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Fernreisen mit Kindern

Das gehört in die Reiseapotheke

Immer mehr Familien mit kleinen Kindern nutzen die gemeinsamen Elternzeit-Monate, um eine Fernreise zu machen. Neben Australien und Neuseeland sind Thailand und Südafrika beliebte Ziele. Was gilt es zu beachten?
Daniela Hüttemann
10.05.2019
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Planen Eltern mit kleinen Kindern eine Fernreise, sollten sie sich bewusst sein, dass sie damit vor allem sich selbst einen Gefallen tun. »Für ein zweijähriges Kind macht es keinen Unterschied, ob es am Strand von Sylt oder Phuket im Sand buddelt«, sagt Kinderärztin Dr. Andrea Besecke aus Hamburg. Kleinere Kinder litten in den Tropen oft stark unter den klimatischen Bedingungen oder vertrügen das Essen nicht unbedingt. »Außerdem sind die Kinder gegebenenfalls wegen ihres Alters noch nicht den Empfehlungen gemäß geimpft«, so ­Besecke, die Reiseberatungen und Impfungen in der Reisepraxis Hamburg, einer Dependance des Berliner Centrums für Tropenmedizin, bei Globetrotter durchführt. Neben den altersgerechten STIKO-empfohlenen Impfungen können je nach Reiseland und -bedingungen Immunisierungen gegen FSME, Tollwut, Hepatitis A, Typhus, Meningokokken, Japanischer Enzephalitis oder Cholera angezeigt sein.

»Familien sollten sich auf jeden Fall vor so einer Reise gut beraten lassen. Das schwächste Mitglied der Reisegruppe ist entscheidend für die Auswahl der Destination«, so die Kinderärztin. Denn je kleiner das Kind, umso größer ist das Risiko, unterwegs schwer zu erkranken. »Denguefieber und Malaria verlaufen im Kleinkindalter viel öfter als bei Erwachsenen sehr schwer, teilweise sogar tödlich«, so Besecke.

Das sieht auch Dr. Mathias Wagner so, Kinderarzt aus Berlin mit Fachzertifikat für Reise- und Tropenmedizin. »Man sollte sich vorher genau über die medizinische Infrastruktur des Reiselands informieren.« Erste Anhaltspunkte dazu findet man beispielsweise auf den Websiten des Auswärtigen Amts oder des Centrums für Reisemedizin (CRM). »Mit Kindern unter fünf Jahren sollte man gar nicht in Malaria-tropica-Gebiete fahren«, so Wagner, der Mitglied der Akademie für Reisemedizin beim CRM ist. Auch Reisen in Dengue-Gebiete wie Südthailand sollten mit Kleinkindern gut überlegt sein.

Zwar ist eine Dengue-Impfung (Dengvaxia®) vor Kurzem in der EU zugelassen worden, jedoch nicht für Reisende, sondern für Einheimische der betroffenen Gebiete. Eine Malaria-Impfung steht ebenfalls nicht zur Verfügung. Der noch nicht zugelassene Impfstoff Mosquirix® (RTS,S) wird derzeit in drei afrikanischen Ländern getestet. Er ist jedoch auch nicht als Reiseimpfung gedacht, sondern soll die Malaria-Last in den betroffenen Ländern senken.

Bei der Auswahl des Reiseziels sollte zudem beachtet werden, dass die Höhe, auf der übernachtet wird, unter 2500 Meter über dem Meeresspiegel liegt. »Darüber steigt das Risiko für eine Höhenkrankheit«, erklärt Wagner. Sie sei gerade bei Kindern oft schwer zu erkennen, könne sich schnell verschlechtern und unbehandelt sogar tödlich enden. »Beachtet man all dies, scheiden sehr viele Länder aus, im Prinzip alle Entwicklungsländer.« Bei Schwellenländern gelte es, geeignete Regionen auszusuchen.

Schwangeren Frauen wird dringend von Reisen in Malaria- und Zika-Regionen abgeraten. Auch sollte in Zika-­Gebieten verhütet werden. Das Zika-Virus breitet sich derzeit immer weiter aus. Ganz Süd- und Mittelamerika sowie große Teile Asiens und Afrika sind betroffen.

Während Zika und Dengue vor allem von tagaktiven Aedes-Mücken übertragen werden, stechen die Malaria-übertragenden Anopheles-Mücken eher nachts. »Ein wirksamer Mückenschutz ist in vielen Ländern daher tags und nachts wichtig, vor allem aber in der Dämmerung«, so Wagner. Es gelten die üblichen Empfehlungen: weite, helle Kleidung, Schlafen (auch mittags) unter einem Moskitonetz, möglichst in einem Zimmer mit Klimaanlage und natürlich die konsequente Anwendung von ­Repellenzien.

