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Soventol Gel

Wichtige Erkenntnisse für die pädiatrische Dermatologie

09.05.2011  15:41 Uhr

Von Michael Schmidbauer und Armin Engels / Arzneimittel werden in der Kinderheilkunde meistens eingesetzt ohne ausreichende klinische Evidenz. Anwendungsbeobachtungen liefern dem Apotheker und Arzt die notwendigen Daten, um Arzneimittel auch bei Kindern sicher und wirksam anzuwenden. Die Studie an Soventol® Gel ist ein instruktives Beispiel.

15,7 Prozent aller Wirkstoffe werden in der Behandlung von Kindern ohne ausreichende Studienlage beziehungsweise off label verordnet. (1) Bei gut einem Fünftel aller Wirkstoffe stellen die Fachinformationen beziehungsweise Gebrauchsinformationen keine Angaben zur Verfügung, ob das jeweilige Medikament bei Kindern überhaupt angewendet werden kann oder nicht. Auf der anderen Seite gibt es viel zu wenig Medikamente, die systematisch auf deren pädiatrische Verwendung untersucht wurden.

Beim behandelnden Arzt beziehungsweise Apotheker besteht somit grundsätzlich eine mehr oder weniger große Unsicherheit in Bezug auf Dosierung und Anwendung von Arzneimitteln bei Kindern. Kein Wunder also, dass die EU von den Pharmaunternehmen systematische pädiatrische Untersuchungen zu Wirksamkeit und Sicherheit von Arzneimitteln einfordert, mit dem Ziel, dass auch Kinder sicher und wirksam medikamentös versorgt werden können. Diese Ziele sollen verwirklicht werden, »ohne die pädiatrische Bevölkerungsgruppe unnötigen klinischen Prüfungen zu unterziehen und ohne die Genehmigung eines Arzneimittels für andere Altersgruppen zu verzögern«. (2)

 

Apothekenbasierte Anwendungs­beobachtungen

 

Anwendungsbeobachtungen (AWB) sind ein bewährtes Mittel, den genannten Forderungen vonseiten der EU Rechnung zu tragen. Mithilfe von nicht-interventionellen Untersuchungen können »Erkenntnisse aus der Behandlung von Personen mit Arzneimitteln anhand epidemiologischer Methoden analysiert werden; dabei folgt die Behandlung einschließlich der Diagnose und Überwachung nicht einem vorab festgelegten Prüfplan, sondern ausschließlich der ärztlichen Praxis«, wie es das BfArM im Juli 2010 definierte. (3) In einer solchen Studienanordnung werden Sicherheit und Verträglichkeit von zugelassenen Arzneimitteln auf einer breiteren Grundlage als in klinischen Studien untersucht, denn die AWB schließt alle Patienten mit den Symptomen ein, für die das betreffende Arzneimittel indiziert ist. Erkenntnisse daraus spiegeln somit die klinische Realität eher wider als klinische Studien, indem sie Daten über die tatsächliche Verwendung liefern. (4)

PZ-Originalia

In der Rubrik Originalia werden wissen­schaftliche Untersuchungen und Studien veröffentlicht. Eingereichte Beiträge sollten in der Regel den Umfang von zwei Druckseiten nicht überschreiten und per E-Mail geschickt werden. Die PZ behält sich vor, eingereichte Manuskripte abzulehnen. Die veröffentlichten Beiträge geben nicht grundsätzlich die Meinung der Redaktion wieder.

Zu nicht-verschreibungspflichtigen Arzneimitteln dürfen auch Apotheker Beobachtungsstudien durchführen. Diese haben sich als »ein valides Instrument der Arzneimittelforschung erwiesen, die die Ergebnisse klinischer Prüfungen sinnvoll ergänzen und als pharmakoepidemiologische Beobachtungsstudien zum Erkenntnisgewinn über den Gebrauch, die Wirksamkeit und Sicherheit der Arzneimittelanwendung in der Selbstmedikation beitragen«. (5)

 

WICKIE-Studie

 

Im Folgenden wird mit der WICKIE-Studie (Wichtige Erkenntnisse für die pädiatrische Dermatologie) die erste systematische Kinderstudie eines Antihistaminikums als Beispiel für eine pädiatrische Medikamentenstudie vorgestellt.

