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Empfehlung der US-Behörde

Tabletten zur HIV-Prophylaxe

21.05.2014  10:40 Uhr

Von Annette Mende / Seit knapp zwei Jahren ist die Fixkombination aus Emtricitabin und Tenofovir (Truvada®) in den USA auch zur Präexpositions-Prophylaxe (PrEP) einer HIV-Infektion zugelassen. Die Anzahl derjenigen, die das Mittel vorbeugend einnehmen, ist aber überschaubar. Nachdem die oberste Gesundheitsbehörde die PrEP vorige Woche offiziell empfahl, könnte sich das ändern.

In ihrer jetzt veröffentlichten Leitlinie zur PrEP empfehlen die US-amerikanischen Centers for Disease Control and Prevention (CDC) Angehörigen bestimmter Risikogruppen die tägliche Einnahme antiretroviraler Medikamente, um einer HIV-Infektion vorzubeugen. De facto ist das eine Empfehlung für Truvada, denn das Präparat ist momentan das einzige, das in den USA in dieser Indikation zugelassen ist. In Europa gibt es noch kein Medikament zur PrEP und Truvada-Hersteller Gilead plant momentan auch nicht, eine entsprechende Zulassungserweiterung bei der Europä­ischen Arzneimittelagentur EMA zu beantragen. Der Grund dafür sei, dass die EMA die PrEP anders bewerte als die US-Arzneimittelbehörde FDA, sagte ein Gilead-Sprecher der PZ.

In den USA wird die PrEP jetzt für folgende Personengruppen empfohlen, sofern ein erhebliches Risiko für eine HIV-Infektion besteht: sexuell aktive Männer, die Sex mit Männern haben, sexuell aktive heterosexuelle Frauen und Männer sowie Konsumenten intravenöser Drogen. Ein erhebliches Risiko sieht die CDC als gegeben an, wenn der Betreffende zum Beispiel gerade erst an einer bakteriellen sexuell übertragbaren Infektion erkrankt war, eine große Zahl an Sexualpartnern hat, bisher nicht oder nicht immer Kondome benutzt hat oder sich prostituiert. Darüber hinaus soll die PrEP serodiskordanten Paaren angeboten werden, also Paaren, in denen ein Partner HIV-positiv ist.

 

Tabletten und Kondome

 

In jedem Fall stellt die PrEP laut CDC nur eine Option zur Infektionsprophylaxe dar. Eine weitere, nachgewiesenermaßen sehr sichere Präventionsmethode sind Kondome, deren Gebrauch von der CDC zusätzlich propagiert wird: »Da eine hohe Adhärenz für eine erfolgreiche PrEP essenziell ist, aber in Studien nicht bei allen Teilnehmern erreicht wurde, sollen Patienten dazu angehalten werden, zusätzlich zur PrEP andere Präventionsmethoden anzuwenden.« Infektionsschutz mit Netz und doppeltem Boden also.

 

Dass diese Vorstellung besonders realistisch ist, bezweifelt unter anderem Donald G. McNeil, ein Autor der »New York Times«. Es sei vielmehr zu erwarten, dass Menschen, die mit einer PrEP begännen, dann ganz auf den Gebrauch von Kondomen verzichteten. Dadurch steige die Infektionsgefahr mit Erregern anderer sexuell übertragbarer Krankheiten wie Syphilis und Gonorrhö. Den Verantwortlichen sei das durchaus bewusst, doch überwiege aus ihrer Sicht der Nutzen der PrEP die Risiken. »Syphilis und Gonorrhö können mit Antibiotika behandelt werden, eine HIV-Infektion bleibt lebenslänglich und verläuft tödlich, wenn sie nicht therapiert wird.«

 

McNeil verweist auf eine Studie der CDC aus dem November 2013, wonach homosexuelle Männer in den USA in den vergangenen Jahren beim Kondom-Gebrauch ohnehin immer nachlässiger wurden. Seit 2005 und bis ins Jahr 2011 habe der Anteil Schwuler, die angaben, in den vorangegangenen zwölf Monaten ungeschützten Sex gehabt zu haben, um 20 Prozent zu­genommen.

 

In den USA leben laut CDC mehr als 1,1 Million Menschen mit einer HIV-Infektion. Die Behörde schätzt, dass etwa 16 Prozent der Patienten von ihrer Infektion nichts wissen. Diese sogenannten Late Presenter früher zu identifizieren, wäre unter anderem wichtig, um die Weiterverbreitung des Virus zurückzudrängen, stellt aber eine große Herausforderung dar (lesen Sie dazu auch HIV-Infektion: Häufig noch zu spät erkannt). Trotz Präventionskampagnen mit Aufrufen zum Kondom-Gebrauch liegt die Neuinfektionsrate seit Jahren stabil bei etwa 50.000 pro Jahr.

 

PrEP noch wenig eingesetzt

 

Offenbar hat die Erkenntnis, dass die bisherige Strategie zur Eindämmung der Infektion wenig erfolgreich war, die CDC nun dazu bewogen, zusätzlich verstärkt auf die PrEP zu setzen. Ob das klappt, bleibt abzuwarten. Bislang wurde die PrEP jedenfalls nur wenig eingesetzt. In einer im Dezember 2013 im Fachjournal »Clinical Infectious Diseases« veröffentlichten Befragung von knapp 1200 Ärzten, die auf die Behandlung von Infektionskrankheiten spezialisiert waren, hielt zwar die große Mehrheit die PrEP für eine gute Sache, aber nur 9 Prozent hatten sie jemals einem Patienten verordnet (doi: 10.1093/cid/cit796). Unter Allgemeinmedizinern, bei denen Menschen ohne HIV-Infektion höchstwahrscheinlich eher in Behandlung sind als bei HIV-Spezialisten, dürfte die Zurückhaltung angesichts des Preises des Medikaments sogar noch größer sein. /

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