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Lyme-Borreliose

Zeckenstich mit Folgen

24.05.2011
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Von Christina Hohmann-Jeddi, Wiesbaden / Zeckenstiche können üble Folgen haben: Neben FSME-Viren können sie unter anderem Borrelien übertragen, die eine Lyme-Borreliose verursachen. Diese ist nicht zu verhindern, schwierig zu diagnostizieren, aber gut zu therapieren.

Lyme-Borreliose ist die häufigste vektorvermittelte Infektionskrankheit in Europa. Sie wird von den spiralförmigen Bakterien des Komplexes Borrelia burgdorferi sensu lato, aus der Familie der Spirochäten, ausgelöst. Zu dem Komplex gehören die vier humanpathogenen Arten Borrelia burgdorferi sensu stricto, B. garinii, B. afzelii und B. spielmanii, die noch jeweils in verschiedene Serotypen unterteilt werden. Die Erreger der Borreliose sind weltweit verbreitet. In Europa und Asien kommen verschiedene Arten vor, in den USA nur eine, berichtete Professor Dr. Mariam Klouche vom Bremer Zentrum für Laboratoriumsmedizin auf dem Internistenkongress Anfang Mai in Wiesbaden. Dies erkläre die unterschiedlichen Manifestationen der Infektionen in diesen Regionen. Die Erreger können vor allem die Haut, das Zentralnervensystem und die Gelenke befallen. In Deutschland infizieren sich jedes Jahr Schätzungen zufolge zwischen 50 000 und 100 000 Menschen neu, so Klouche. Exakte Daten gibt es nicht, weil für Lyme-Borreliose keine umfassende Meldepflicht besteht.

Überträger der Erreger sind Zecken. Anders als bei Frühsommer-Meningo­enzephalitis (FSME) können diese nicht nur in bestimmten Risikogebieten, son­dern in ganz Deutschland mit Borrelien infiziert sein – allerdings in einem regional unterschiedlichen Ausmaß. Je nach Region tragen zwischen 6 und 50 Prozent der Tiere die Erreger – im Mittel sind es in Deutschland etwa 20 Prozent, sagte Klouche. Doch nicht jeder Stich führt zur Infektion. »Das Infektionsrisiko steigt mit zunehmender Saugdauer«, so die Referentin. Unter acht Stunden ist das Risiko sehr gering. Zudem verläuft nicht jede Infektion symptomatisch.

 

Kommt es aber zu einer Erkrankung, treten erste Symptome Tage bis Wochen nach dem Zeckenstich auf. Sie kommen einzeln oder in Kombination vor und werden in drei Stadien unterteilt. Bei der Frühmanifestation (Stadium 1) ist die charakteristische Hautrötung, das Erythema migrans, das Hauptsymptom. Zudem können grippeähnliche Beschwerden wie Fieber, Kopfschmerzen, Muskel- und Gelenkschmerzen hinzukommen: Husten und Schnupfen treten allerdings nicht auf .

 

Bei einigen Patienten streuen die Erreger nach einigen Wochen bis Monaten und erreichen das Herz oder das Zentralnervensystem, wo sie eine Neuroborreliose verursachen (Stadium 2). Hauptsymptom ist eine Meningoradikuloneuritis, seltener eine Meningitis oder Enzephalitis. In seltenen Fällen tritt eine Lyme-Karditis auf.

 

Werden die Patienten nicht antibiotisch behandelt, kann Monate bis Jahre nach einer Infektion eine Spätmanifestation auftreten (Stadium 3), die hauptsächlich durch den Befall von Gelenken (Lyme-Arthritis) gekennzeichnet ist.

 

Die Erkrankung wird hauptsächlich klinisch diagnostiziert, wobei vor allem das Erythema migrans charakteristisch ist. Es tritt aber nicht immer auf. Zudem kann die Labordiagnostik herangezogen werden. Als erster Test dient ein ELISA-Test auf Antikörper aus dem Serum. Fällt dieser positiv aus, muss immer ein Western Blot als Bestätigungstest erfolgen. »Die Diagnostik ist ein bisschen schwierig«, sagte Klouche. Zum einen weist die Serodiagnostik eine Falsch-negativ-Rate von 10 Prozent auf, dies bedeutet, dass jeder zehnte Erkrankte nicht als krank erkannt wird. Zum anderen bestehe eine diagnostische Lücke: In den ersten Wochen nach der Infektion sind nur bei etwa 50 bis 80 Prozent der Patienten mit Erythema migrans IgM-Antikörper nachweisbar. Zudem können IgG-Antikörper (von überstandenen Infektionen) vorhanden sein, ohne dass eine akute Infektion vorliegt. Klouches Rat: Wenn ein Erythema migrans vorhanden ist, sollte keine Serodiagnostik erfolgen, sondern gleich eine Antibiose.

 

Manifestation im ZNS

 

Die häufigste Manifestation der Lyme-Borreliose ist das Erythema migrans. ZNS-Manifestationen sind dagegen selten. Einer Würzburger Untersuchung zufolge trat eine Neuroborreliose bei 3 Prozent der Erkrankten auf, berichtete Professor Dr. Roland Nau vom Evangelischen Krankenhaus Göttingen in Wiesbaden. Dabei müsse das Erythem nicht zwangsweise einer Neuroborreliose vorausgehen. Bei etwa der Hälfte der Betroffenen trat die Neuroborreliose ohne vorherige Hautrötung auf. Sie beginnt dann gleich mit starken Schmerzen der entzündeten Nervenwurzeln, so Nau. Diese haben einen meist brennenden, bohrenden Charakter und sprechen schlecht auf Schmerzmittel an. Bei etwa drei Viertel der Betroffenen können später neurologische Ausfälle, vor allem der Hirnnerven folgen. Alle Hirnnerven, außer dem Riechnerv, können betroffen sein. Häufig kommt es zu einer einseitigen, zum Teil auch zu einer beidseitigen Lähmung des Gesichtsnervs. Diese Facialisparese ist bei Kindern häufiger als bei Erwachsenen. Auch eine isolierte Meningitis kann vorkommen.