Wirksamer Mückenschutz

Als am wirksamsten gelten Diethyl­toluamid (DEET) und Icaridin in den höchst möglichen zugelassenen Konzentrationen. Das sind bei DEET, dem Goldstandard, 50 Prozent, bei Icaridin 30 Prozent. Sie sind allerdings in Deutschland je nach Präparat frühestens ab einem Alter von zwei Jahren zugelassen. »Mittel mit Eukalyptus und Citronella sind zwar zugelassen für kleinere Kinder, aber viel zu kurz wirksam, sodass sie nicht als sichere Option gelten können«, sagt Wagner. Teilweise sind auch Icaridin-haltige Repellenzien für jüngere Kinder erhältlich, allerdings in niedrigerer Konzentration (zum Beispiel Doctan® Kinder ab sechs Monate mit 20 Prozent Icaridin).

In anderen Ländern ist DEET jedoch bereits für Kinder ab einem Alter von zwei Monaten zugelassen. Wagner sind keine Berichte über ernste unerwünschte Wirkungen bei Schwangeren oder Kleinkindern bekannt, sodass er DEET oder Icaridin in einer Konzentration von mindestens 30 Prozent empfiehlt und die Eltern über die Anwendung außerhalb der Zulassung aufklärt. Die Wirkung hält bis zu acht Stunden an.

Tagsüber gilt, zuerst den Sonnenschutz (in den Tropen mit Lichtschutzfaktor 50+) aufzutragen. Das Mückenspray wird etwa 30 Minuten später appliziert – da ist das Timing wichtig und die Kinder müssen sich das häufige Eincremen gefallen lassen. Den neuen Kombipräparaten aus Sonnen- und Insektenschutz steht Wagner aufgrund der geringen Wirkstoffkonzentration (20 Prozent und weniger Icaridin) eher skeptisch gegenüber. Lichtschutzfaktor und Repellenzien-Konzentration müssen auf jeden Fall stimmen.

Die Repellenzien dürfen nicht ins Auge oder auf Schleimhäute gelangen. Das gilt insbesondere auch, wenn man Permethrin oder andere Insektizide zur Imprägnierung der Kleidung benutzt. Kinder dürfen nicht daran nuckeln. Falls wirklich eine Malaria-Prophylaxe notwendig sein sollte, beispielsweise wenn Verwandte in betroffenen Gebieten besucht werden, ist die Kombination Atovaquon/Proguanil (Malarone junior®) zur Vorbeugung ab einem Körpergewicht ab 11 kg zugelassen. »Doxy­cyclin kommt aufgrund der möglichen Schäden an Knochen und Zähnen erst für Kinder ab acht Jahren infrage«, erklärt Wagner. Wenn es sein muss, kann man ab einem Gewicht von 5 kg auch auf Mefloquin (Lariam®) zurückgreifen, dessen Zulassung in Deutschland allerdings erloschen ist.

Ist es generell sinnvoll, ein Antibio­tikum dabei zu haben? »Nicht unbedingt«, meint Besecke. »Falls Ja, dann sind eine konkrete Absprache mit dem Kinderarzt beziehungsweise Tropenmediziner vor der Abreise und genaue Erläuterung wichtig.« Wagner würde im Zweifelsfall ein Breitspektrum-Antibiotikum verordnen, bei kleineren Kindern Amoxicillin/Clavulansäure oder ein Cephalosporin. Bei älteren Kindern, die mindestens 15 kg wiegen, sei Azithromycin eine gute Option. Zum einen muss es nur drei Tage eingenommen werden, zum anderen wirkt es auch gut bei bakteriellen Darmerkrankungen. Die Darreichungsform sollte bevorzugt ein Trockensaft sein, dessen Zubereitung und Applikation die Eltern sich beim Einlösen des Rezepts in der Apotheke erklären lassen sollten. Selbstverständlich sollte sicheres, abgepacktes Trinkwasser zur Zubereitung genommen werden und kein Leitungswasser.

Ein häufiges Problem auf Reisen ist Durchfall. Zur Vorbeugung gilt bei der Nahrungsmittelauswahl die goldene Reiseregel »Cook it, peel it or leave it.« Je nach Reiseziel kann eine Impfung gegen Hepatitis A und/oder Typhus sinnvoll sein. Der Totimpfstoff Dukoral® schützt vor Cholera und bedingt vor enterotoxischen Escherichia-coli-Stämmen (ETEC), und zwar nach bisherigen Erkenntnissen maximal zwei Jahre. Zugelassen ist die Schluckimpfung ab zwei Jahren. Sie ersetzt nicht die üblichen Schutzmaßnahmen.

