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AMNOG

Industrie und Kassen ziehen Bilanz

15.05.2012
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Von Werner Kurzlechner, Berlin / Das AMNOG ist immer noch ein Zankapfel zwischen Herstellern und Krankenkassen. Während die Kassen die Lernfähigkeit des Systems betonen, drängt die Industrie auf Nachbesserungen. Notwendig sei etwa eine Harmonisierung der Bewertungskriterien.

Plötzlich war gespanntes Schweigen. Moderator Jürgen Zurheide gelang es beim Frühjahrssymposium des Verbandes forschender Arzneimittelhersteller (VFA) vergangene Woche in Berlin tatsächlich, dem Dauerbrennerthema Arzneimittelmarkt-Neuordnungsgesetz (AMNOG) unerwartete Momente abzutrotzen. So fragte er Dr. Hagen Pfundner, Vorstandsvorsitzender des Verbandes, was denn aus Herstellersicht eigentlich gut an diesem Gesetz sei. »Jetzt haben Sie mich richtig erwischt«, stutzte Pfundner kurz. Dem Roche-Vorstand fiel dann doch etwas Positives ein. »Die Intention der Politik war gar nicht schlecht«, sagte Pfundner. Durchaus legitim sei das Ansinnen gewesen, einen Mix aus unmittelbarem Marktzugang für neue Arzneimittel und früher Nutzenbewertung zu finden. Problematisch seien indes die Webfehler im System.

So drohten aktuell bis zu 70 Prozent der Verfahren zur Feststellung eines Zusatznutzens aus formalen Gründen negativ auszufallen. Pfundner forderte eine Harmonisierung der Bewertungskriterien bei den Zulassungsbehörden und den für die AMNOG-Verfahren zuständigen Einrichtungen, also dem Gemeinsamen Bundesausschuss (GBA) und dem Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG).

 

Gesetz mit Achillesverse

 

Die mangelnde Abstimmung zwischen Zulassungsbehörden und Selbstverwaltung sei die »Achillesferse« des Gesetzes, so der VFA-Frontmann. Er mache sich zudem echte Sorgen um die schnelle Einführung neuer Medikamente in der Bundesrepublik. »Die Bedeutung des deutschen Marktes ist marginalisiert«, unkte Pfundner. Einzelne Hersteller hätten bereits Präparate vom hiesigen Markt genommen, weitere könnten folgen.

 

Erwartungsgemäß widersprach Dr. Christoph Straub, Vorstandsvorsitzender der Barmer GEK, entschieden. Deutschland werde aufgrund seiner Größe und des hohen Preisniveaus für die Arzneimittelhersteller immer ein attraktiver Markt sein. Auch Straub wurde von Zurheide mit einer andersherum gestellten Frage konfrontiert: Was denn am AMNOG aus Kassensicht schlecht sei? Straub nannte daraufhin mangelnde Geduld.

 

Er betonte das Vertrauen in ein »lernendes System«, das seine Kinderkrankheiten sozusagen von selbst auskuriere. Demgegenüber fordern die Hersteller bekanntlich rasche Nachbesserungen durch den Gesetzgeber. Die Sorge der Industrie, dass die Erstattungs-Verhandlungen zwischen GKV-Spitzenverband und Hersteller von Kassenseite zum Durchpeitschen von Kostensenkungen instrumentalisiert werden könnten, versuchte Straub mit Verweis auf die persönliche Integrität der Verhandlungsführer zu zerstreuen.

 

Im Namen der Patienten forderte Dr. Martin Danner, Bundesgeschäftsführer der BAG Selbsthilfe, eine Beteiligung auch in der Phase der Preisverhandlungen. »Es ist höchst befremdlich, dass der Off-Label-Gebrauch bei der Nutzenbewertung völlig außen vor bleibt«, kritisierte Danner außerdem. Birgit Fischer, Hauptgeschäftsführerin des VFA, betonte, bei allen divergierenden Interessen müsse stets der Patientennutzen im Mittelpunkt aller Überlegungen stehen. »Das ist der Stresstest fürs AMNOG«, so Fischer. Die Hersteller hätten im vergangenen Jahr gelernt, nicht die Konfrontation, sondern die Kooperation zu suchen.

 

Ungelöste Probleme

 

Die enorme Bedeutung von pharmazeutischen Innovationen brachte Professor Theodor Dingermann von der Johann Wolfgang Goethe-Universität in Frankfurt am Main auf den Punkt. Der Experte für pharmazeutische Biochemie erinnerte daran, dass der massive Anstieg der Lebenserwartung im vergangenen Jahrhundert vor allem neuen Medikamenten geschuldet sei, und formulierte hohe Erwartung an die personalisierte Medizin, die eine deutlich verbesserte Zielgenauigkeit beim Einsatz von Arzneimitteln ermögliche. Nach wie vor gebe es ungelöste medizinische Probleme in Hülle und Fülle. »Wir brauchen Innovationen ohne Ende«, so Dingermann. /

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