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Groß und Klein auf Reisen

23.05.2018
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Von Annette Mende, Berlin / Mit kleinen Kindern fährt man am besten gar nicht in den Urlaub? Weit gefehlt. Bei guter Planung sind sogar Fernreisen mit Kindern möglich. Es gibt dabei aber einiges zu bedenken.

Die Deutschen sind ein sehr reisefreudiges Volk. Laut Statistikportal Statista unternahmen sie im vergangenen Jahr 69,7 Millionen Urlaubsreisen. Ob pauschal oder individuell, aktiv oder zur Entspannung, nah oder fern, kurz oder lang: Die Bandbreite der Reisewünsche ist dabei sehr groß. Auch Eltern zieht es zusammen mit ihren Sprösslingen in die Ferne.

 

Immer beliebter werden dabei Elternzeitreisen, die sich dadurch auszeichnen, dass sie relativ lange dauern und dass das Kind meistens noch sehr klein ist – zumindest bei der Abreise. »Die Eltern sollten bedenken, dass sich ihr Kind während der Reise entwickelt«, sagte Dr. Mathias Wagner, Kinderarzt aus Berlin, bei einem Symposium des Centrums für Reisemedizin am Rande der Internationalen Tourismusbörse in Berlin. Auf der Rückreise braucht es daher womöglich einen größeren Babysitz, der im Reiseland aber nicht ohne Weiteres zu bekommen ist.

Auch bei kürzeren Aufenthalten muss für den sicheren Transport des Kindes gesorgt werden. »Babykörbchen können bei den Fluggesellschaften bestellt werden, stehen aber nur in einer begrenzten Anzahl zur Verfügung«, sagte Wagner. Größere Kinder säßen im Flugzeug normalerweise auf dem Schoß eines Elternteils, gesichert mit einem sogenannten Loopbelt. Dieser sei jedoch sehr unsicher. Sicherere Alternativen ­seien etwa das Cares-Kinderrückhaltesystem oder der Autositz – den man im Reiseland womöglich ohnehin für Fahrten im Mietwagen, Taxi oder öffent­lichen Verkehrsmittel benötige.

 

Pausen einplanen

 

Unbedingt berücksichtigen sollten Eltern bei der Reiseplanung auch das Schlaf- und Ruhebedürfnis ihres Kindes. Es ist größer als das von Erwachsenen. Zweijährige hätten beispielsweise ein Schlafbedürfnis von 13 ± 3 Stunden, Zehnjährige immerhin noch von 10 ± 2 Stunden. Es gelte daher, Ruhe­pausen einzuplanen und sich kein allzu volles Tagesprogramm vorzunehmen.

 

Ein deutlicher Unterschied zwischen Eltern und Kind besteht hinsichtlich des Bewegungsdrangs. Dem müsse Rechnung getragen werden, um Unfälle und Verletzungen zu vermeiden. Fragen wie »Wie beschäftige ich mein Kind? Wie mache ich die Umgebung vor Ort sicher?« sollten sich Eltern daher bereits vor der Reise stellen. »Kinder haben ein anderes Risikoverhalten. Neugier besiegt oft die Vorsicht«, gab Wagner zu bedenken. Das sei insbesondere auch beim Umgang mit Tieren zu berücksichtigen.

 

Kinder gehen offen und ungehemmt auf Tiere zu, das Risiko für Bisse ist daher um fast das Vierfache höher als bei Erwachsenen. Weil sie noch nicht so groß sind, werden die Kleinen von einem zuschnappenden Tier dabei oft an Kopf oder Hals erwischt. Er rate bei Reisen in entsprechende Länder für Kinder daher immer zu einer Tollwutprophylaxe, so der Pädiater. Die Impfstoffe sind ohne Altersbeschränkung zugelassen. Auch die meisten anderen Reiseimpfungen seien bei Kindern ab einem Jahr einsetzbar. Ausnahmen stellten die parenterale Typhusimpfung dar, die erst ab dem zweiten Lebens­jahr gegeben werden darf, orale Impfungen gegen Typhus oder Cholera (ebenfalls ab zwei) sowie die Hepa­titis-A-Typhus-Kom­bi­nationsimpfung (ab dem 15. Lebensjahr).