Durchfall frühzeitig ernst nehmen

Kommt es dennoch zu Durchfall, ist Flüssigkeitszufuhr die wichtigste Maßnahme. Dabei gilt: Je kleiner das Kind, desto schneller dehydriert es. Eine orale Rehydratationslösung wie Oral­pädon® gehört unbedingt in die Reiseapotheke. Bei länger anhaltendem Durchfall sollte ein Sekretionshemmer wie Racecadotril (Tiorfan® Granulat, zugelassen ab 3 Monaten) eingesetzt werden. Einen Arzt aufsuchen sollte man frühzeitig bei Zeichen einer Dehydrierung wie trockene Haut und Schleimhäute, Lethargie, trockene Windeln, Fieber oder blutigem Stuhl.

Vom darmlähmenden Loperamid (Imodium® und andere) ist abzuraten. Zum einen ist es erst für Kinder ab acht Jahren zugelassen, zum anderen können sich sonst Keime weiter im Darm vermehren, die der Körper mit dem Durchfall loszuwerden versucht. Als ­Alternativen nennt Wagner Diarrhoesan® Saft mit Pektin aus Äpfeln und Kamillenblüten-Fluidextrakt (zugelassen ab zwei Jahren) oder geschälten geriebenen Apfel. Der Effekt einer Durchfall-Prophylaxe oder -Behandlung mit Probiotika sei umstritten, sie schade aber in der Regel nicht. Tannacomp® Filmtabletten mit dem adstringierenden Tanninalbuminat und desinfizierenden Ethacridinlactat sind erst ab fünf Jahren zugelassen.

»Auch bei anhaltendem Erbrechen gilt, immer besser zum Arzt zu gehen«, so Besecke. Gegebenenfalls können ein Dimenhydrinat-Präparat (Vomex® Sirup ab 6 kg Körpergewicht oder Supposito­rien ab 8 kg Körpergewicht) oder Diphenhydramin (Emesan® Tabletten ab sechs Jahren) gegeben werden. Beim Dimenhydrinat ist streng auf die maximale Dosierung von 5 mg pro kg Körpergewicht in 24 Stunden zu achten. Bei Reiseübelkeit sind Ingwer-Präparate eine Alternative. Kapseln eignen sich natur­gemäß nicht für kleinere Kinder. Das Präparat Zintona® beispielsweise ist ab sechs Jahren zugelassen. Ab vier Jahren einsetzbar sind Ingwer-Lutscher wie Sensilab® Travel Lollipops.

Was ist noch wichtig?

Wichtiger Teil der Reiseapotheke sind auch Mittel zur Wundversorgung. Zur Desinfektion eignet sich am besten eine Octenidin-haltige Lösung wie Octeni­sept® Spray. Povidon-Iod/PVP-Iod gilt als zweite Wahl. Mullbinden, Wundkompressen, Pflaster sowie eine Splitterpinzette und eine kleine Schere dürfen nicht fehlen. Bei Insekten­stichen hilft ein Dimetindenmaleat-haltiges Gel wie Fenistil® Gel (ohne Altersbeschränkung) sowie bei stark juckenden Stichen ein Hydrocortison-haltiges Präparat (0,25 Prozent), um das Aufkratzen zu vermeiden. Corticoid-haltige Produkte sind allerdings erst ab sechs Jahren zugelassen. Bei jüngeren Kindern ist daher die vorherige Rücksprache mit dem Arzt sinnvoll. Auch eine Miconazol-haltige Creme oder Salbe gegen Pilzinfektionen ist laut Wagner empfehlenswert (keine Altersbeschränkung).

Auf jeden Fall gehören auch ein Fieberthermometer sowie Schmerz- und Fiebersaft mit Paracetamol oder Ibuprofen ins Gepäck, ebenso wie altersentsprechend ein abschwellendes Nasen­spray oder -tropfen. Ihr Einsatz ist vor allem bei erkälteten Kindern während des Starts und der Landung bei Flugreisen sinnvoll.

Möglichst alle Arzneimittel, mindestens aber die Notfallmedikamente sollten beim Fliegen ins Handgepäck. Selbstverständlich sollten gegebenenfalls ausreichende Mengen einer Dauer­medikation mitgenommen werden, beispielsweise Asthmaspray oder Insulin. Für Medikamente gelten nicht die üblichen Beschränkungen wie für das Handgepäck, flüssige Arznei­formen sollten jedoch in Plastikbeutel gepackt werden. Bei größeren Mengen ist das Mitführen eines mehrsprachigen Attests vom Hausarzt sinnvoll, bei Suchtmitteln außerhalb des Schengen-Raumes mit Bestätigung der zuständigen Landesbehörde (zum Beispiel für ADHS-Medikamente).

Einen Packtipp hat auch Wagner: »Fassen Sie die Medikamente zu Sets in Plastikdosen oder -beuteln zusammen, zum Beispiel eines zur Wundversorgung und eines bei Magen-Darm. So haben Sie im Notfall alles griffbereit.« Im besten Fall bleiben die Dosen im Koffer.

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