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Studienreise

Naturarzneimittel in Afghanistan

12.05.2015
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Von Michael Keusgen / Zwischen dem 15. April und dem 6. Mai 2015 konnte ich als Dekan des Fachbereiches Pharmazie der Universität Marburg im Rahmen einer Studienreise die Pharmazeutische Fakultät der Universität Kabul besuchen. Ein Erfahrungs- bericht.

Schwerpunkt meiner Reise war die Erfassung von traditionell genutzten, wilden Arzneipflanzen in Afghanistan. Diese Arbeiten erfolgen innerhalb eines vom Deutschen Akademischen Austauschdienst (DAAD) geförderten Projektes. Der Besuch in Kabul verlief thematisch sehr vielschichtig: Einerseits sollten durch umfangreiche Befragungen der Landbevölkerung Daten über den traditionellen Nutzen von Arzneipflanzen erhoben werden. In dieses Vorhaben wurden auch die Studierenden der Pharmazie in Kabul und der Pharmazeutischen Fakultät in Mazar-e Sharif mit eingebunden, die reges Interesse an dem Projekt zeigten.

So konnten inzwischen durch Mithilfe der Studierenden etwa 1500 Einzelberichte über den Nutzen dieser Arzneipflanzen erstellt werden; weitere Befragungen werden derzeit durchgeführt. Durch dieses Teilprojekt konnte schon jetzt ein sehr umfangreicher Einblick in diese Thematik gewonnen werden.

 

Begeisterung bei den Unani-Ärzten

 

Das Projekt wurde auch der Vereinigung der Unani-Ärzte (Hakim, Hakeem) vorgestellt, welche die traditionelle Medizin in Afghanistan repräsentieren. Die Vereinigung hat circa 4000 registrierte Mitglieder und Kontaktbüros in allen Provinzen. Typischerweise haben die Unani-Ärzte auch einen religiösen Bezug, sind beispielsweise Mullahs.

 

Die Ärzte-Vereinigung hat ein großes Interesse daran, mit in das Projekt integriert zu werden. Dieses sei auch im Zusammenhang damit zu sehen, dass die Vereinigung gerne die Unani-Medizin in das afghanische Gesundheitssystem implementieren möchte. Die Angelegenheit wurde bereits in der Vergangenheit intensiv mit der Weltgesundheitsorganisation WHO in positiver Weise diskutiert, jedoch ohne dass es bisher zu konkreten Aktionen kam. Erforderlich ist ein vielschichtiges Programm, was bei einem Ausbildungsinstitut anfängt und bei Krankenhäusern für traditionelle Medizin endet. Die Unani-Ärzte für traditionelle Medizin betrachten sich als gleichwertiger Bestandteil des Gesundheitswesens.

 

Die Unani-Ärzte müssen in Afghanistan eine Prüfung über Arzneipflanzen an der Universität Kabul vor einem Prüfungskomitee ablegen, dem auch die Professoren Karimi und Seddiqui aus der Abteilung für Pharmakognosie angehören. Dazu können die Ärzte auch an der Universität Kurse in Pharmakognosie besuchen. Erst nach bestandener Prüfung dürfen sie als »Hakim« praktizieren und unterstehen dem »Directorate of Pharmacy« des Ministry of Public Health.

Von der Pharmakognosie werden auch Kurse für traditionelle Pflanzenheilkunde für die Unani-Ärzte angeboten. Diese Regelung dürfte wohl in ganz Mittelasien einmalig sein. In diesem Zusammenhang wird auch schon seit mehreren Jahren darüber nachgedacht, ein Zentrum für afghanische Arzneipflanzen zu gründen, an dem die Pharmazie der Universität Kabul, das Gesundheitsministerium, das Ministerium für Hochschulwesen und die Vereinigung der Unani-Ärzte beteiligt sein können. Ein Konzept hierfür wird gerade erstellt; jedoch wird eine Anschubfinanzierung benötigt, die von den Förderländern Afghanistans kommen muss. Schwerpunktarbeit des Zentrums soll zunächst einmal die konsequente Erfassung der afghanischen Arzneipflanzen sein sowie eine qualifizierte Ausbildung und Vorbereitung auf die Prüfung als »Hakim«. Fernerhin sollen Qualitätsstandards für die Ausbildung und die Arbeit der Ärzte erarbeitet werden. Ich habe in diesem Zusammenhang angeregt, auch die nachhaltige Ernte von wilden Arzneipflanzen, eine mögliche Inkulturnahme und den Handel mit diesen Arzneipflanzen mit zu berücksichtigen. Diese Ideen wurden dankbar angenommen.

 

Drogen auf dem Basar

 

Interessant ist auch das »Apotheken«-Wesen, über welches Naturarzneimittel vertrieben werden. Diese sind üblicherweise nicht Bestandteil »normaler« Apotheken, sondern werden zunächst einmal über die Hakim-Praxen selbst vertrieben, die typischerweise aus zwei Räumen bestehen: Einen abgetrennten für die ärztliche Konsultation und einen anderen, öffentlichen, in dem natürliche Arzneimittel vertrieben oder hergestellt werden; dabei kommt das Sortiment der Fertigarzneimittel überwiegend aus Pakistan und Indien. Darüber hinaus werden aber auch Homöopathika aus Deutschland vertrieben. Es konnte leider in der Kürze der Zeit nicht festgestellt werden, ob es sich hierbei um Originalpräparate oder um Fälschungen handelte. Daneben gibt es auf dem Basar auch sogenannte »Atarees«, welche hauptsächlich pflanzliche und mineralische Drogen vertreiben.

Im dritten Teil des Projektes bestand für mich die Möglichkeit, mir gemeinsam mit den Professoren der Pharmazie der Universität Kabul und einigen Studenten ein Bild vom Bestand der wilden afghanischen Arzneipflanzen zu machen. Es konnten, soweit es die Sicherheitslage zuließ, mehrere Tagesexpeditionen in das Umland von Kabul gemacht werden. Bemerkenswert sind insbesondere viele Ätherisch-Öl-Pflanzen, die vornehmlich zu den Pflanzenfamilien der Lamiaceae und der Apiaceae gehören; auch Korbblütler (Asteraceae) werden recht häufig verwendet. Man kann davon ausgehen, dass etwa 200 wilde Arzneipflanzen intensiv genutzt werden, wobei die Süßholzwurzel (Glycyrrhiza glabra) und Ferula-Arten die meistgenutzten sind.

 

Vorrangiges Ziel des vom DAAD geförderten Projektes ist die Zusammenfassung der Ergebnisse zum Nutzen von afghanischen Arzneipflanzen in Buchform, auch in einer afghanischen Landessprache (Dari oder Paschtu). Damit soll das Wissen nachhaltig konserviert werden und ein wesentlicher Beitrag zur Ausbildung der Pharmaziestudierenden und der Unani-Ärzte geleistet werden. Darüber hinaus soll die Einrichtung eines Zentrums für Arzneipflanzen mit unterstützt werden. Sicher war das nicht meine letzte Reise nach Afghanistan. /

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