 

Welche Infektionen haben Kinder auf Reisen? Ganz allgemein steht hier der Durchfall an erster Stelle, gefolgt von Hauterkrankungen und Fieber. »Atemwegserkrankungen sind eher seltener«, informierte Wagner. Die Häufigkeiten unterscheiden sich je nach Alter: Bei Kindern unter einem Jahr bis Fünfjährigen steht der Durchfall im Vordergrund, bei Sieben- bis Elfjährigen eher die Haut­erkrankungen und bei Jugendlichen dann die fieberhaften Erkrankungen.

 

Für Kinder mit Durchfall werden keine speziellen Diäten oder Nahrungspausen mehr empfohlen, berichtete der Referent. Es sei auf eine ausreichende Flüssigkeitszufuhr zu achten und bei Fieber, blutigen Stühlen oder schweren Verläufen ein Arzt aufzusuchen. Eine spezifische Therapie sei nur bedingt sinnvoll. Diese könne eventuell aus ­Racecadotril bestehen sowie bei begleitender Übelkeit aus Dimenhydrinat-Zäpfchen. »Durchfallstopper wie Loperamid sind bei Kindern untersagt.« Bei Verdacht auf bakterielle Infektionen kämen Azithromycin und Cotrimoxazol infrage, bei Kindern über zwölf Jahre gegebenenfalls auch ­Rifaximin und in Ausnahmefällen Ciprofloxacin.

 

Infektionen der Haut

 

Hauterkrankungen sind bei Kindern häufiger, weil sie sich oft auf der Erde bewegen, alles in den Mund nehmen, barfuß laufen und mit nacktem Po im Sand sitzen. Das erhöht insbesondere das Risiko für eine Hakenwurminfek­tion, die kutane Larva migrans. An der stark juckenden Infektion erkranken Kinder auf Reisen fast dreimal so häufig wie Erwachsene. Die Behandlung erfolgt mit Thiabendazol-Creme oder Ivermectin oral.

Bei den fieberhaften Erkrankungen spielt vor allem die ­Malaria eine Rolle. »Kinder unter fünf Jahren sollten nicht in Gebiete mit Malaria tropica reisen«, sagte Wagner. Sie infizierten sich zwar nicht häufiger als Erwachsene, aber die Erkrankung verlaufe bei den Kleinen häufig fulminant. Zudem hätten sie neben dem Fieber meist unspezifische Symptome wie Husten, was die Diagnose erschwere. Relativ häufig sei auch eine zerebrale Malaria mit Krämpfen und neurologischen Folgeschäden. Eine Komplikation der Malaria, die vor allem bei Kindern auftrete, sei Atemnot: »Durch die Azidose des Blutes, die bei der Malaria entsteht, wird das Surfactant-System in der Lunge deaktiviert. Das führt zum Kollaps der Lungenbläschen und in der Folge zu Atemnot«, erklärte der Kinderarzt.

 

Eine Selbstverständlichkeit bei Reisen in heiße Länder ist auch die Beratung zum Sonnenschutz. »Kinder haben weniger Melanin, eine dünnere Hornschicht und eine größere Körperober­fläche«, nannte Wagner Gründe für eine besondere Sorgfalt bei diesem Thema. Zu beachten sei, dass Kinder aufgrund ihres Bewegungsdrangs meist schlecht im Schatten zu halten seien und häufig das Wasser lieben, sodass eine wasserfeste Sonnencreme sowie regelmäßiges Nachcremen Pflicht seien. Als Grund­regel für die Vermeidung von Sonnenbrand gelte nach wie vor, zumindest die Mittagssonne zu meiden – »Von elf bis drei sonnenfrei.« /

 

 

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