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Krebskranke Kinder

Wenn die Prinzessin ihre Haare verliert

22.05.2012
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Von Daniela Biermann / Märchen bieten Kindern seit jeher die Möglichkeit, sich mit dem Bösen und Bedrohlichen auseinanderzusetzen. In der Regel gehen Märchen jedoch gut aus und stiften so Hoffnung. Die Märchenkunsttherapie soll krebskranken Kindern helfen, ihre Erkrankung zu verarbeiten.

Die Prinzessin trägt ein rosafarbenes Kleid, rosafarbene Pantoffeln und natürlich ein goldenes Krönchen auf den roten Haaren – und sie hängt an einem Infusionstropf. »Die Prinzessin ist ganz traurig«, kommentiert Anastasia, neun Jahre alt, ihr Bild. Der Prinzessin ist wohl klar, dass sie durch die rote Flüssigkeit, die durch den Infusionsschlauch läuft, ihre schönen Haare verlieren wird. So wie es Anastasia passiert ist. Zusammen mit den anderen Patienten der Kinderonkologie der Universitätsklinik Münster (UKM) hat sie ihre Ängste, Hoffnungen und Wut im Projekt »Unsere Prinzessin ist krank« verarbeitet.

Die Idee und das Konzept des Projekts hat die Kunsttherapeutin Nina Frye entwickelt. Zunächst bekamen die Kinder und Jugendlichen zwischen zwei und 18 Jahren Märchen vorgelesen. Anschließend malten, zeichneten und bastelten die Patienten Märchenfiguren ihrer Fantasie. Aus den Arbeiten entstand eine Ausstellung, die im vergangenen Jahr im UKM und im Stadtmuseum Münster zu sehen war. Dazu schrieben Frye und ein 15-jähriger Patient ein langes Märchen, in dem die Lieblingsfiguren der Kinder vorkommen. Thema der Geschichte sind Krankheit und Bedrohung, Haarverlust, die Angst vor dem Bösen, aber auch der Glaube an das Gute, Hoffnung und Zuversicht sowie Reifungsprozesse, Wunscherfüllung, Freundschaft und Liebe, schreibt Frye in einer Einleitung zum Ausstellungskatalog.

 

Die Märchenkunsttherapie soll den Kindern und Jugendlichen Entlastung in einer bedrohlichen Situation bieten und ihnen helfen, sich mit ihrer Situation auseinanderzusetzen. »Sie durchleben eine tiefgreifende Entwicklung in ihrer Einstellung zu Leben und Tod, die für andere Kinder im gleichen Alter kaum nachvollziehbar ist«, so Frye. »Die Patienten spüren eine existenzielle Bedrohung, Angst vor Schmerzen, vor Untersuchungen, vor körperlichen Veränderungen und Gefühle der Isolation und Einsamkeit.«

Spendenkonto

Die Arbeit der Kunsttherapeuten auf der Kinderkrebsstation wird finanziell unterstützt vom »Verein zur Förderung krebskranker Kinder Münster e. V.«

 

Verein zur Förderung krebskranker Kinder Münster e. V.

Bankleitzahl: 400 501 50

Kontonummer: 21 001 623

Die rationale medizinische Therapie allein reicht nicht, weiß auch Professor Dr. Heribert Jürgens, Direktor der Kinderonkologie am UKM. »Nicht immer reichen Worte allein aus, um den Gefühlen und dem Erlebten Ausdruck zu verleihen«, so Jürgens in einem Begleitwort. Diana Lehmann, ebenfalls Kunsttherapeutin auf der Kinderkrebsstation ergänzt: »Die Kunsttherapie bietet den Kindern und Jugendlichen eine Rückzugsmöglichkeit vom Klinikalltag. Der nonverbale Ausdruck ermöglicht, unbewusste Gefühle sichtbar zu machen und damit bewusst zu verarbeiten.« Die Therapie fördere die Selbstwahrnehmung und das Selbstbewusstsein. Das wiederum helfe den Kindern, eigene Ressourcen für die Gesundwerdung zu aktivieren. Besonders die Märchen »Rapunzel« und »Der Teufel mit den drei goldenen Haaren« haben die Kinder angesprochen, denn in beiden Geschichten geht es um Haarverlust. »Rapunzel ist ganz einsam in ihrem Turm«, findet zum Beispiel Mirlinda, sieben Jahre alt. »Sie hat total Angst vor der Hexe«, sagt die fünfjährige Leonie. Denn die Hexe schneidet Rapunzel ihre langen Haare ab. In der Version der 13-jährigen Leonie dagegen lässt sich die Prinzessin die Haare abschneiden, bevor sie ausfallen. »Das habe ich auch gerade hinter mir.«

Auch das Böse beschäftigt die Kinder stark, in Form bedrohlicher Schatten, Drachen und Hexen. »Das Ungeheuer ist böse und gefährlich. Man hat Angst davor«, kommentiert Leon, 6 Jahre, sein Bild. In der Zeichnung des 16-jährigen Kevin brodelt ein Hexenkessel, im Hintergrund steht eine Kiste mit Medikamenten für die Chemotherapie. Die siebenjährige Sophie gibt sich kämpferisch: »Rotkäppchen hat keine Angst vorm bösen Wolf. Die hat vor nichts Angst.« Und drückt in einem anderem Bild ihre Wut aus: »Die Hexe ist stinksauer. Sieht man ja an der grünen Haut.«

 

Die Kinder und Jugendlichen verarbeiten aber nicht nur ihre eigene Geschichte. Sie kommen beim Malen auch ins Gespräch, tauschen Erfahrungen aus und unterstützen sich – Freundschaften entstehen. »Wo einige Zeit Kummer und Hass Einzug hielten, breiteten sich Liebe und Freundschaft aus«, heißt es am Ende der Geschichte. Und so, schreibt Frye, soll die Märchenkunsttherapie den Kindern auch zeigen, »dass existenzbedrohende Kräfte besiegt werden können«. /

Psyche hilft Körper

Neben der medizinischen Behandlung benötigen viele Krebs-Patienten und deren Angehörige auch eine psychologische Betreuung. Um ihnen den Zugang zu Psychoonkologen zu erleichtern, erstellt die Initiative »Psyche hilft Köper« seit Anfang 2009 ein Adressverzeichnis von Psychoonkologen. Unter dem Titel »Sprechstunde für die Seele« sind mittlerweile 420 psychoonkologische Einrichtungen nach Region und fachlicher Ausrichtung gelistet. Die 4. aktualisierte Auflage des Verzeichnises »Sprechstunde für die Seele« kann unter www.gsk-onkologie.de in der Rubrik »Psyche hilft Körper« kostenlos bestellt werden.

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