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Pharmaziestudium

»Den Hebel richtig ansetzen«

14.05.2013
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Von Christiane Berg, Kiel / Die Pharmazie ist im Umbruch. Apotheker orientieren ihr Handeln stärker als bislang am Patienten. Der Ruf nach einer Neuausrichtung der Approbationsordnung wird lauter. Der Kieler Pharmazieprofessor Bernd Clement, Vorsitzender des Verbandes der Professoren an pharmazeutischen Hochschulinstituten (VdPPHI), warnt vor den Nebenwirkungen dieser »riskanten Strategie«.

PZ: Als ein »Megatrend« im Gesundheitswesen wird der Umbruch der Patientenrolle und mit ihr die Notwendigkeit der patientenorientierten Pharmazie diskutiert. Brauchen wir eine Anpassung oder Neuausrichtung der Approbationsordnung, um den Apothekerberuf in die Zukunft zu führen?

 

Clement: Nein! Brauchen wir nicht! Und nicht nur das: Es könnte fatale Folgen haben, wenn wir die Approbationsordnung anfassen. Sofort stünde wieder die Fachhochschul- und Bachelor-Master-Diskussion bei völlig unklarem Ausgang im Raum. Es ist schon seit längerer Zeit politischer Wille, universitäre Studiengänge an Fachhochschulen zu verlagern und diese so zu stärken. Die Pharmazie war top gerankt. Wir haben derartige Bestrebungen erfolgreich abwenden können.

 

Ich male nicht den Teufel an die Wand, wie mir von einigen unterstellt wird. Das Wiederaufflammen der Diskussion ist umso gefährlicher, als dass Veränderungen heute mehr als damals dem Drang zu Sparmaßnahmen unterworfen sind. Wir Apotheker haben viel zu verlieren. Die meisten scheinen sich der Gefahren gar nicht bewusst zu sein. Die Änderung der Approbationsordnung ist schon aus zeitlichen Gründen nicht der optimale Weg. Schwierig ist auch, dass viele, die jetzt mitdiskutieren, nach älteren Ausbildungsordnungen studiert und den heutigen Stand nicht selbst erfahren haben.

PZ: Mit Blick auf die Fachhochschuldiskussion spricht Professor Hartmut Derendorf, Gainsville, Florida, von einem »selbst gemachten Gespenst«.

 

Clement: Da muss ich ihm widersprechen. Die USA und England sind einen anderen Weg gegangen als Deutschland und die nordischen Länder. Bei uns ist die Pharmazie in ein anderes System eingebunden. Wir können sicherlich einiges aus den USA übernehmen, aber nicht eins zu eins kopieren.

 

Im Übrigen zeigt mir die derzeitige Debatte, dass die meisten Diskutanten gar nicht zu wissen scheinen, was an den Hochschulen eigentlich los ist. Hier wird der Mangel verwaltet. Wir müssen um jede Stelle kämpfen. Das ist nicht leicht, zumal wir auch neben anderen universitären Fächern bestehen müssen, die zudem sehr an unseren Disziplinen interessiert sind. Die Chemiker zum Beispiel an der Analytik oder die technischen Fakultäten an der Arzneiformenlehre.

 

Die Industrie sucht händeringend nach qualifizierten Wissenschaftlern. Schon heute ist der Chemiker der Konkurrent des Pharmazeuten, wenn es um Fragen der modernen Arzneimittelentwicklung, Wirkstofffindung, Leitsubstanzoptimierung, Drug Design, Molecular-Modelling, quantitativer Struktur-/Wirkungsanalysen, Pharmakokinetik oder Metabolismus geht. Auch ein Grund, die Hände von der Approbationsordnung zu lassen. Wir laufen Gefahr, die Breite und Vielfalt unseres Berufsbildes aufzugeben. Wer kann das wollen?

PZ: Der Berufsstand geht nicht auf die Hochschullehrer, die Hochschullehrer gehen nicht auf den Berufsstand zu. Die Gesprächsrunden drehen sich im Kreis. Wie lautet Ihre Empfehlung zur Lösung des offensichtlichen Dilemmas?

 

Clement: Wollen wir die patientenorientierte Pharmazie stärken, müssen wir den Fachapotheker für Allgemeinpharmazie aufwerten. Das liegt für mich ganz klar auf der Hand. Das Gegenteil ist jedoch der Fall: Die Zahl der Neuanmeldungen für Allgemeinpharmazie bewegt sich auf einem sehr niedrigen Niveau und das, weil der Beruf nicht entsprechend honoriert, also in Tarifverhandlungen berücksichtigt und in Gehaltsstabellen eingebunden wird. Eine höhere Qualifikation muss entsprechend bezahlt werden. Das ist auch bei Fachärzten der Fall. An denen sollten wir uns hier orientieren.

 

Die Offizin-Apotheker müssen wie auch andere Berufsgruppen ihrem Nachwuchs Anreize geben, auch finanzielle. Und sie müssen in der Praxis ein Vorbild sein. Dies wird ja auch in sehr vielen Apotheken vorbildlich praktiziert. Bei mir selbst macht jeder Doktorand, der es will, den Fachapotheker für pharmazeutische Analytik. Das kostet zwar Zeit und Geld bringt aber in diesem Fall bessere Gehälter in der Industrie. So muss es auch in der öffentlichen Apotheke sein.

