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Internetsucht

Gefährliche Parallelwelt

22.05.2007
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Internetsucht

Gefährliche Parallelwelt

Von Gudrun Heyn, Berlin

 

Der tägliche Umgang mit einem Computer ist heute für viele selbstverständlich. Doch für Kinder und Jugendliche birgt er auch Gefahren. Exzessives Chatten und stundenlanges Computerspielen kann zu Kontrollverlust und Verhaltensauffälligkeiten führen.

 

Bis zu 10 Prozent der Jugendlichen unter 20 Jahren sind verschiedenen deutschen Studien zufolge süchtig nach Internet und PC. Sie zeigen Entzugserscheinungen und reagieren mit Gereiztheit, Unruhe und schlechter Laune, wenn sie zum Aufhören ermahnt werden. Außerdem surfen oder spielen die Betroffenen oft sehr viel länger, als sie sich vorgenommen haben. Dabei gelingt es ihnen kaum noch, den Rechner aus eigener Kraft abzuschalten, sagte Kerstin Jüngling, Leiterin der Fachstelle für Suchtprävention in Berlin auf der Fachtagung »Internetsucht: Welche Strategien braucht es?«.

 

Durch stundenlange Computernutzung verändert sich die Wahrnehmung. Zunehmend werden andere Interessen ausgeblendet, sodass in Schule, Beruf und Familie immer mehr Probleme auftreten. Bei der Gratwanderung zwischen Computerrealität und wirklichem Leben gewinnt schließlich die Parallelwelt die Oberhand. Während Jugendliche vor allem Computerspiele und das Chatten im Internet fasziniert, sind es bei den über 20-Jährigen Glücksspiele und Cybersex, die zur Abwanderung in ein anderes Leben verführen.

 

Computer statt Kino

 

Wenn der Computer wichtiger wird, als alle Sozialkontakte, sollten Eltern dies als ernsthaftes Alarmzeichen einstufen, sagte Jüngling. So gelten Jugendliche als extrem gefährdet, die trotz einer Verabredung zum Kino oder zum Fußballtraining lieber vor dem Bildschirm sitzen bleiben. Doch eine einheitliche Definition für das Phänomen Internetsucht gibt es bisher noch nicht. Entsprechend schwer fällt den Medizinern die Diagnose. So ist umstritten, inwieweit etwa das ständige Nachsehen, ob neue E-Mails eingegangen sind, schon als krankhaftes Verhalten einzustufen ist.

 

Für Dr. Oliver Bilke von den Vivantes-Kliniken in Berlin sind alle diejenigen stark suchtgefährdet, die ihren Computer nicht mehr als Bereicherung, sondern als Ersatz benutzen. »Wenn zu viel an realem Leben ersetzt wird, dann haben Menschen ein Problem«, sagte der Chefarzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie. Typisch ist eine schleichende Dosissteigerung, die bis zum Schlafmangel führt. Im Elektroenzephalogramm (EEG) zeigen die Internetsüchtigen ähnliche Auffälligkeiten wie andere Abhängige. Ihr Gehirn reagiert auf das Bild eines Computers mit den gleichen Hirnströmen, wie etwa das Gehirn eines Alkoholikers auf das Bild eines Bieres.

 

Auch Computersucht funktioniert über das Belohnungssystem. So lassen sich die virtuellen Erlebnisse am Computer so steuern, dass ständig Erfolge da sind. Gerade Spiele, das Erreichen höherer Spielebenen oder Punktestände fördern daher die Suchtgefahr. Da Jungen vor allem teure PC-Spiele spielen, anstatt zu chatten oder zu surfen, sind sie besonders suchtgefährdet. Mädchen nutzen dagegen lieber die Chaträume im Internet.

 

Nicht jeder, der sich täglich mehrere Stunden mit den neuen Medien beschäftigt, entwickelt ein pathologisches Verhalten. Als besonders gefährdet gelten depressive, sozial ängstliche und kontaktscheue Menschen. Doch diese Meinung ist in der Fachwelt umstritten. So sollen nach Ansicht anderer Experten besonders mutige und neugierige Jugendliche leicht in die virtuellen Parallelwelten von Computer und Internet abgleiten können.

 

Schneller Entzug

 

Im Gegensatz zu Alkoholikern oder anderen Süchtigen scheint es möglich zu sein, Internetsüchtige schnell zu heilen. Dies zeigt ein Beispiel aus der Kinder- und Jugendpsychiatrie der Vivantes-Kliniken Berlin. Nach wenigen Tagen ohne Internet konnte ein 17-Jähriger wieder völlig normal entlassen werden, berichtete Bilke. Weil seine Mutter sich nicht mehr zu helfen gewusst hatte, hatte sie ihn in die Jugendpsychiatrie gebracht. Er hatte sich geweigert, in die Schule zu gehen, sich zu waschen und zu essen. Verschwunden in der Welt des Internets ließ er sogar sein Handy klingeln. Andere Menschen waren nicht mehr wichtig. 20 Stunden saß der Junge schließlich vor seinem Computer ­ ohne Pause. In der Klinik ließen ihn die Ärzte erst einmal schlafen, dann führten sie Therapiegespräche mit ihm. Bald konnte er entlassen werden. Zu Hause macht er nun wieder seine Hausaufgaben unter Nutzung des Computers, ohne Symptome einer Sucht zu zeigen.

 

»Anscheinend gibt es bei Internetsüchtigen keinen harten Entzug«, sagte Bilke. Dies könnte bedeuten, dass die Internetsucht wie die Kaufsucht zu den verhaltensabhängigen Süchten gehört. Möglich ist aber auch, dass wie bei der Drogen- und Alkoholabhängigkeit eine deutliche stoffgebundene Komponente besteht. Bei diesen Erkrankungen kann der Suchtdruck im Gehirn durch Arzneimittel sinnvoll beeinflusst werden. Doch die Internetsucht ist bisher kaum erforscht. Unter den Medizinern herrscht daher kein Konsens darüber, wie eine optimale Behandlung ablaufen sollte und ob eventuell Psychopharmaka helfen könnten. Auch über die Rückfallgefahr ist bisher nur wenig bekannt. Besser ist es, wenn Eltern vorsorgen. Sie sollten Zeitlimits setzen und auf einen computerfreien Tag in der Woche bestehen.

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