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Arbeitsschutz

Gefährdungsbeurteilung von Avastin

17.05.2010
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Von Gabriele Halsen, Udo Eickmann und Michael Heger / Das Schreiben einer Krankenkasse, das falsche Angaben zu den zu beachtenden Sicherheitsmaßnahmen beim Umgang mit dem monoklonalen Antikörper Bevacizumab beinhaltet, führte zu Verunsicherung in den Apotheken. Aus Sicht der gesetzlichen Unfallversicherung und des staatlichen Arbeitsschutzes wird der Sachverhalt klargestellt.

In einem aktuellen Schreiben einer Krankenkasse heißt es: »Gemäß Herstellerinformationen sind bei Avastin® lediglich die Vorschriften für die Sterilanfertigung einer parenteralen Lösung zu beachten. Darüber hinausgehende Sicherheitsbestimmungen bei der Herstellung und Entsorgung sind nicht einzuhalten«. Diese Aussage, die die Sicherheitsmaßnahmen in Apotheken betrifft, ist falsch und führte in letzter Zeit zu großer Verunsicherung in Apotheken. In unserer Verantwortung für den Schutz der Beschäftigten sehen wir es als notwendig an, folgenden Sachverhalt klarzustellen:

Speziell die Gefährdungsbeurteilung bei der Handhabung monoklonaler Antikör­per wie Bevacizumab (Avastin®) im Ge­sundheitsdienst wird schon seit einigen Jahren in der Fachwelt diskutiert (1, 2). Im Sicherheitsdatenblatt für Bevacizu­mab wird eine teratogene und embryo­toxische Wirkung im Tierversuch ange­geben (3). Herstellerinformationen sind eine der wesentlichen Informationsquel­len im Rahmen der Informationsbeschaf­fung. Die Fachinformation für das Arznei­mittel und das Sicherheitsdatenblatt allein enthalten aber nicht, wie im oben genannten Schreiben ausgesagt, alle notwendigen Informationen. Da die indi­viduelle Beurteilung der Informationen durch Apotheker in der Praxis ein Pro­blem darstellt, hat die Berufsgenossenschaft für Gesundheitsdienst und Wohlfahrtspflege (BGW) in Zusammenarbeit mit dem Bundesverband Deutscher Krankenhausapotheker (ADKA) den derzeitig international verfügbaren Wissensstand zur Gefährdungsbeurteilung von monoklonalen Antikörpern in der Antitumortherapie (ATC Klasse L01XC) recherchiert mit dem Ziel, qualifizierte Aussagen zur Bewertung als Handlungshilfe zu erarbeiten. Die Arzneistoffe wurden im Hinblick auf ihre gefährlichen Eigenschaften nach den Kriterien des Gefahrstoffrechtes bewertet und die Aufnahmewege untersucht. Die Ergebnisse wurden im Arbeitskreis »TRGS 525« (4) mit Vertretern der Arzneimittelhersteller, der Träger der gesetzlichen Unfallversicherung und Länderbehörden sowie Apothekern diskutiert und ein Konsens zur Bewertung der monoklonalen Antikörper zum Schutz der Beschäftigten erarbeitet. In einem Arbeitspapier des Arbeitskreises sind das aktuelle Wissen und der Sachstand zur Bewertung nach Beratung ausführlich dargestellt (5, siehe Kasten). Darüber hinaus existieren aktuelle Fachpublikationen (6, 7).

 

Die Untersuchungen zeigen, dass grundlegende toxikologische Prüfungen, wie sie das Gefahrstoffrecht vorsieht, für monoklonale Antikörper nur teilweise vorliegen. Bezogen auf den Wirkstoff Bevacizumab sprechen aber pathophysiologische Kenntnisse und Tierversuche dafür, diesen wie einen fruchtschädigenden Stoff und einen Stoff, für den der Verdacht auf eine fortpflanzungsgefährdende Wirkung besteht, zu behandeln. Unter Berücksichtigung der Konzentration des Wirkstoffes im Arzneimittel wäre Avastin® als »giftig« im Sinne des Gefahrstoffrechtes und mit R 61 »Kann das Kind im Mutterleib schädigen« einzustufen. Die Gefährdung bei Tätigkeiten ist von den toxischen Eigenschaften, aber auch vom Ausmaß der Aufnahme der Stoffe in den Körper abhängig. Von den verschiedenen potenziellen Aufnahmewegen haben die orale und die dermale Aufnahme keine Bedeutung. Eine inhalative Aufnahme, wenn auch in geringem Umfang, ist möglich. Zusätzlich kann eine unbeabsichtigte intravenöse oder subkutane Aufnahme zum Beispiel durch Stichverletzungen erfolgen. Tolerable Aufnahmemengen, die bei langjähriger Exposition das Risiko einer Schädigung durch monoklonale Antikörper auf ein gesellschaftlich akzeptiertes Maß begrenzen, sind unbekannt. Darum muss das Vorsorgeprinzip greifen.

 

Die vorliegende Bewertung für monoklonale Antikörper in der Antitumortherapie (5) stellt eine branchenbezogene Gefahrstoffbewertung im Sinne der TRGS 400 Nummer 4.1 Absatz 6 dar (8). Sie ist eine wichtige Vorinformation für die Gefährdungsbeurteilung und kann herangezogen werden, solange keine verbindliche Einstufung vorliegt. Maßnahmen zur Minimierung der Exposition der Beschäftigten sind nach den Prinzipien der Gefahrstoffverordnung festzulegen (9). Bei Tätigkeiten mit Gefahrstoffen gelten Beschäftigungsverbote und -beschränkungen für werdende und stillende Mütter sowie für Jugendliche (10, 11). Monoklonale Antikörper in der Antitumortherapie, Bevacizumab eingeschlossen, sind als fruchtschädigend anzusehen. Für fruchtschädigende Stoffe besteht ein Expositionsverbot für werdende Mütter. Sie dürfen somit nicht mit der Herstellung, der Applikation oder auch Prüfung dieser Arzneimittel beauftragt werden, solange bei den Arbeitsverfahren trotz aller Schutzmaßnahmen eine Belastung zu befürchten ist, die über der ubiquitären Belastung liegt. /

 

 

Literatur

...bei Verfassern

Arbeitspapier

Das Arbeitspapier stellt den derzeitigen Wissensstand zusammen. Ziel ist es, die Stoffe nach den Kriterien der Gefahrstoffverordnung in Verbindung mit Anhang VI Richtlinie 67/548/EWG zu bewerten. Die Bewertungen stellen eine Hilfestellung zur Informationsermittlung und Gefährdungsbeurteilung nach § 7 Gefahrstoffverordnung, TRGS 400 und TRGS 525 Nummer 5.2 »Ermittlungspflicht« dar. Auf dieser Basis kann der Arbeitgeber bei Tätigkeiten mit monoklonalen Antikörpern die für den Arbeitsschutz erforderlichen Maßnahmen für die Beschäftigten treffen.

 

Das Arbeitspapier steht als PDF zum Download zur Verfügung unter: www.bgw-online.de/internet/gener[...].pdf.

Anschriften der Verfasser:

Dr. Gabriele Halsen, Privatdozent Dr. Udo Eickmann

Berufsgenossenschaft für Gesundheitsdienst und Wohlfahrtspflege (BGW)

Fachbereich Gefahrstoffe/Toxikologie

Bonner Str. 337

50968 Köln

 

Dr. Michael Heger

Vorsitzender des Arbeitskreises TRGS 525

Landesamt für Umwelt- und Arbeitsschutz

Don-Bosco-Str. 1

66119 Saarbrücken

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