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Mineralisationsstörung

Problem poröser Schmelz

23.05.2017
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Von Nicole Schuster / Wenn Kinder schmerzempfindliche Zähne haben, muss das nicht an mangelnder Pflege liegen. Auch die Molaren-Inzisiven-Hypomineralisation (MIH), die den Schmelz weich und kariesanfällig macht, ist eine mögliche Ursache. Wie der bis vor einigen Jahren noch unbekannte Zahnschmelzdefekt zustande kommt, ist unklar.

Der Zahnschmelz ist normalerweise die härteste Substanz im menschlichen Körper. Bei der Molaren-Inzisiven-Hypo­mineralisation (MIH), einer entwicklungsbedingten Erkrankung der Zahnhartsubstanz, werden allerdings zu wenige Mineralien eingelagert, was zu einem porösen Gewebe führt. Die gestörte Schmelzbildung betrifft meistens nur einzelne Backenzähne (Molaren), manchmal auch die Schneidezähne (Inzisiven).

 

Die Zahnentwicklung beginnt etwa im achten Schwangerschaftsmonat und kann bis zum dritten oder vierten Lebensjahr andauern. Sie wird möglicherweise von verschiedenen Faktoren negativ beeinflusst. »Zusammenhänge sind jedoch schwer nachzuweisen, da man bei möglichen Auslösern um die Geburt herum sechs Jahre bis zum Durchbruch der Backenzähne warten muss, um zu sehen, ob tatsächlich eine Kausalität besteht«, sagte Professor Dr. Christian H. Splieth von der Abteilung für Präventive Zahnmedizin und Kinderzahnheilkunde an der Universität Greifswald der PZ.

 

Ursache unbekannt

 

Zahnärzte ziehen verschiedene mögliche Ursachen für die MIH in Betracht: Infektionskrankheiten, chronische Erkrankungen vor allem der Atemwege im frühen Kindesalter, eine Vitamin-D-Hypovitaminose, Schwangerschafts- oder Geburtskomplikationen, die Einnahme bestimmter Medikamente wie Antibiotika sowie Umwelttoxine, beispielsweise Dioxine in der Muttermilch oder den Kunststoffbestandteil Bisphenol A. Bewiesen ist jedoch nichts. »Einige Studien finden Zusammenhänge mit möglichen Risikofaktoren, andere nicht«, weiß Splieth. Unklar ist auch, warum die Entwicklungsstörung oft nur einen oder zwei Zähne betrifft. Die Schweregrade äußern sich bei MIH zudem aus noch unklaren Gründen nicht einheitlich. »Ein Zahn kann völlig zerstört sein, zwei andere womöglich nur mittelschwer und die übrigen Zähne sind gesund«, berichtete der Zahnarzt.

 

Bei Zahnschäden der Kinder machen sich Eltern oft Vorwürfe, dem Nachwuchs zu viele Süßigkeiten gegeben oder nicht auf ausreichende Mund­hygiene geachtet zu haben. Hier können Experten Entwarnung geben. Anders als bei Karies beeinflusst die Ernährung nicht das Auftreten der Krankheit. »Niemand hat Schuld, wenn ein Kind MIH-Zähne im Mund hat«, so Splieth.

 

In Deutschland leiden Schätzungen zufolge mehr als 10 Prozent der Kinder an der bis vor einiger Zeit noch unbekannten Zahnerkrankung. Der Zahnarzt kann sie in der Regel am klinischen Bild diagnostizieren. Bei den Betroffenen entwickeln die bleibenden Backenzähne und manchmal auch die Schneidezähne oft schon vor dem Durchbruch gelblich-bräunliche beziehungsweise weißlich-cremefarbene Flecken. Der MIH-Schmelz weist nur etwa ein Zehntel der Härte des Schmelzes von gesunden Zähnen auf und ist entsprechend empfindlich auch gegenüber Kaubelastungen.

 

Es ist anzunehmen, dass es die Krankheit auch früher schon gegeben hat. »Bis vor 20 Jahren war allerdings Karies das große Problem der Zahnmedizin und hat im Bewusstsein vieler Ärzte alles andere überlagert«, sagte Splieth. MIH-Zähne wurden damals entweder ebenfalls für kariös gehalten oder waren tatsächlich auch von der Zahnfäule betroffen, die dann die anderen Defekte verdeckte.

