Pharmazeutische Zeitung online
Eltern mit Krebs

Die Kinderseele leidet mit

22.05.2012
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Von Nicole Schuster / Wenn ein Elternteil an Krebs erkrankt, sind Kinder unmittelbar betroffen. Bei überforderten Kindern können psychische und physische Erkrankungen die Folge sein. Wichtig ist, den Nachwuchs einzubeziehen und ihm zu erlauben, Fragen zu stellen. Familien, in denen die Eltern auf einen soliden sozialen Rückhalt bauen können und sich Hilfe holen, überwinden die Krise oft besser.

Wie sag ich’s meinem Kind? Soll ich ihm überhaupt vom Krebs erzählen? Gerade bei jüngeren Sprösslingen mögen sich viele Eltern diese Fragen stellen. Dem Nachwuchs die Krankheit zu verheimlichen, mag aus der guten Absicht geschehen, die Kinder zu schonen. Den Kleinen bleibt jedoch nichts verborgen, und sie spüren intuitiv, dass etwas Schlimmes passiert ist. »In der kindlichen Fantasie können Schreckensbilder entstehen, die noch dramatischer sind als die Realität«, sagt Professor Dr. Georg Romer, Stellvertretender Direktor der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, -psychotherapie und -psychosomatik am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf im Gespräch mit der Pharmazeutischen Zeitung.

Eine offene und möglichst frühe Aussprache ist daher empfehlenswert. »In einer kindgerechten Sprache sollten Eltern kurz und knapp von der Krankheit erzählen«, sagt Annette Hartmann, Leiterin des ambulanten Hospizdienstes Leine-Solling in Niedersachsen gegenüber der PZ und gibt den Tipp: »Eltern müssen nicht alles sagen, was sie wissen. Aber was sie sagen, sollte der Wahrheit entsprechen.«

 

Verschweigen schadet

 

Auch das Wort Krebs sollten sie besser gleich verwenden. Früher oder später werden die Kinder es sowieso herauskriegen und sind dann enttäuscht, dass die Eltern es ihnen nicht selbst gesagt haben. Zudem können dadurch Ängste geschürt werden, da die Situation offenbar doch schlimmer ist, als die Eltern vorgegeben haben. Die Expertin rät auch dringend davon ab, falsche Hoffnungen zu machen oder Pauschalantworten zu geben wie »alles wird gut«. Besser sei es zu erklären, dass die Ärzte alles tun würden, damit es der Mutter oder dem Vater wieder besser geht.

 

Wichtig ist, dass Kinder Fragen stellen dürfen und ehrliche Antworten bekommen. Das können scheinbar simple Fragen sein, etwa ob Krebs ansteckend ist. Auch die Schuldfrage kann auftreten. Kinder neigen dazu, nach Ursachen zu suchen und glauben schnell, selbst schuld daran zu sein, dass es dem geliebten Elternteil so schlecht geht. Im Gespräch sollten Eltern verdeutlichen, dass eine Krrankheit ganz andere Ursachen hat.

 

Gefühle brauchen Eltern vor ihren Kindern nicht zu verbergen. »Es darf auch mal geweint werden und von Ängsten gesprochen werden«, meint Romer. Eltern sollten aber auch Bewältigungsstrategien vorleben und den Kindern zeigen, wie man mit Krisen umgeht. Das gelingt am besten, wenn sie sich in der Krankheit auf ihre innere Stärke besinnen und sich selbst aufbauen.

 

»Im ersten Schritt ist es notwendig, dass sich Eltern Zeit nehmen, die Krankheit zu begreifen«, so der Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie. »Gut ist es in diesem Stadium, mit Freunden und erwachsenen Familienangehörigen zu sprechen und sich von ihnen auffangen zu lassen. Bestenfalls können Eltern dann bereits das erste Stück Zuversicht entwickeln und ihren Kindern glaubhaft vermitteln, die Situa­tion im Griff zu haben.«

 

Hilfe suchen und annehmen

 

Für den Nachwuchs ist es zudem wichtig zu erleben, dass man sich in Notzeiten Unterstützung holen kann. Eltern, die auf ein soziales Netz zurückgreifen können, können die eigenen Kraftressourcen leichter wieder auffüllen. Hilfreich ist es auch, sich an eine Selbsthilfegruppe zu wenden oder eine Psychotherapie zu machen.

 

Im alltäglichen Leben empfiehlt es sich, die Krankheit nicht zum Tabu zu erklären. Für Kinder kann es wohltuend sein, mit Menschen aus ihrem Umfeld über ihre Gefühle, Ängste und Gedanken sprechen zu dürfen. Eine Erleichterung kann es auch sein, wenn wichtige Bezugspersonen, zum Beispiel Lehrer in der Schule, Bescheid wissen.

 

Kinder, die mit der Situation allein­gelassen werden, sind schnell emotional überfordert. Häufig treten Entwicklungsstörungen, Konzentrationsstörungen, Schulprobleme oder psychosomatische Beschwerden auf. »Wir beobachten bisweilen, dass Kinder, bei denen ein Elternteil an einem Krebs im Bauchbereich erkrankt ist, selbst Symptome wie Verdauungsstörungen oder Magenschmerzen entwickeln können«, weiß der Experte aus Hamburg. Unterstützung können Familien in solchen Fällen von Krebsberatungsstellen in Kliniken und Psychoonkologen erhalten oder von Spezialisten wie denen von der Beratungsstelle Flüsterpost (www.kinder-krebskranker-eltern.de) oder von der Stiftung Phönikks in Hamburg (www.phoenikks.de). Eine Übersicht von deutschlandweit ansässigen Fachkräften hat die Deutsche Arbeitsgemeinschaft für Psychosoziale Onkologie auf ihrer Internetsite zusammengestellt (www.dapo-ev.de/index.php?id=10).

 

Auch ein Kennenlernen mit den behandelnden Ärzten kann dem Nachwuchs helfen. »Kinder möchten aktiv etwas tun für die Eltern«, erklärt Romer. Er rät, ihnen kleine Aufgaben zu übertragen, zum Beispiel regelmäßig ein Getränk für die kranke Mutter oder den kranken Vater zu holen. Kinder fühlen sich so ernst genommen und gebraucht.

 

Eine Überforderung darf daraus jedoch nicht entstehen. Sonst kehren sich die Rollen um und die Kinder übernehmen selbst eine Art Elternfunktion. Hilfe in großem Umfang sollten sich Eltern daher nur bei anderen Erwachsenen und Experten suchen. Unverzichtbar ist ein gesunder und altersgerechter Ausgleich, damit Kinder trotz allem das Lachen nicht verlernen. Ein normales Freizeitprogramm, ein möglichst geregelter Alltag und Spaß mit Freunden gibt ihnen Halt und ermöglicht es ihnen, die Akkus wieder aufzuladen. Die gute Nachricht zum Schluss gibt Hartmann mit auf den Weg: »Im Allgemeinen können Kinder mit einer schlimmen Krankheit der Eltern besser umgehen, als viele denken.« / 

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