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Genetik

Rauchen teilweise genetisch bedingt

11.05.2010
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Von Claudia Borchard-Tuch / Wie oft ein Raucher täglich zur Zigarette greift, unterliegt zumindest zum Teil genetischen Einflüssen. Dies konnte in mehreren Studien nachgewiesen werden. Welche Aufgaben die gefundenen Gene haben, ist allerdings noch unbekannt.

Die Stärke der Sucht und Schwierigkeiten beim Abgewöhnen des Rauchens unterliegen genetischen Einflüssen. Dies haben zwei internationale Metaanalysen belegt, die im ENGAGE Konsortium und der Oxford-GlaxoSmithKline-Studie durchgeführt wurden (1, 2). An beiden Analysen war eine Forschergruppe des Instituts für Epidemiologie vom Helmholtz Zentrum München unter Leitung von Professor Dr. H.-Erich Wichmann beteiligt. Die Wissenschaftler analysierten genetische Daten von 140 000 Menschen.

Das Wissenschaftlerteam ent­deckte eine Genvariante (SNP, Single Nucleotide Polymorphism) in Gen CHRNA5 und eine andere in CHRNA3 in der Genregion 15q25 auf Chromosom 15. Ist eine dieser Genvarianten vorhanden, geht dies mit verstärktem Rauchen einher. Dass die Genregion 15q25 in Zu­sammenhang mit dem Rauchen steht, ist bereits in früheren Studien nachgewiesen worden. So stellte eine Forschergruppe um Dr. Thor­geir E. Thorgeirsson, deCODE Genetics, Reykjavik, vor zwei Jah­ren fest, dass drei Gene (CHRNA5, CHRNA3 und CHRNB4) die Wir­kung von Nicotin beeinflussen. Diese Gene codieren für nicotini­sche Acetylcholinrezeptoren. Sie werden zum einen durch den Neurotransmitter Acetylcholin aktiviert, können aber auch durch Nicotin stimuliert werden (3). Es wurde auch eine Korrelation von Varianten dieser Gene mit malignen Lungenerkrankungen und peripheren arteriellen Gefäßerkrankungen nachgewiesen. Noch ist aber nicht geklärt, ob ein direkter Zusammenhang zwischen den Genvarianten und den Erkrankungen besteht oder ob die Krankheiten eine Folge des verstärkten Rauchens sind.

 

Darüber hinaus wurden im ENGAGE Konsortium zwei neue Genregionen auf den Chromosomen 8 und 19 identifiziert. Varianten in den Regionen 8p11 und 19q11 gehen mit vermehrtem Rauchen einher (2). Deutliche Zusammenhänge zwischen Genen und der Tatsache, dass jemand zu rauchen beginnt, konnten im Rahmen der Großstudie nicht nachgewiesen werden.

 

Das Tobacco and Genetics Consortium um Helena Furberg von der Universität von North Carolina in Chapel Hill wies in einer Metaanalyse mit 74 053 Probanden ebenfalls die Bedeutung des Genorts 15q25 für die Anzahl der täglich konsumierten Zigaretten nach. Darüber entdeckte das Team acht Genvarianten auf dem Chromosom 11, die mit dem Beginn des Rauchens korrelieren sowie eine Genvariante auf Chromosom 9, die mit einer erfolgreichen Entwöhnung in Zusammenhang steht (4).

 

Rauchen gefährdet die Gesundheit

 

Unbestritten ist, dass Rauchen mit wesentlichen gesundheitlichen Risken und einer deutlich erhöhten Mortalität einhergeht. Die genaue Aufdeckung, wie die gefundenen Gene auf molekularer Ebene funktionieren, steht noch aus. Um zielgerichtete und wirksame Therapieverfahren zu entwickeln, sind wissenschaftliche Studien, die sich mit der Neurobiologie der Nicotinsucht befassen, daher von großer Bedeutung. /

 

 

Quellen

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Liu, J. Z., et al., Meta-analysis and imputation refines the association of 15q25 with smoking quantity, Nature Genetics 42 (5), 2010, 436-442.

Thorgeirsson, T. E., et al., Sequence variants at CHRNB3–CHRNA6 and CYP2A6 affect smoking behavior, Nature 42 (5), 2010, 448-454.

Thorgeirsson, T. E., et al., A variant associated with nicotine dependence, lung cancer and peripheral arterial disease, Nature 462 (3), 2008, 638-642.

The Tobacco and Genetics Consortium, Genome-wide meta-analyses identify multiple loci associated with smoking behavior, Nature Genetics 42 (5), 2010, 441-449.

 

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