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HIV-Infektion

Häufig noch zu spät erkannt

21.05.2014
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Von Maria Pues, Wiesbaden / Immer noch werden viele HIV- Infektionen erst spät erkannt. Für die Patienten verschlechtert dies den möglichen maximalen Erfolg einer Therapie, für ihre Partner erhöht sich das Risiko, sich ebenfalls zu infizieren.

Trotz aller Bemühungen ist der Anteil unerkannter oder spät erkannter HIV-Infektionen seit vielen Jahren gleichbleibend hoch. Hintergründe und Lösungsansätze erläuterte Professor Dr. Georg Behrens von der Medizinischen Hochschule Hannover beim Internistenkongress in Wiesbaden.

Durchschnittlich die Hälfte der HIV-Infektionen werde immer noch zu spät erkannt, sagte er. Diese als Late Presenter bezeichnete Gruppe wird in Deutschland dadurch definiert, dass bei ihnen die Zahl der T-Helferzellen pro Mikroliter Blut unter 350 (früher 200) liegt. Der Anteil der Late Presenter ist nicht in allen Patientengruppen gleich groß. Überdurchschnittlich hoch ist die Zahl laut einer Untersuchung bei einer Gruppe von Patienten, die mit einer HIV-Infektion am wenigsten rechnet: Bei Heterosexuellen über 55 Jahren betrug der Anteil der Late Presenter mehr als 70 Prozent. Damit lag er höher als bei Konsumenten intravenös-applizierbarer Drogen, bei denen er 47 Prozent betrug. Mit rund 35 Prozent am geringsten war er bei jüngeren Männern, die Sex mit Männern haben (MSM).

 

Indikatorerkrankungen sollten hellhörig machen

 

Einer der Gründe liegt in der Testpraxis: Ein HIV-Test erfolge heute vorwiegend dann, wenn Klienten dies wünschten, sagte Behrens. Personen, die sich nicht in Gefahr einer HIV-Infektion wähnen oder die sich vor einem positiven Testergebnis fürchten, erreicht man auf diese Weise naturgemäß nicht. In hausärzt­lichen oder internistischen Praxen können Patienten jedoch durch sogenannte Indikatorerkrankungen auffallen.

 

Dabei handelt es sich definitions­gemäß um Erkrankungen, die anzeigen, dass ein HIV-Test berücksichtigt oder durchgeführt werden sollte. Zu diesen gehören neben Aids-definierenden Erkrankungen vor allem Krankheiten, die mit einer hohen HIV-Prävalenz assoziiert sind, und Erkrankungen, bei denen eine HIV-Diagnose die Therapie beeinflussen würde. In einer im vergangenen Jahr im Fachjournal »Plos one« veröffentlichten Studie untersuchten Forscher um Ann K. Sullivan vom britischen NHS die HIV-Prävalenz bei acht Erkrankungen (siehe Tabelle). Diese reichten von der seborrhoischen Dermatitis über sexuell übertragbare Infektionen, Herpes zoster bis hin zu uneklärter Leuko- oder Thrombopenie. Alle Erkrankungen sind der Studie zufolge als Indikatoren für HIV-Infektionen geeignet. Das bedeutet, dass ein HIV-Screening für alle Patienten mit diesen Erkrankungen kosteneffektiv wäre.

Krankheit HIV-Prävalenz
Sexuell übertragbare Krankheiten (STI) 4,06
Maligne Lymphome 0,29
Zervikale oder anale Dysplasien/Krebs 0,37
Herpes zoster 2,89
Hepatitis B oder C 0,36
Anhaltende Mononukleose-ähnliche Symptome 3,85
Unerklärte Leuko- oder Thrombopenie 3,19
Seborrhoische Dermatitis 2,06

Tabelle: HIV-Prävalenz beim Auftreten von Indikatorerkrankungen, Quelle: Sullivan AK et al.: Feasibility and Effectiveness of Indicator Condition-Guided Testing for HIV: Results from HIDES I (HIV Indicator Diseases across Europe Study), Plos one 2013, doi: 10.1371/journal.pone.0052845

Besonders hausärztliche und internistische Praxen gelte es für diese Problematik zu sensibilisieren, sagte Behrens, da diese für die betreffende Gruppe bei Beschwerden der erste Ansprechpartner seien. Je später eine HIV-Infektion erkannt wird, desto schlechter ist die Prognose für den Patienten und umso höher ist das Risiko, dass er weitere Personen infiziert. »Wer seinen Status kennt, trägt relativ weniger zu Neuinfektionen bei als Menschen, die ihren Status nicht kennen.« Behrens zitierte außerdem eine Untersuchung, wonach von insgesamt 28 Transmissionen nur eine unter einer sofortigen antiretroviralen Therapie erfolgte, 27 hingegen bei verzögerter Therapie. Darüber hinaus stiegen bei Late Presentern das Risiko für Therapiekomplikationen sowie die Therapiekosten.

 

Mehr Komplikationen, höhere Kosten

 

Zum Vergleich: Ein 25-jähriger Patient, der im ersten halben Jahr nach der Infektion antiretroviral behandelt wird, hat eine Lebenserwartung, die nur wenig unter der der Normalbevölkerung liegt. Selbst bei Primärresistenzen liegt das Ansprechen auf eine Ersttherapie, wenn diese in den ersten sechs bis zwölf Monaten nach der Infektion erfolgt, mit 92,3 Prozent nur knapp unter dem Ansprechen ohne Primärresistenzen (94,1 Prozent). Bis zu 90 Prozent der Patienten erreichen das Therapieziel von weniger als 50 HIV-RNA-Kopien pro Milliliter Plasma. /

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