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Versandapotheken

Pick-up-Verbot ist übertrieben

11.05.2010
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Von Uta Grossmann, Berlin / Der Vorsitzende der Monopolkommission, Professor Dr. Justus Haucap, hat sich beim Kongress der Versandapotheker für mehr Wettbewerb im Apothekenmarkt ausgesprochen. Ein vollständiges Pick-up-Verbot sei übertrieben. Er schlug vor, den Apothekenabschlag abzuschaffen und die Patienten an der Apothekenleistung zu beteiligen.

Justus Haucap ist kein Mann, der sich von starkem Gegenwind beeindrucken lässt. Als der Vorsitzende der Monopolkommission nach Abschluss des Koalitionsvertrags von Union und FDP sein »Unverständnis« darüber kundtat, dass »Apotheken vor mehr Wettbewerb geschützt« werden sollen, bekam er so viele E-Mails wie noch nie – offenbar mit ziemlich unfreundlichen Inhalten.

 

»Berufszugang vereinfachen«

 

Das schreckte ihn ebensowenig wie die Tatsache, dass er mit seinen Forderungen nach mehr Wettbewerb und einer Liberalisierung des Apothekenmarktes bei der vorigen Bundesregierung kein Gehör fand. Er probiert es nun bei der aktuellen einfach weiter. Haucap erzählte dies und einiges mehr den etwa 150 Teilnehmern des dritten Kongresses des Bundesverbandes Deutscher Versandapotheken (BVDVA) vorige Woche in Berlin.

Die Monopolkommission ist für einen vereinfachten Berufszugang für Apo­theker, Haucap fügte aber hinzu: »Dass ein Pharmaziestudium notwendig ist, bestreitet niemand.« Die Apotheken­dichte liege in Deutschland mit 3800 Einwohnern pro Apotheke deutlich über dem europäischen Durchschnitt. Zum Vergleich nannte er Dänemark mit 16 800 Einwohnern pro Apotheke und, das andere Extrem, Griechenland, wo auf 1200 Einwohner eine Apotheke kommt.

 

Das Fremdbesitzurteil des Europäischen Gerichtshofes hält Haucap »aus ökono­mischer Sicht für übertrieben«, ebenso ein vollständiges Verbot von Pick-up-Stellen in Gewerbebetrieben wie Droge­riemärkten, wo Kunden ihre per Versand bestellten Medikamente abholen kön­nen. Mindestanforderungen an solche Stellen seien aber denkbar. Das Selbstbedienungsverbot für rezeptfreie, apothekenpflichtige Arzneimittel nach Paragraf 17, Absatz 3 der Apothekenbetriebsordnung möchte er gern lockern, denn es reduziert seiner Meinung nach den Preiswettbewerb bei diesen Produkten. Die Preisregulierung rezeptpflichtiger Medikamente hält er hingegen für sinnvoll, »solange die Verbraucher nicht preissensitiv sind«.

 

Der Katalog apothekenpflichtiger Arzneimittel ist in seinen Augen »sehr umfangreich«. Haucap meldete Zweifel an, ob Aspirin und Nicotinpflaster unbedingt ausschließlich in Apotheken abgegeben werden müssten; auch Beratung sei »nicht immer erwünscht«, befand Haucap.

Schließlich machte der Referent, der auch Direktor des Instituts für Wettbewerbsökonomie (DICE) an der Heinrich-Heine-Universität, Düsseldorf, ist, den Vor­schlag, den Apothekenabschlag (8,10 Euro Apotheken­honorar minus Kassenabschlag) abzuschaffen und die Patienten an der Apothekenleistung zu beteiligen. Die Apotheker könnten dann Rabatte gewähren.

 

Ausgedünntes Podium

 

Für die anschließende Podiumsdiskussion waren Vertreter aller Bundestagsfraktionen angekündigt. Die Griechenland-Krise und die Beratungen über Milliarden­hilfen warfen das Programm durcheinander, sodass Moderator Dr. Peter Stuckhard, Chefkorrespondent der Neuen Westfälischen, zunächst mit Dr. Marlies Volkmer (SPD) und Birgitt Bender (Bündnis 90/Die Grünen) eine Debatte in Gang zu bringen versuchte. Als später noch Michael Hennrich (CDU) hinzustieß, saß dann zumindest auch ein Vertreter einer Regierungspartei auf dem Podium.

 

Die stellvertretende gesundheitspolitische Sprecherin der SPD-Bundestagsfraktion und studierte Ärztin Volkmer gab zunächst dem Vorsitzenden der Monopolkommission Kontra. Sie widersprach Haucaps Vorschlag, Aspirin an Tankstellen zu verkaufen. Das sei kein harmloses Medikamten und aus gutem Grund apothekenpflichtig.

 

Die gesundheitspolitische Sprecherin der Grünen-Bundestagsfraktion, Bender, machte sich bei den Versandapothekern Freunde, indem sie »die gelbe Seite von Schwarz-Gelb« dafür kritisierte, den niedergelassenen Apothekern versprochen zu haben, sie »vor Konkurrenz durch den Versandhandel zu schützen« und Pick-up-Stellen zu verbieten. Bender sieht keinen Grund für ein Verbot des Versandhandels. Allerdings müssten im Sinne des Verbraucherschutzes Qualitätsanforderungen »an geschultes Drogeriepersonal« gestellt werden. Bender hätte jedoch bei Haucaps Idee Bauchschmerzen, die Selbstbedienung für apothekenpflichtige, rezeptfreie Medikamente zu erlauben. Die Unterscheidung zwischen frei verkäuflichen und apothekenpflichtigen Produkten sei sinnvoll.

 

Michael Hennrich, für die CDU im Gesundheitsausschuss des Bundestags, sprach sich um der Arzneimittelsicherheit willen für ein Verbot der Pick-up-Stellen aus. »Wir wollen keinen Fremdbesitz, auch nicht durch die Hintertür.« Das Verbot stehe für die laufende Legislaturperiode auf der Agenda.

 

Der wiedergewählte BVDVA-Vorsitzende Christian Buse befürwortete eine Budget-Verantwortung des Apothekers. Er solle mehr ökonomische Verantwortung übernehmen, während der Arzt lediglich den Wirkstoff verschreibt. Alle drei Politiker äußerten sich skeptisch bis ablehnend zu dieser Idee. Der Jurist Hennrich fragte, wer bei einer geteilten Verantwortung zwischen Arzt und Apotheker die Haftung übernehme, wenn etwas schiefgeht.

 

Der Versandhandel verzeichnete im vergangenen Jahr bei rezeptfreien Medikamenten und Gesundheitsmitteln ein Umsatzwachstum von 31,6 Prozent im Vergleich zu 2008. Das teilte Ralf Voigt von IMS Consumer Health in seinem Kongressvortrag mit. Versandhandelskunden bevorzugen »starke und hochpreisige Marken«, sagte Voigt. Er nannte Voltaren, Tebonin, Wobenzym, Gingium, Orthomol und Aspirin. /

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