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Blutegel

Die Rückkehr der sensiblen Sauger

17.05.2011
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Von Maria Pues, Biebertal / Dass Behandlungen mit medizinischen Blutegeln vor gut 150 Jahren extrem »en vogue« waren, hat die Art fast das Überleben gekostet. Nach einer Zeit geringer Beachtung erleben sie seit einigen Jahren eine Renaissance. Die PZ hat eine Blutegelzucht besucht.

Sogar zu Filmruhm hat es der flinke Egel aus dem Stamm der Ringelwürmer gebracht, allerdings zu recht zweifelhaftem. »Ich hasse nichts so sehr wie Blutegel«, sagt Charlie Allnutt alias Humphrey Bogart zu Rose Sayer alias Kathrine Hepburn. Über und über mit Egel-Exemplaren ansehnlicher Größe behängt entsteigt der Filmheld afrikanischen Gewässern zweifelhafter Güte, durch die er sein Boot, einen veritablen Schrottpott namens »African Queen«, im gleichnamigen Film eigenhändig ziehen wollte.

Dabei dürften auch hungrige Egel eine Beute wie Humphrey Bogart im wirklichen Leben durchaus verschmähen. Zwar lockt bewegtes Wasser die Tiere an – mit feinen Zilien auf der Egeloberfläche spüren sie, wo im Gewässer etwas los ist. Ausdünstungen von Alkohol oder Tabak verderben ihnen jedoch den Appetit, erläutert Diplom-Biologe Michael Aurich, Herstellungsleiter der Biebertaler Blutegelzucht.

 

Auch Aromen aus Duschgels und Duftwässern können einer Blutegeltherapie hinderlich sein. Selbst Gewitter können dazu führen, dass die sensiblen Tiere die Bissfreude verlieren, ebenso manche Arzneistoffe. Systematische Studien, wie sich verschiedene Arzneistoffe auswirken, gibt es allerdings noch nicht.

 

Tausende Blutegel leben in der Biebertaler Zucht. Sie rekeln sich unter anderem in rund 30 Teichen, die sich in ehemaligen Gewächshäusern und in geschlossenen Folienhäusern befinden. Auf den ersten Blick wirkt sie eher wie eine Gärtnerei für Wasserpflanzen. Bei näherem Hinsehen erblickt man die Egel, die sich behände zwischen Pflanzen und Steinen schlängeln. Sie entstammen Wildfängen in der Türkei und in Serbien. Gelegentlich macht sich einer auf den Weg Richtung Beckenrand. Weit kommt er aber nicht. Eine Art elektrischer Weidezaun für Egel sorgt für ein Kribbeln in den Saugnäpfen, das ihn zur Rückkehr bewegt. »Egel sind nicht dumm«, erklärt Aurich. »Nach ein paar Versuchen lassen sie es sein.« Besser für sie, denn ohne Feuchtigkeit überleben sie nicht lange.

 

Blutegel mögen es warm

 

Im seichten Wasser am Rand der Teiche stehen Kunststoffkisten, wie man sie auch auf Gemüsemärkten findet. Sie sind mit Erde gefüllt und bieten den Egeln Laichplätze, in denen sie ihre Brut in kleinen runden Kokons ablegen. Kurz bevor die jungen Egel schlüpfen, sammeln die Mitarbeiter die Kokons ein. Das Schlüpfen und die weitere Aufzucht erfolgen unter kontrollierten Bedingungen zunächst in großen Gläsern, wie man sie auch zum Einlegen von Gurken kennt. Einige Tiere haften mit beiden Enden an der Wand, was die Frage aufwirft, wo bei einem Blutegel eigentlich vorne ist. Das kann man erkennen, wenn sie sich im Wasser bewegen: »Blutegel schwimmen niemals rückwärts«, sagt Aurich. »Und sie hängen selten mit dem Kopf nach unten.«

»Hier wachsen Arzneimittel« könnte man über die Teiche und Gläser schreiben. Das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte hat Blutegel bereits im Jahr 2005 zum Fertigarzneimittel erklärt. Eine Zulassung sei beantragt, die Verfahren liefen noch, erklärt Aurich. Über den meisten Gewässern hängt ein Schild »Teich gesperrt«. »Ein Teich ist eine Charge«, erklärt Aurich. Die Tiere darin sind unter identischen Bedingungen aufgezogen.

 

Bevor sie zum Patienten dürfen, erfolgen verschiedene Kontrollen, zum Beispiel zur mikrobiologischen Beschaffenheit. Eine Quarantäne von 32 Wochen dient außerdem dazu, die Gefahr einer möglichen Verkeimung zu vermindern. Natürlich fördert es auch die Bissfreude, wenn die letzte Mahlzeit bereits ein wenig zurückliegt. Dabei sind Blutegel genügsame Tiere, die bis zu 30 Jahre alt werden können. Im Ernstfall reicht ihnen eine Mahlzeit alle zwei Jahre. In der Egelaufzucht verwendet man Pferdeblut. Rinderblut ist wegen der – wenn auch praktisch unwahrscheinlichen – Möglichkeit einer BSE-Infektion verboten. Und Schweineblut mögen die Egel nicht so gern, so Aurich.

