Pharmazeutische Zeitung online
Interview

»Im Schneckentempo zum Ziel«

17.05.2011
Datenschutz bei der PZ

Von Sven Siebenand / Es gibt Menschen, die auf den Hund gekommen sind. Das Biotechnologieunternehmen Biosyn ist sozusagen auf die Schnecke gekommen. Aus der Hämolymphe einer Meeresschnecke entwickeln Forscher ein Medikament gegen Harnblasenkrebs. Die PZ sprach mit dem Geschäftsführer Dr. Thomas Stiefel.

PZ: Mit Schnecken gegen Harn­blasenkrebs. Wie kam es zu dieser Idee?

 

Stiefel: Wir wurden vom Urologen Professor Dr. Karl-Friedrich Klippel aus Mainz auf diese außergewöhnliche Substanz aufmerksam gemacht. Klippel hatte erste experimentelle Erfahrungen mit einem Protein aus der Hämolymphe der Meeresschnecke Megathura crenulata gemacht. Es lagen zu diesem Zeitpunkt bereits erste klinische Hinweise zur Wirksamkeit beim oberflächlichen Blasenkarzinom aus den USA vor.

 

PZ: Was genau ist eigentlich Hämolymphe?

Stiefel: Die Hämolymphe ist die Flüssigkeit, die sich in einer Vaku­ole in der Schnecke befindet. Der Name kommt daher, dass diese Flüssigkeit dem Blut von Säugetieren entspricht, also für den Sauerstofftransport zuständig ist. Da Schnecken über kein Herz als Pumpe verfügen, geschieht der Sauerstofftransport durch Diffusion der Hämolymphe durch die Gewebe.

 

PZ: Was passiert den Tieren, damit Sie die Lymphe gewinnen können?

 

Stiefel: Die im Pazifik vor Kalifornien beheimateten Tiere werden von Tauchern eingesammelt und kommen dann eine Zeit in Quarantäne in Meerwasser-Aquarien. Danach werden sie unter Kälte­narkose über ihren sogenannten Fuß, das heißt den Muskel an ihrer Unterseite, mit dem sie sich fortbewegen, unter sterilen Bedingungen punktiert. Pro Tier können wir etwa 100 Milliliter Flüssigkeit gewinnen. Das ist ein langwieriger Prozess, aber manchmal kommt man eben nur im Schneckentempo zum Ziel.

 

PZ: Überleben das die Tiere?

 

Stiefel: Die Schnecken überleben diese Behandlung und werden nach der Punktion wieder in den Pazifik in ihre natür­liche Umgebung zurückgebracht.

 

PZ: Wie wird die Lymphe dann weiter aufgearbeitet?

 

Stiefel: Die Hämolymphe besteht aus einem zellulären Teil und einer Proteinlösung. Der zelluläre Teil wird noch in Kalifornien abgetrennt. Der Lösungs­anteil wird steril filtriert und nach Deutschland zur Aufreinigung geschickt.

 

PZ: Welches sind die interessanten Inhaltsstoffe?

 

Stiefel: Der uns interessierende Bestandteil ist das Hämocyanin, ein gigantisch großes Glykoprotein mit einer Molekülmasse von circa acht Millionen Dalton. Das Hämocyanin von Megathura crenulata wird als KLH (keyhole limpet hemocyanine) bezeichnet. In den letzten Jahren konnte die Genstruktur des KLH aufgeklärt werden. Dennoch ist die gentech­nische Herstellung derzeit noch nicht möglich, sodass wir auf die Schnecken angewiesen sind.

PZ: Über welchen Mechanismus wirkt diese Substanz bei Harnblasenkrebs?

 

Stiefel: Sie stimuliert das Immunsystem in der Blasenschleimhaut gegen verbliebene Blasen-Tumorzellen.

 

PZ: Gibt es dazu bereits klinische Studien? Wenn ja, mit welchem Ergebnis?

 

Stiefel: Es gibt klinische Studien, die zeigen, dass das Wiederauftreten der oberflächlichen Blasentumore nach endoskopischer Entfernung reduziert wird.

 

PZ: Wann könnte ein Wirkstoff auf dem deutschen Markt verfügbar sein?

 

Stiefel: Momentan kann noch kein genauer Zeitpunkt angegeben werden. Unter anderem in Österreich und in den Niederlanden ist das Präparat zugelassen und auf dem Markt.

 

PZ: Auch Impfstoffhersteller sind offenbar ganz heiß auf die Schneckenlymphe. Weshalb und welche Inhaltsstoffe sind hier wichtig?

 

Stiefel: Es ist der gleiche Inhaltsstoff: KLH. Er eignet sich sehr gut als Träger verschiedenster Antigene in neuartigen therapeutischen Impfstoffen. Biosyn ist weltweit einer der wenigen Anbieter, die dieses hochgereinigte Glykoprotein in der für den klinischen Einsatz erforder­lichen Qualität herstellen können. Mit dem Protein besetzen wir einen Nischenmarkt.

 

PZ: Haben Sie sich ganz auf die kalifornische Meeresschnecke konzentriert oder gibt es andere heimische Schnecken, die eventuell auch für die Forschung in diesem Bereich interessant sein könnten?

 

Stiefel: Bei den heimischen Schnecken, zum Beispiel der Weinbergschnecke (Helix pomatia), gibt es zwar ebenso Hämocyanine, sie sind aber erheblich kleiner in der Molekülgröße und deshalb für den Menschen schwächer in ihrer Antigenität. Deshalb können wir die heimischen Tiere leider nicht verwenden. / 

Mehr von Avoxa