 

PZ: Die Aufgabe der Universität ist also die Orientierung an pharmazeutischen Berufsfeldern statt an den Patienten?

 

Clement: Ja! Wie in anderen Fächern ist es in der Pharmazie Aufgabe der Universität, Lern- und Methodenkompetenz zu vermitteln und den Studenten, basierend auf der Vielfalt der Angebote, Berufsorientierungsprogramme an die Hand zu geben. Wir vermitteln Berufsfähigkeiten und nicht Berufsfertigkeiten. Die Arbeit am Patienten lässt sich sowieso ziel­gerichtet nur in der Klinik oder in der Offizin üben. Meine frühere Chefin kannte die gesamten Familien­geschichten ihrer Patienten. Bei ihr haben wir alles Wichtige nicht nur im menschlichen Miteinander, sondern auch mit Blick auf Betriebswirtschaft, Apothekenleitung und Personalführung gelernt. Lebenslange Fort- und Weiterbildung ist unumgänglich, gerade in der Pharmazie, deren Erkenntnisse rasant voranschreiten.

 

PZ: Diskutiert wird derzeit das »obligate Beratungszimmer«, in dem pharmazeutische Konsultationen stattfinden und . . .

 

Clement: . . . wie beim Arzt im Vorfeld Gesprächs-Termine mit dem Patienten gemacht werden. Wer mich kennt, weiß, dass ich davon begeistert bin und dieses selbst stets empfohlen habe. Wäre ich nicht an der Hochschule, könnte ich mir vorstellen, mich in eigener Praxis als Arzneimittelfachmann und -berater niederzulassen – auch wenn viele meiner Freunde und Kollegen sagen, das sei illusionär. Es fände sich niemand, der das angemessen bezahlt. Ich bleibe dabei und halte an dieser tollen Vorstellung fest. Hier wäre ein grundsätzliches Umdenken angesagt.

 

Wenn es das ist, was Apotheker wollen, dann bedeutet es jedoch auch Konzentration auf verschreibungs- und apothekenpflichtige Arzneimittel. Und auch zur Erfüllung dieser Vision müssen wir nicht die Approbationsordnung bemühen. Die dafür notwendigen Grundlagen werden schon heute an der Universität gelehrt.

 

Die Offizin-Apotheker müssen den Wandel in ihrem Bereich wirklich wollen und nicht sagen, nur wenn wir anders ausgebildet wären, können wir den Wandel praktizieren. Die jetzige Ausbildung bereitet sie darauf ausreichend vor.

 

PZ: Bleibt die Frage: Was nun?

 

Clement: Ich bin Apotheker mit Leib und Seele. Und gerade deshalb ist es mein oberstes Ziel, die Pharmazie an der Universität zu halten. Ich werde mich bemühen, alle Beteiligten an einen Tisch zu bringen, um miteinander zu reden und den Spielraum der jetzigen Approbationsordnung auszunutzen. Der Disput besteht ja nicht in der Definition neuer Berufsleitbilder, sondern darin, dass nach amerikanischem Vorbild der Allrounder abgeschafft werden soll.

 

Spezialisierung soll nach unseren Vorstellungen nach dem zweiten Staatsexamen beginnen. Die meisten Studierenden finden das auch gut so. Arzneimitteltherapie-Management kann man, aufbauend auf den gelegten Grundlagen durch die Universität, unter Einbeziehung des dritten Abschnittes und des Fachapothekers für Allgemeinpharmazie ganz bestimmt hinbekommen.

 

Natürlich muss an allen Standorten die Klinische Pharmazie adäquat umgesetzt werden. Gleichermaßen arbeite ich an der Etablierung eines pharmazeutischen Fakultätentages, also an der Wandlung des VdPPHI von einem Verband der Hochschullehrer mit persönlicher Mitgliedschaft hin zu einem fachübergreifenden Zusammenschluss der pharmazeutischen Standorte und Institute. Dies würde die Diskussionen und somit Möglichkeiten in Forschung und Lehre stärken.

 

PZ: Wie lautet Ihre Empfehlung für ein neues Leitbild Offizinpharmazie?

 

Clement: Die wissenschaftliche Pharmazie muss sich als Forschungs- und Lehrfach am Leitbild der Universitäten orientieren. Das Leitbild Offizinpharmazie muss sich analog dazu am gezielten, effektiven, sicheren und wirtschaftlichen Einsatz von Arzneimitteln im ambulanten Bereich festmachen und sich die Schulung der hier tätigen Apotheker auf die Fahnen schreiben. Dabei ist es egal, ob es nun um den professionellen Umgang mit Informa­tionsquellen zur kritischen patientengerechten Bewertung von Arznei­mittelwirkungen, -nebenwirkungen, -interaktionen, oder -risiken geht oder um Beratung, pharmazeutische Betreuung oder Marketing.

 

Es ist Aufgabe der Weiterbildung zum Fachapotheker für Allgemeinpharmazie und somit des ermächtigten Offizin-Apothekers, das universitäre Wissen praxisnah zu erweitern, zu vertiefen und kollegial zu vermitteln. Das Ziel muss es sein, den Offizin-Apotheker als Bündnispartner des Patienten und der Bevölkerung in allen Fragen zur Gesundheit und zum Arzneimittel zu etablieren. Der von vielen geforderte geistige Befreiungsschlag der Offizin- Pharmazie bedeutet, den Hebel richtig anzusetzen, also da, wo es klemmt. /

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