 

Was ihnen der Züchter zur leichten Verfügung stellt, müssen sich ihre Artgenossen erst erarbeiten. Dabei heften sie sich sachte an den Wirtsorganismus. Mit ihren drei Kiefern, die mit je rund 60 bis 100 Kalkzähnchen besetzt sind, »fräsen« sie sich auch in robuste Pferde- oder Rinderhaut, wenn sie eine ihnen genehme Stelle gefunden haben. Die Bissstelle ähnelt einem kleinen Mercedesstern. Eine halbe bis zu zwei Stunden kann es dauern, bis ein Blutegel »satt« ist. Dann lässt er sich einfach fallen.

Einige Bestandteile des Blutegelspeichels und ihre Wirkung

Hirudin: Hemmung der Blutgerinnung (Thrombinhemmstoff)

Calin: kollagenvermittelte Gerinnungshemmung, die für eine Nachblutung sorgt; die Nachblutung dient der Wundreinigung

Eglin: Gerinnungs- und Entzündungshemmung

Bdellin: Gerinnungshemmung

Apyrase: Hemmung der Thrombozytenaggregation

Hyaluronidase (Orgelase): Abbau von Hyaluronsäure

Histaminähnliche Substanz

 

Dass ihr Biss heilsame Wirkungen haben könnte, sagt man Blutegeln schon seit Langem nach. Im 19. Jahrhundert gab es kaum eine Erkrankung, bei der man keine Blutegeltherapie versucht hat. Zudem wurden seinerzeit häufig nicht wie heute fünf oder sechs Blutegel eingesetzt, sondern bis zu hundert. Mittlerweile sind Wild-Blutegel hierzulande praktisch ausgestorben, auch da ihr natürlicher Lebensraum immer weiter abnahm. »Es finden sich jedoch zum Beispiel Pferde-Egel, die von Laien häufig für medizinische Blutegel gehalten werden«, berichtet Aurich. »Allerdings saugen sie mangels Beißapparat kein Blut. Sie sind daher für eine Therapie ungeeignet.«

In den 80er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts entdeckte man die Blutegeltherapie neu, diesmal unter anderem zur unterstützenden Behandlung nach Hauttransplantationen. Möglicherweise durch eine Verbesserung der Mikrozirkulation und durch Absaugen von Sekreten unterstützen sie das Anwachsen des Transplantats. Neben weiteren Erkrankungen finden sie heute vor allem Einsatz bei schmerzhaften Arthrosen oder Entzündungen von Gelenken, bei Sehnenscheidenentzündungen sowie bei Krampfaderleiden.

 

Ungeklärter Wirkmechanismus

 

Durch welche Mechanismen oder Substanzen die positiven Effekte, von denen Patienten und Therapeuten berichten, im Einzelnen zustande kommen, ist bis heute teilweise ungeklärt. Zum einen führt man sie auf den Reiz durch den Biss und den anschließenden Saugvorgang zurück. Zum anderen auf eine Reihe von Substanzen, die der Blutegel mit dem Speichel absondert (siehe Kasten) und von denen man rund 100 identifiziert hat. Sie sollen gemeinsam vor allem für anhaltende zum Beispiel schmerzlindernde Effekte verantwortlich sein, die bis zu einem halben Jahr andauern können.

 

Über ernste Nebenwirkungen klagen die Behandelten insgesamt selten. Jucken, Brennen oder Rötungen können naturgemäß häufiger auftreten. Allergien auf Bestandteile des Blutegelspeichels kommen zuweilen vor. Infektionen sind vor allem durch Aeromonas hydrophilia möglich, ein Darmbakterium der Blutegel. In der Praxis habe man dies auch bei über einer Viertelmillion verwendeter Blutegel pro Jahr nicht beobachtet, so Aurich.

Es gibt auch Kontraindikationen für eine Blutegelbehandlung: Die Therapie mit gerinnungshemmenden Arzneimitteln wie Phenprocoumon, Heparin oder Clopidogrel gehört dazu. Auch Patienten, die eine immunsuppresive Therapie benötigen, sollten keine Blutegelbehandlung vornehmen lassen, außerdem Patienten mit starker Neigung zu allergischen Reaktionen, Wundheilungsstörungen (zum Beispiel Diabetiker) oder akuten Infektionen sowie Schwangere.

 

Einen Wermutstropfen hat die Blut­egelbehandlung allerdings: Für die Tiere bedeutet sie die »Henkersmahlzeit«. Sie müssen nach der Blutmahlzeit entsorgt werden, um eine mögliche Übertragung von Krankheiten eines Patienten auf einen anderen auszuschließen. / 

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