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Frühsommer-Meningoenzephalitis

Bei Kindern oft unterschätzt

30.04.2008
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Frühsommer-Meningoenzephalitis

Bei Kindern oft unterschätzt

Von Christina Hohmann, Frankfurt am Main

 

Bei Kindern verläuft eine Frühsommer-Meningoenzephalitis milder als bei Erwachsenen. Dennoch entwickelt jedes fünfte erkrankte Kind neurologische Störungen. Durch eine Impfung ist die Hirnhautentzündung zu vermeiden.

 

Im Jahr 2007 wurden 238 Fälle von Frühsommer-Meningoenzephalitis (FSME) an das Robert-Koch-Institut (RKI) in Berlin gemeldet und damit deutlich weniger als in den Vorjahren. 2006 erkrankten 564 und 2005 noch 450 Menschen an der Flavivirus-Infektion. Die FSME-Erreger werden durch den Stich einer infizierten Zecke mit dem Speichel auf den Mensch übertragen, erklärte Dr. Markus Knuf von der Kinderklinik der Universität Mainz auf einer Veranstaltung der Firma Novartis Behring in Frankfurt am Main. Zwei Drittel der Infizierten entwickeln keine Symptome. Bei einem Drittel setzen nach einer Inkubationszeit von 7 bis 14 Tagen grippeähnliche Symptome, wie Fieber, Kopf- und Gliederschmerzen sowie Müdigkeit ein. Nach dieser ersten Phase sinkt das Fieber wieder. Bei etwa 10 Prozent der Erkrankten schließt sich eine zweite Phase mit Meningitis, Meningoenzephalitis oder Meningoenzephalomyelitis sowie Fieber und Erbrechen an. »Für den Verlauf ist vor allem das Alter der Patienten entscheidend«, sagte Knuf. »Bei Kindern ist die Prognose deutlich besser als bei Erwachsenen.« In der zweiten Krankheitsphase tritt bei ihnen hauptsächlich eine Meningitis auf, ohne Beteiligung des Gehirns oder Rückenmarks. Diese heilt in der Regel folgenlos aus.

 

»Trotzdem ist es keine harmlose Erkrankung«, sagte Knuf. Auch bei Kindern kann ein sogenanntes Neurastheniesyndrom auftreten, das durch lang anhaltende Konzentrationsstörungen, Kopfschmerzen und emotionale Labilität gekennzeichnet ist und noch Monate nach der akuten Krankheit andauern kann. Zudem gebe es eine relevante Anzahl fataler Verläufe auch bei Kindern, sagte Knuf. Einer aktuellen Studie zufolge liege die Mortalität bei einem Prozent. Zwischen 2 und 28 Prozent haben bleibende Schäden. Wie bei fast allen Viruserkrankungen existiert keine kausale Therapie für FSME. Daher kommt der Expositionsprophylaxe und der Schutzimpfung besondere Bedeutung zu.

 

Kinderimpfstoffe im Vergleich

 

Für Kinder sind zwei FSME-Impfstoffe in Deutschland zugelassen: FSME-Immun® 0,25 ml Junior der Firma Baxter und Encepur® Kinder der Firma Novartis Behring. Beide Vakzinen seien gut verträglich, berichtete Dr. Christoph Wittermann, Pädiater in Weilheim. Bislang gebe es aber wenig Daten zum Vergleich der beiden Impfstoffe und der verschiedenen Impfschemata der Grundimmunisierung. Novartis habe daher eine vierarmige Phase-IV-Studie initiiert, um diese Daten zu erhalten. Die 334 Kinder im Alter von ein bis zehn Jahren wurden vier Gruppen zugeordnet. Eine Gruppe erhielt Encepur® Kinder nach dem konventionellen Schema (drei Dosen an den Tagen 0, 28 und 300), eine zweite Gruppe nach dem beschleunigten Schema (drei Dosen an den Tagen 0, 14 und 300). Die anderen beiden Gruppen erhielten FSME-Immun® 0,25 ml Junior nach konventionellem oder beschleunigtem Schema. Als dritte Dosis erhielten alle Kinder den Novartis-Impfstoff Encepur® Kinder. 42 Tage und 300 Tage nach der ersten Impfung wurde den Probanden Blut abgenommen und die Antikörpertiter in einem Virus-Neutralisationstest und per ELISA ermittelt, sagte Wittermann.

 

Der Untersuchung zufolge ist das konventionelle Schema bei beiden Präparaten dem beschleunigten vorzuziehen, weil es höhere Antikörpertiter liefert. Unabhängig vom Impfschema werden mit Encepur® Kinder höhere Titer erreicht als mit FSME-Immun® 0,25 ml Junior. So wiesen am Tag 300 alle Probanden der konventionell mit Encepur® Kinder geimpften Probanden schützende Titer auf, während es im FSME-Immun®-Arm 38 Prozent waren. Die Daten seien noch nicht publiziert, aber zur Veröffentlichung eingereicht, sagte Wittermann.

 

Langzeitschutz

 

Eine Nachbeobachtung von 190 Kindern, die eine Grundimmunisierung und eine erste Auffrischimpfung mit Encepur® Kinder erhalten hatten, zeigte, dass alle Kinder fünf Jahre nach dieser Auffrischung noch schützende Antikörpertiter aufwiesen. Diesen Daten zufolge könne das Impfintervall für alle folgenden Boosterimpfungen von derzeit drei Jahre auf fünf Jahre hochgesetzt werden, sagte der Pädiater. Dies müsse das Paul-Ehrlich-Institut (PEI) aber erst genehmigen. Ein entsprechender Antrag des Herstellers sei bereits eingereicht.

 

Das beschleunigte Impfschema sollte aus Wittermanns Sicht nicht mehr angewandt werden, da das konventionelle deutlich überlegen ist. In seltenen Einzelfällen, in denen in kurzer Zeit ein effektiver Impfschutz erreicht werden muss, könne das zugelassene Schnellschema angewandt werden. Dieses bestehe aus drei Dosen an den Tagen 0, 7 und 21 und einer ersten Auffrischimpfung nach 12 bis 18 Monaten. Durch das Schnellschema würden vergleichbare Antikörpertiter erzielt wie mit dem konventionellen Schema, erklärte Wittermann.

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