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Suizid

Mehr Forschung zur Prävention nötig

07.05.2014
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Von Christina Hohmann-Jeddi / Nur sechs von zehn Menschen, die sich mit Suizidgedanken tragen, erhalten eine Behandlung. Zudem gibt es kaum Evidenz, ob Therapien bei denen, die sie erhalten, auch wirksam sind. Die Forschung hierzu muss stark intensiviert werden, fordern Experten im Fachjournal »The Lancet Psychiatry«. Erforscht werden soll auch, wie Gefährdete zu erkennen sind.

Wirksame, evidenzbasierte Therapie­optionen stünden zurzeit nicht zur Verfügung. Das berichten die Professoren Dr. Rory O’Connor von der Universität Glasgow und Dr. Matthew K. Nock von der Harvard Universität (doi: 10.1016/S2215-0366(14)70222-6). So hätten Studien gezeigt, dass Therapien gegen Depressionen suizidale Gedanken beziehungsweise Handlungen nicht reduzieren könnten. Allerdings gebe es Hinweise, dass spezielle Formen der kognitiven Verhaltenstherapie, die sich direkt gegen suizidale Gedanken richten, bei Personen nach einem Suizidversuch das Risiko für weitere Versuche senken. Nun seien Studien nötig, die die Wirksamkeit von Interventionen zur Verhinderung eines ersten Suizidversuchs testeten.

Um präventiv tätig zu werden, ist es vor allem wichtig, Menschen in Suizidgefahr verlässlich zu erkennen. Hier kann eventuell die Neurobiologie weiterhelfen, wie Professor Dr. Kees van Heeringen von der Universität Gent in Belgien und Professor Dr. John Mann von der Columbia Universität in New York, USA, in einem weiteren Artikel berichten (doi: 10.1016/S2215-0366(14) 70220-2). Denn laut der Stress-Veranlagungs-Theorie führen negative Lebensereignisse nur bei einer entsprechenden Prädisposition zu Suizidalität. Dies erklärt, warum sich nur ein kleiner Teil der Menschen nach schweren Schicksalsschlägen das Leben nimmt. Eine entsprechende Empfänglichkeit sei etwa zur Hälfte genetisch bedingt, zudem könne sie durch negative frühkindliche Erfahrungen und Traumata über epigenetische Mechanismen verursacht werden.

 

Die Veranlagung zu Suizidalität hat eine biologische Basis, wie die beiden Experten in dem Review ausführen: So ist zum Beispiel aus Post-mortem-Analysen bekannt, dass bei Suizidenten Neuronen und Gliazellen in verschiedenen Hirnarealen verändert sind. Im Hirnstamm zum Beispiel sei Suizid mit einer erhöhten Zahl von Serotonin-Neuronen, einer verstärkten Tryptophan-Hydroxylase-2-Expression und vermutlich mit einer erhöhten Serotonin-Konzentration assoziiert. Zudem sei der Gyrus dentatus, eine Struktur des Hippocampus, verkleinert. Auch die Hypothalamus-Hypophysen-Stressachse scheint verändert zu sein. Einige dieser Anomalien lassen sich auch durch bildgebende Verfahren in vivo nachweisen.

 

Die neurobiologischen Veränderungen führen zu Störungen der kognitiven Kontrolle von Emotionen, Pessimismus, zu gestörtem Problemlöseverhalten, exzessivem emotionalen Schmerz und suizidalen Gedanken und letztlich zu suizidalem Verhalten, schreiben die Autoren. Wenn diese neurobiologischen Veränderungen besser verstanden sind, können sie in der Zukunft zur Entwicklung von Biomarkern für Suizidalität führen, um gefährdete Personen erkennen zu können. Außerdem könnten die beteiligten Strukturen auch als Targets für neue Wirkstoffe dienen. »Jedes Jahr nimmt sich eine Million Menschen weltweit das Leben«, sagt van Heeringen laut einer Pressemitteilung. »Da es keine klinischen Tests auf erhöhtes Suizidrisiko gibt, stellen Genomik und bildgebende Verfahren die derzeit vielversprechendsten Methoden für eine Früherkennung dar.« /

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