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Neue Approbationsordnung

»Ein großer Schritt nach vorn«

Die Apothekerschaft hat sich darauf geeinigt, wie das Pharmaziestudium in Zukunft aussehen soll und hat einen gemeinsamen Vorschlag zur Novellierung der Approbationsordnung erarbeitet. Über den Prozess und das Ergebnis sprach die PZ mit Thomas Benkert, Präsident der Bundesapothekerkammer, und Professor Dr. Bernd Clement von der Uni Kiel, Vorsitzender der Konferenz der Fachbereiche Pharmazie.
Daniela Hüttemann
16.05.2022  18:00 Uhr

Was steht in Zukunft im Mittelpunkt des Pharmaziestudiums – das Arzneimittel oder der Patient?

Benkert: Der Patient mit seiner Arzneimitteltherapie. Wir gehen mit dem geänderten Curriculum auch nicht weg vom Arzneimittel, sondern mehr hin zur Versorgung des Patienten.

Clement: Wichtig ist uns allen, bei mehr Patientenorientierung zugleich die breite naturwissenschaftliche Basis des Pharmaziestudiums und die Einheitlichkeit der Approbation beizubehalten.

Was sind aus Ihrer Sicht die wichtigsten Neuerungen im Positionspapier?

Clement: Was die Struktur angeht, die Ausweitung von acht auf zehn Semester. Die zusätzliche Zeit kommt vor allem der Klinischen Pharmazie und Pharmakologie zugute. Wichtig war uns Hochschullehrern auch die Einführung einer wissenschaftlichen Arbeit, wie man es von den anderen Naturwissenschaften kennt. Sie bringt uns mehr auf Augenhöhe mit den anderen Studiengängen. Für die Durchführung und Verschriftlichung ist eines der zehn Semester vorgesehen.

Benkert: Auch wir erachten die Verlängerung inklusive wissenschaftlicher Arbeit als sehr wichtig für die Gleichwertigkeit gegenüber Medizinern und anderen Naturwissenschaftlern. Da waren wir mit acht Semestern bislang eher die „Exoten“. Inhaltlich haben wir zwar einiges gestrichen, zum Beispiel in der Analytik und Botanik, doch sind viele moderne Inhalte hinzugekommen. Diese bedingen die Verlängerung des Studiums von acht auf zehn Semester. Das ist ein großer Schritt nach vorn.

Clement: Eigentlich kommen wir schon länger mit acht Semestern nicht mehr hin. Die Verlängerung der Studienzeit entzerrt das Ganze und wir müssen nicht wie vor rund 20 Jahren wieder Stunden umverteilen, um Platz für neue Inhalte zu schaffen. Würde man alle Wünsche der Hochschullehrer berücksichtigen, käme man sogar auf 14 bis 15 Semester.

Stichwort Entzerrung: Die haben sich insbesondere die Studierenden gewünscht. Wird dieser Wunsch berücksichtigt?

Clement: Auch wenn nun rein rechnerisch die Semesterwochenzahl trotz der Verlängerung leicht steigt, sehe ich hier keine spürbare Mehrbelastung auf die Studierenden zukommen. Es ist und bleibt natürlich ein anspruchsvolles Studium.

Benkert: Ich sehe hier durchaus eine gewisse Entzerrung. Die Famulatur wird von acht auf vier Wochen verkürzt, wir haben insgesamt mehr vorlesungsfreie Zeit plus eine relativ freie zeitliche Einteilung der wissenschaftlichen Arbeit.

Zwei Semester mehr bedeuten auch deutlich höhere Kosten für die Bundesländer. Wie realistisch sind die Chancen, dass die Forderung der Apothekerschaft umgesetzt wird?

Benkert: Es werden sicherlich harte Verhandlungen, aber viele Jahre wurde nur gespart. Ohne zu investieren, können wir die Qualität der Ausbildung nicht steigern und auch die Politik sieht, dass die Anforderungen an den Apothekerberuf in den vergangenen Jahren stark gestiegen sind. Wir haben gute Argumente auf unserer Seite.

Clement: Wir liegen am unteren Rand der EU-Vorgaben für die europaweite Anerkennung des Abschlusses. Die meisten Länder haben auch für Pharmazie das Bachelor-Master-System, was zehn Semestern entspricht – warum sollten wir es in Deutschland in kürzerer Zeit schaffen? Mediziner studieren im Schnitt sogar zwölf Semester, ohne ihren Facharzt. Apotheker sollen aber auch zu jeder Indikation beraten und in Zukunft ein Medikationsmanagement durchführen können. Wenn Gesundheit wirklich das Wichtigste ist, muss uns das eine gute Ausbildung der Heilberufe wert sein.

Da Sie die Studienplätze ansprechen: Wäre es angesichts des eklatanten Personalmangels in den Apotheken nicht besser, das Geld in mehr Studienplätze zu investieren statt in ein verlängertes Studium?

Benkert: Wir sagen ganz deutlich, dass eine Ausweitung um zwei Semester nicht auf Kosten der Betreuung oder gar der Studienplätze gehen darf. Es gilt nicht nur, die Bestehenden zu erhalten, sondern deren Zahl auch zu erhöhen. Wir brauchen deutlich mehr Studienplätze, als wir derzeit haben, und fordern ja auch die Einrichtung weiterer Standorte, zum Beispiel in Brandenburg. Auch die derzeitige Finanzierung ist ein Problem, da Bundesländer mit vielen Absolventen diese quasi für andere Länder mitausbilden. Denkbar wäre hier so etwas wie ein Risikostrukturausgleich.

Clement: Es besteht mittlerweile die Möglichkeit, dass auch der Bund in Ausbildungsprogramme investiert. Wir bemühen uns zudem an jedem Standort, alle Kapazitäten voll auszuschöpfen und möglichst viele Studierende zum Abschluss zu bringen. Wir sollten uns im Übrigen nach wie vor um die besten Köpfe, also gute und motivierte Schülerinnen und Schüler, bemühen.

Wie geht es nun weiter mit der Novellierung? Wann werden in etwa die ersten Studenten nach reformierter Approbationsordnung starten?

Benkert: Ende Mai müssen die Studierenden auf ihrer Bundesverbandstagung dem Positionspapier noch zustimmen. Dann werden alle Beteiligten vom Runden Tisch gemeinsam einen Antrag auf Novellierung der Approbationsordnung beim Bundesgesundheitsministerium stellen. Das BMG bespricht sich dann mit den Ländern. Schließlich muss der Bundesrat zustimmen. Auf die zeitliche Umsetzung haben wir Apotheker ab der Antragstellung keinen Einfluss mehr.

Clement: Bei der letzten Novellierung hat es etwa fünf Jahre vom ersten BMG-Entwurf bis zur Implementierung gedauert. Dieses Mal hat die Apothekerschaft aber deutlich mehr Vorarbeit geleistet und tritt mit einem gemeinsamen Entwurf an. An den Medizinern sehen wir, dass es lange Diskussionen über die Kosten geben kann. Aber ich bin Optimist und rechne mit vier bis fünf Jahren.

Benkert: Wichtig ist, dass die Apothekerschaft hier mit einer Stimme spricht. Das Positionspapier ist unser gemeinsamer Vorschlag für eine moderne, zielgerichtete Ausbildung. Sicher wird es im Verlauf des Verfahrens noch Änderungen geben, aber wir werden die Novellierung mit Nachdruck verfolgen und auf Bundes- und Länderebene immer wieder vorsprechen. Die Novellierung wird kommen, auch ich bin da Optimist.

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