Pharmazeutische Zeitung online
Codein

Neue Evidenz zu einem alten Wirkstoff

07.05.2013
Datenschutz bei der PZ

Von Theo Dingermann und Manfred Schubert-Zsilavecz /  Amerikanische Wissenschaftler gingen der Frage nach, wie sicher es ist, Kindern nach einer Adenotonsillektomie Codein als Schmerzmittel zu verschreiben. Ihre Ergebnisse veröffentlichen Judith A. Racoosin und Kollegen im renommierten Fachmagazin »New England Journal of Medicine«.

Aufhänger für diesen Beitrag (doi: 10.1056/NEJMp1302454) waren drei Meldungen vom April 2012 über schwere Komplikationen beim Einsatz von Codein bei Kindern zwischen drei und fünf Jahren, von denen zwei tödlich verliefen.

Wie sich herausstellte, handelte es sich bei den betroffenen Kindern um ultraschnelle Metabolisierer für das Cytochrom-P450-Isoenzym 2D6 (CYP2D6), welches das Prodrug Codein in den aktiven Wirkstoff Morphin umwandelt. Durch die ungewöhnlich hohe Aktivität dieses Enzyms flutet das Morphin in sehr kurzer Zeit sehr stark an, sodass die Gefahr einer zentralen Atemdepression besteht, die auch tödlich verlaufen kann.

 

Diese drei Meldungen veranlassten die amerikanische Zulassungsbehörde FDA, das Problem systematisch zu untersuchen. Man fand 13 dokumentierte Fälle bei Patienten zwischen neun und 21 Jahren, von denen sich die meisten einer Adenotonsillektomie unterzogen hatten. Zehn dieser Patienten starben an der Komplikation. Bei den restlichen drei Fällen traten lebensbedrohliche Atemdepressionen auf. Ferner entschied sich die FDA, aktiv über diese mögliche Komplikation zu informieren (www.fda.gov/Drugs/DrugSafety/ucm313631.htm). Und sie forderte zudem die Hersteller von Codein-Präparaten dazu auf, ihre Arzneimittel mit einer »boxed warning« zu versehen, mit der deutlich auf jeder Arzneimittel-Packung auf derartige Komplika­tionen hingewiesen wird.

 

Allerdings hat man sich bisher nicht entscheiden können, einen genetischen Test vorzuschreiben. Als Gründe werden angeführt, dass das Problem eher selten auftritt (nur 1 bis 2 Prozent der kaukasischen Bevölkerung gelten als ultraschnelle Metabolisierer für CYP2D6), und dass das Problem auch bei extensiven Metabolizern auftreten kann, die eine unauffällige Genausstattung für CYP2D6 besitzen. /

Kommentar

Diagnostik nutzen

Mag der Aufwand eines genetischen Tests für dieses eine Problem tatsächlich nicht gerechtfertigt sein, so besteht heute die Möglichkeit, im Vorfeld einer Arzneimitteleinnahme das Risiko simultan für Hunderte verschiedener Arzneimittel zu einem erschwinglichen Preis zu bestimmen. Derartige Tests sind seit Kurzem in Deutschland verfügbar und werden auch über Apotheken vertrieben. Zusammen mit Ärzten können die Apotheker hier einen neuen, aus unserer Sicht extrem wichtigen Beitrag zur Arzneimittelsicherheit leisten, indem sie Patienten helfen, Arzneimittel zu identifizieren, die bei ihnen entweder nicht wirken oder die eine potenziell lebensbedrohliche Gefahr darstellen.

 

Professor Dr. Theo Dingermann

Professor Dr. Manfred Schubert-Zsilavecz

Mehr von Avoxa