 

Heute hingegen sind Zahnärzte zunehmend für die Mineralisationsstörung sensibilisiert und wissen, dass nicht jede bräunliche Verfärbung auf Karies hindeutet. Zu differenzieren ist MIH außer von Karies unter anderem auch von der Dentalfluorose, bei der weiße bis braune Flecken oder Streifen infolge zu hoher Fluoriddosen entstehen. Auch Tetracycline können für Verfärbungen der Zähne sorgen, wenn Schwangere, Stillende oder kleine Kinder sie einnehmen.

 

Nicht nur kosmetisch störend

 

Bei MIH sind die Auffälligkeiten aber meist nicht nur äußerlich. Je nach Schweregrad haben die Zähne einen extrem weichen und porösen Schmelz, von dem leicht Teile abplatzen, und sind auch hochgradig temperatur- und berührungsempfindlich. Das Putzen und ebenso das Essen und Trinken von heißen oder kalten Lebensmitteln verursachen Schmerzen. Bei manchen Kindern sind die neuralen Strukturen bereits so sensibel, dass schon ein normaler Reiz zu einer starken Schmerzempfindung führt. Sie erleben dann auch Zahnarztbehandlungen als äußerst unangenehm, beispielsweise wenn der Luftbläser zum Einsatz kommt.

 

»Bei MIH-Zähnen wirken zudem Lokal­anästhetika nur eingeschränkt«, sagte Splieth. Vermutlich seien entzündete Zahnnerven der Grund, warum die Betäubung nicht ausreichend funktioniert. Aus Angst vor Schmerzen verweigern manche kleinen Patienten die Behandlung. Das ist besonders problematisch, da hypermineralisierte Zähne kariesanfälliger sind als gesunde und nicht nur viel Pflege, sondern auch viel Therapie benötigen.

Der Zahnarzt versucht bei MIH, das Auftreten von weiteren Schäden zu verhindern. Bei einer schwachen Form der Entwicklungsstörung, bei der kein Verlust von Zahnhartsubstanz vorliegt, schützt eine Fissurenversiegelung sowie eine Behandlung mit hoch konzentriertem Fluoridlack durch den Arzt alle drei bis sechs Monate vor frühzeitigem Kariesbefall. Bei störenden Verfärbungen und Flecken können ästhetische Maßnahmen helfen.

 

Liegt ein Substanzverlust vor, kommen je nach Schweregrad und Ausmaß Kompositfüllungen oder eine Teil- oder Vollüberkronung infrage. »Bei stark defekten Zähnen, die vorerst erhalten werden sollen, sind Stahlkronen eine vorübergehende Lösung«, sagte Splieth. »Sie können problemlos bis zum Alter von elf Jahren im Mund verbleiben. Bis dahin sollte geklärt werden, ob ein kieferorthopädischer Lückenschluss möglich ist, sodass nach einer Extraktion kein Zahnersatz gebraucht wird. Andernfalls sollte die Stahlkrone verbleiben und im Erwachsenenalter ersetzt werden.« Auch bei weniger geschädigten MIH-Zähnen biete es sich immer an, diese und keine gesunden zu entfernen, wenn ein Kieferorthopäde über zu wenig Platz für die Behandlung klage.

 

Früh zum Zahnarzt gehen

 

Um nicht nur auf MIH, sondern auch auf andere dentale Krankheiten frühzeitig reagieren zu können, sollten Eltern ihre Kinder bereits im Alter von sechs Monaten bei Erscheinen der ersten Milchzähne dem Zahnarzt vorstellen. »Kinder gewöhnen sich dadurch an den Besuch und verlieren ihre Angst«, so Splieth. Zudem können sie in der Praxis das richtige Putzen erlernen. Gerade bei MIH ist eine hervorragende Mundhygiene von Anfang an erforderlich, um die Zähne trotz der Schäden im Schmelz so lange wie möglich im Mund behalten zu können. /

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