfes?

Hofmann: Über die Generikaindustrie müsste sich die Gesundheitsministerin permanent freuen. Denn dank Generika haben die gesetzlichen Krankenkassen allein 2005 etwa 3,4 Milliarden Euro gespart. Das ist das Ergebnis eines funktionierenden Wettbewerbs. Für diesen ohnehin hart umkämpften Markt und für andere Leistungserbringer ändern sich jetzt durch das In-Kraft-Treten des AVWG die Rahmenbedingungen teils gravierend. Als Reaktion darauf kann sich ein Markt neu formieren, und es kann dazu kommen, dass sich der Preiswettbewerb in einem bestimmten zeitlichen Rahmen verschärft. Aber von einem Preiskampf würde ich nicht sprechen.

 

PZ: Die Hersteller haben bis vor kurzem bestritten, es gebe zu hohe Abgabepreise in Deutschland. Wie sind vor diesem Hintergrund die Preissenkungen zu verstehen?

Hofmann: Die Preise werden doch nicht deshalb gesenkt, weil sie vorher angeblich zu hoch waren. Die Behauptung, dass Generika in Deutschland zu teuer seien, war und ist falsch. Der Preisabstand zum Erst-anbieter ist in den vergangenen Jahren gewachsen; im internationalen Vergleich bewegt sich unser Preisniveau im Durchschnitt. Nach den drastischen Festbetragsabsenkungen am 1. Juli dürfte es sogar unterdurchschnittlich sein. Preissenkungen haben damit zu tun, dass man entweder auf regulative Vorgaben, hier das AVWG, reagiert und/oder dass miteinander konkurrierende Unternehmen sich davon Vorteile versprechen, weil der Markt und die Marktbeziehungen sich verändern.

 

PZ: Kommen durch diese Maßnahme die Hersteller insgesamt aus dem Schussfeld der Gesundheitspolitik?

Hofmann: Die Generikahersteller hätten es verdient, in Ruhe gelassen zu werden. Was die Pharma-Branche insgesamt betrifft, bin ich eher skeptisch. Das ist doch das Trügerische am AVWG: Es greift vor allem in den Generikamarkt ein und klammert die eigentliche Ursache des Ausgabenanstiegs bei den Arzneimitteln, nämlich die Strukturkomponente, aus. Der politische Jubel über die Preissenkungen bei Generika wird deshalb schnell verhallen. Das Kernproblem bleibt ungelöst. Und mit dem haben Generikahersteller wenig zu tun.

 

PZ: Branchenkenner befürchten eine harte Auseinandersetzung um Marktanteile, die zu Gunsten der »großen Drei« ausgehen werde. Wird das Geschäft für kleinere Hersteller schwieriger?

Hofmann: Davon muss man leider ausgehen. Das ist aber politisch so gewollt. Wir haben während der AVWG-Beratungen immer wieder und doch vergeblich davor gewarnt. Es würde mich aber dennoch nicht wundern, wenn einige der Verantwortlichen aus Parlament und Regierung schon bald über eine sich beschleunigende Konzentration im Generikamarkt jammern werden.

 

PZ: Wird eine Preissenkung zu einer Mengenausweitung führen, wie das in anderen Ländern bereits zu beobachten war? Welche konkreten Folgen für den Verbraucher sehen Sie?

Hofmann: Natürlich versprechen sich die Generika-Anbieter eine Mengenausweitung, aber nicht absolut, sondern als Verschiebung von Erstanbietern zu Generika, insbesondere da, wo der Preisabstand jetzt doch noch einmal deutlich größer werden könnte. Politisch gesehen ist diese Form der Mengenausweitung unproblematisch. Im Gegenteil: Sie senkt die Ausgaben!

 

PZ: Sie rechnen demnach mit einer steigenden Generika-Nachfrage?

Hofmann: Bei den Patientinnen und Patienten gehe ich schon davon aus, dass sie jetzt beim Arzt noch stärker nach Generika fragen. Dazu kommt die mögliche Freistellung von der Zuzahlung, auch wenn ich der Meinung bin, dass eine konsequente 10-prozentige Zuzahlung besser wäre. Da würden Versicherte in jedem Fall vom Preiswettbewerb im Generikamarkt profitieren. Die Preissenkungen sind darüber hinaus gut für das Arzt-Patienten-Verhältnis, weil sie den durch das AVWG tief verunsicherten Ärzten helfen. Der Arzt hat die Gewissheit, dass er weiterhin ohne Bedrohung durch einen Arzneimittelregress moderne, sichere und hochwertige Medikamente verschreiben kann. Die Qualität der Pharmakotherapie bleibt erhalten, ihre Effizienz wird sogar gestärkt.

 

PZ: Welche Folgen haben die Preissenkungen auf das Verhältnis zum Apotheker? Verliert der Apotheker für die Generikahersteller an Bedeutung?

Hofmann: Nein, wieso denn? Das gute Verhältnis zum Apotheker ist eine stabile Konstante. Wir beschäftigen uns gerade intensiv mit dem Vorschlag von ABDA-Präsident Wolf, unter welchen Bedingungen Apotheker die Kostenverantwortung bei patentfreien Wirkstoffen übernehmen könnten. Da haben wir eine ganze Reihe kritischer Fragen, etwa die Compliance oder die Sicherheit betreffend, und es bleiben noch zahlreiche offene Punkte, wie zum Beispiel die Auswahlkriterien. Ein positiver Effekt könnte aber sein, dass dadurch schneller und konsequenter vom Erstanbieter auf Generika umgestellt wird. Die Erstanbieter sind im Schnitt um 62 Prozent teurer und machen immer noch erhebliche Umsätze trotz Patentablauf. Das so verschenkte Einsparpotenzial lag 2005 bei 1,1 Milliarden Euro. Da sollten wir ran.

 

PZ: Jenseits der Preissenkungen: Welche Erwartungen hat die Generika-Industrie an die Gesundheitspolitik?

Hofmann: Anerkennung und Planungssicherheit. Anerkennung in zweierlei Hinsicht: zum einen Anerkennung für den elementaren Sparbeitrag, den die Generika-Industrie Jahr für Jahr leistet; zum anderen Anerkennung dafür, dass auf dem Generikamarkt genau der Wettbewerb funktioniert, der für das gesamte Gesundheitssystem eingefordert wird. Und wer Wettbewerb erhalten und fördern will, muss staatliche Eingriffe auf das Nötigste reduzieren. Daraus folgt dann der Punkt Planungssicherheit. Es muss Schluss sein mit den Schnellschüssen, die den Markt immer wieder umkrempeln.

 

PZ: Daumen hoch, Daumen runter: Wie steht‘s um die Zukunft der heimischen Generikahersteller?

Hofmann: So pauschal ist das schwer zu beantworten. Aber ich bin optimistisch und setze auf einen politischen Lerneffekt: Das AVWG greift an der falschen Stelle in den Arzneimittelbereich ein und wird deshalb das Kernproblem des Ausgabenanstiegs nicht in den Griff bekommen. Wir brauchen eine starke Generika-Industrie, um Patentabläufe in Einsparungen umzuwandeln, um Innovationsdruck auf forschende Hersteller auszuüben und um wirkliche Innovationen überhaupt finanzieren zu können.

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