Bei dem Antihistaminikum handelt es sich um Soventol Gel mit dem Wirkstoff Bamipinlactat. Das Arzneimittel ist bei leicht bis mittelstark ausgeprägten Insektenstichen mit Juckreiz indiziert und kann mehrmals täglich auf den betroffenen Hautstellen in dünner Schicht aufgetragen werden. Das enthaltene Bamipin hemmt die Wirkung von Histamin und dadurch Juckreiz, Erytheme und Quaddeln, die mit Insektenstichen und Histaminausschüttung einhergehen. Die kühlende Gelgrundlage unterstützt die Juckreizhemmung und wirkt Hautläsionen durch Kratzeffekte entgegen. Soventol Gel ist bereits seit 1953 auf dem Markt und zeichnet sich durch eine ausgezeichnete Verträglichkeit aus. (6) Auf den Einsatz potenziell allergieauslösender Konservierungs- und Duftstoffe wurde verzichtet.

 

Die Vorteile der topischen Anwendung liegen im optimalen Wirkstofftargeting und der geringen Belastung für den Gesamtorganismus, anders als beispielsweise bei oral verabreichten Antihistaminika. (7-9) Für große Lokalreaktionen (Stiche mit mehr als 10 cm Schwellungsdurchmesser, die länger als 24 Stunden persistieren) und Systemreaktionen auf Insektenstiche sollte allerdings auf eine systemische Therapie zurückgegriffen werden.

Unter der Teilnahme von 21 Apotheken wurden im Sommer 2010 die Wirksamkeit und Sicherheit von Soventol Gel bei 153 Kindern mit leicht bis mittelstark ausgeprägten Insektenstichen untersucht. Das Besondere an dieser AWB: Die jungen Patienten konnten die Wirksamkeit selbst mittels Emoticons beurteilen.

 

Medizinischer Hintergrund

 

Stiche von Mücken, Bienen, Wespen und Bremsen erzeugen Juckreiz, Quaddeln und/oder schmerzhaftes Brennen. (10, 11) Diese Symptome sind auf das Histamin zurückzuführen, einen Botenstoff, der in allen Geweben des menschlichen Körpers in den immunologisch bedeutsamen Mastzellen und basophilen Leukozyten gespeichert wird. (12) Histamin wird bei Überempfindlichkeitsreaktionen, Zerstörung von Zellen, Sonnenbrand und bei Insektenstichen im Körper freigesetzt. (10, 13) Durch das An­docken des Histamins an die körpereigenen Histaminrezeptoren werden unter anderem die Kontraktion der Bronchialmuskulatur, die Steigerung des Lymphflusses und die Stimulation dermaler Nozizeptoren induziert. Letzteres führt zu Juckreiz, einem der Leitsymptome bei Insektenstichen.

 

Antihistaminika bewirken eine Hemmung der beschriebenen Effekte, indem sie das Histamin von den entsprechenden Rezeptoren kompetitiv verdrängen. Soventol Gel gehört zu den H1-Rezeptor-Antihistaminika, da es speziell auf den Histaminrezeptor H1 einwirkt. In erster Linie ist H1 für die erwähnten Symptome verantwortlich.

 

Studiendesign und Ergebnisse

 

An der Studie partizipierten 153 Kinder im Alter von 1 bis 12 Jahren mit leicht bis mittelstark ausgeprägten Insektenstichen mit Juckreiz, Brennen und Schmerzen (Abbildung 1). Zunächst einmal wurden ihre Eltern von den Apotheken umfassend über die Anwendungsbeobachtung aufgeklärt, nachdem ihnen Soventol Gel empfohlen wurde.

Im Anschluss daran händigten ihnen die Apotheker die Fragebögen der Studie aus, auf denen sie die Wirksamkeit und Sicherheit des Gels dokumentieren konnten. Aber auch die Kinder spielten eine aktive Rolle bei der Studie. Das Besondere war nämlich, dass diese selbst die Wirksamkeit des Arzneimittels beurteilen konnten. Hierfür befand sich in den Studienunterlagen ein spezieller Fragebogen, in den sie die Veränderung der Symptome Juckreiz und Rötung unter Einfluss des Gels eintragen konnten und zwar mittels Emoticons, die eine Skala von Smiley bis Sad Face umfasste (in Abbildung 4 als Skala von 1 = »stark« bis 4 = »gar nicht« dargestellt). Die Eltern waren hingegen gemeinsam mit dem Apotheker für die Beurteilung von sicherheitsrelevanten Aspekten zuständig, zum Beispiel für die Bewertung der Hautverträglichkeit. Nach Abschluss der fünftägigen Behandlungs- und Beobachtungszeit gaben die Teilnehmer die Erfassungsunterlagen in anonymi­sierter Form bei den entsprechenden Apotheken ab.