Im Vordergrund bei der Diagnostik steht die Klinik: Bei entsprechender Symptomatik und einer erhöhten Anzahl von weißen Blutkörperchen im Liquor (lymphozytäre Pleozytose) sollte sofort behandelt werden, ohne auf die Serologie zu warten, sagte Nau. Im Liquor kann zusätzlich nach Borrelien-spezifischen IgM- und IgG-Antikörpern gesucht werden. »Diese Antikörper sagen aber nur mittelbar etwas darüber aus, ob die Borrelien mittlerweile abgetötet wurden oder noch existieren«, so Nau. Eine sichere Diagnose der Neuroborreliose erlaube die Bestimmung des Liquor/Serum-Index, der eine intrathekale Antikörperproduktion nachweise. Diese Antikörperproduktion im Gehirn kann aber noch Jahre nach einer erfolgreichen Behandlung der Neuroborreliose andauern.

 

Therapieempfehlungen

 

»Die meisten Manifestationen der Lyme-Borreliose bilden sich spontan zurück«, sagte Professor Dr. Andreas Krause vom Immanuel-Krankenhaus Berlin. Darauf sollten es Mediziner aber nicht ankommen lassen, denn es bestehe immer die Möglichkeit, dass die Erkrankung in das nächsthöhere Stadium übergehe. Antibiotika verhinderten diese Folgemanifestationen und das Übergreifen auf weitere Organe, so Krause. »Jede klinische Manifestation muss behandelt werden.« Eine Leitlinie zur Therapie der Borreliose gibt es nicht, doch die aktuellen Therapieempfehlungen sind auf der Website der European Union Concerted Action on Lyme Borreliosis (EUCALB) unter www.eucalb.com zusammengefasst. Mittel der Wahl bei Hautmanifestationen sind Doxycyclin, Amoxicillin, Cefuroxim axetil, Penicillin V und Azithromycin für zwei bis drei Wochen. Makrolide sind weniger wirksam und deswegen Mittel der zweiten Wahl. »Nach einmaliger Therapie ist das Thema in der Regel erledigt«, so Krause.

 

Eine akute Neuroborreliose sollte mit Doxycyclin per os oder mit Ceftriaxon oder Penicillin G intravenös für zwei bis vier Wochen behandelt werden. Die seltene Manifestation am Herzen, die Kardio-Borreliose, sei parenteral mit Ceftriaxon zu therapieren. Für die Lyme-Arthritis sind Doxycyclin und Amoxicillin per os beziehungsweise Ceftriaxon i. v. für drei bis vier Wochen Mittel der Wahl.

 

Eine prophylaktische Antibiotika-Gabe nach Zeckenstich, wie sie in anderen Ländern zum Beispiel in den USA üblich ist, wird in Deutschland nicht empfohlen. Eine einmalige Gabe von 200 mg Doxycyclin ist Studien zufolge wirksam und senkt das Risiko, eine Erkrankung zu entwickeln. Sie kann Patienten mit »schwachen Nerven« nach einem Zeckenstich gegeben werden, sagte Krause.

 

Keine Evidenz gebe es für eine Langzeitbehandlung über Monate, für andere Wirkstoffe, als die in der EUCALB-Empfehlung genannten, und für hoch dosierte parenterale Pulstherapien, fasste Krause zusammen.

 

Auf die umstrittenen Spätfolgen der Lyme-Borreliose ging Professor Dr. Peter Herzer, niedergelassener Rheumatologe aus München, in Wiesbaden ein. »Es gibt chronisch-rezidivierende Verlaufsformen«, sagte der Mediziner. Doch eine chronische Manifestation nach einer Antibiotika-Therapie, zum Beispiel eine chronische Neuroborreliose oder eine chronisch-rezidivierende Lyme-Arthritis, sei »ausgesprochen selten«. Diese hätten klar umrissene Symptome, so etwa eine chronische Enzephalomyelitis mit Tetraparesen (Lähmungserscheinungen in allen vier Gliedmaßen).

 

Krankheitsbilder mit unklarer Symptomatik wie Fatigue, Konzentrationsschwäche und diffusen muskoskelettalen Körperschmerzen gingen vermutlich nicht auf chronische Borrelien-Infektionen zurück. »Die Kausalität ist sehr fragwürdig«, so Herzer. Eine Antibiotikagabe ist bei diesem Krankheitsbild nicht effektiv, wie Studien zeigen. »Es ist nicht sinnvoll, bei einem vermuteten Post-Lyme-Syndrom (PLDS) eine Antibiotikatherapie durchzuführen.« Sinnvoller sei es abzuklären, ob andere Ursachen hinter der Symptomatik stecken. »Häufig handelt es sich bei einem Post-Lyme-Syndrom um eine klassische Fehldiagnose.« Etwa 50 Prozent der Patienten, die mit Verdacht auf PLDS in seine Praxis geschickt wurden, hatten keine Borrelien-Serologie, wiesen also keinerlei Antikörper gegen den Erreger auf. Häufig laute die richtige Diagnose Somatisierungsstörung. Zum Teil hatte er auch Patienten mit vermutetem PLDS, bei denen er einen Lupus erythematodes diagnostizierte. Seiner Einschätzung nach gibt es einen massiven Missbrauch bei der Diagnostik und Therapie des PLDS – mit unnötigen Kosten und unnötigem Antibiotikaeinsatz. /

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