 

Bezüglich der Sicherheit des getesteten Arzneimittels kann eine hohe Zufriedenheit vonseiten der Studienteilnehmer festgestellt werden. 94,1 Prozent der Probanden beurteilten die Hautverträglichkeit des Präparates mit »sehr gut« bis »gut« (Abbildung 2). Lediglich in einem Fall wurde über ein kurzzeitiges »Brennen« auf der Haut berichtet, ein bekanntes, aber sehr seltenes Phänomen (vergleiche SPC). Es hat sich somit bestätigt, dass Soventol Gel auch bei Kindern gut vertragen wird.

Mehr als zwei Drittel aller Insektenstiche in der Studie stammten von Mücken (Abbildung 3). Über 71,7 Prozent der Studienteilnehmer begannen noch am Tag des Insektenstichs mit der Behandlung, 21,4 Prozent spätestens am nächsten Tag.

 

Die Behandlung dauerte im Durchschnitt 3,2 Tage. Bei zehn Kindern (6,9 Prozent) entzündete sich der Insektenstich, in den meisten Fällen schwach (3,4 Prozent). Auch ein verzögerter Behandlungsbeginn führte zu der im Folgenden beschriebenen guten Wirkung.

 

Im Ergebnis trat bei 68,3 Prozent der Studienteilnehmer eine signifikante Linderung der Beschwerden schon innerhalb einer Minute ein, bei weiteren 26,2 Prozent innerhalb einer Stunde. Schon während des ersten Behandlungstages gingen die mit dem Insektenstich einhergehenden Symptome Schmerzen, Schwellung, Rötung und insbesondere Juckreiz deutlich zurück (Abbildung 4).

Die Nachhaltigkeit der Beschwerdelinderung wurde von über zwei Drittel der Studienteilnehmer mit sehr gut bis gut bewertet. Drei Viertel der Probanden beurteilten die Schnelligkeit des Wirkeintritts mit sehr gut bis gut. Hervorzuheben ist auch der zusätzliche Kühleffekt, der bei der Applikation von Soventol Gel bei 89,7 Prozent der teilnehmenden Kinder sehr gut bis gut ankam und zur Abmilderung und Linderung von Juckreiz, Schwellung und Rötung neben dem Bamipinlactat mit beitrug.

 

Die Studie zeigte zudem, dass die durch das Arzneimittel eingetretene Beschwerdelinderung von der Herkunft des Insektenstiches abhängig ist. So wurden durch Mücken- und Bienenstiche hervorgerufene Beschwerden geringfügig wirksamer und schneller gelindert als solche, die durch Wespen- und Bremsenstiche ausgelöst wurden. 96,6 Prozent der Erziehungsberechtigten waren angesichts der hervorragenden Wirksamkeit bei der Behandlung von Insektenstichen mit Soventol Gel sehr zufrieden bis zufrieden (Abbildung 5). 96,6 Prozent würden laut eigener Aussage Soventol Gel auch in Zukunft wiederverwenden oder wahrscheinlich wiederverwenden.

 

Fazit

 

Die Studie zeigt, dass Bamipin in kühlender Gelgrundlage auch bei Kindern schnell wirkt und nachhaltig die Folgen von Insektenstichen lindert.

 

Die Anwender vertragen das Medikament sehr gut, unter anderem aufgrund der fehlenden Konservierungsstoffe. Anwendungsbeobachtungen dieser Art leisten einen wertvollen Beitrag, Nutzen und Risiken von lange bekannten, für Erwachsene zugelassenen Arzneimitteln bei der Anwendung in der pädiatrischen Bevöl­kerungsgruppe besser einschätzen zu können. / 

Literatur

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BfArM, PEI. Empfehlungen des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte und des Paul-Ehrlich-Instituts zur Planung, Durchführung und Auswertung von Anwendungsbeobachtungen. 2010 Jul 7.

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Mutschler E., Arzneimittelwirkungen: Lehrbuch der Pharmakologie und Toxikologie. 7. ed. Stuttgart: Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft; 1996.

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Kontakt

Dr. Michael Schmidbauer und Dr. Armin Engels

Medice Arznei­mittel Pütter GmbH & Co. KG

Kuhloweg 37

58638 Iserlohn

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