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Primäre Immundefekte

Immunglobuline zur Therapie

03.05.2017
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Von Brigitte M. Gensthaler, München / Patienten mit primären Immundefekten (PID) haben oft einen langen Leidensweg hinter sich, bis die Krankheit erkannt wird. Vielen hilft nur die Substitution der fehlenden Immunglobuline. Dafür steht ab Mai ein neues hoch dosiertes Human-Immunglobulin-Präparat zur Verfügung.

»Derzeit sind mehr als 300 angeborene Immundefekte bekannt«, sagte Professor Dr. Ulrich Baumann von der Medizinischen Hochschule Hannover bei einer Pressekonferenz der Firma Shire in München. Etwa zwei Drittel der PID-Patienten hätten einen Antikörper-Mangel. Patienten mit einem Immunglobulin (Ig)-G-Mangel (Hypo- oder Agammaglobulinämie) sind hochgradig anfällig für Infektionen, zum Beispiel der Atemwege und Lunge. Dagegen seien andere Betroffene, zum Beispiel mit IgA-Mangel, klinisch meistens gesund, informierte Baumann. Umso wichtiger sei es, behandlungspflichtige Immundefekte abzugrenzen von Laborbefunden.

 

PID können sich im Kindesalter, aber auch erst später manifestieren. Der Päd­iater empfahl, hellhörig zu werden, wenn Patienten oder Eltern über ungewöhnliche Infektionen, ungewöhnlich schwere Verläufe oder Chronifizierung klagen. »Das Besondere ist nicht, dass die Kinder krank werden, sondern dass sie nicht wieder gesunden.«

 

Frühzeitig substituieren

 

Baumann plädierte für ein Neugeborenen-Screening und eine frühzeitige Dia­gnose, damit die Patienten behandelt werden, bevor sie schwere Ver­läufe und Organschäden erleiden. Bei Menschen mit variablem Immun­defektsyndrom (CVID) oder Agammaglobulinämie sei eine Substitution mit Immunglobulinen notwendig.

 

Heute ist eine Reihe von Ig-Präpa­raten zur intravenösen und subkuten Gabe auf dem Markt. Neu in der Palette ist Cuvitru® (Baxalta/Shire). Die hoch konzentrierte 20-prozentige Human-Immunglobulin-Lösung mit mindestens 98 Prozent IgG zur subkutanen Anwendung gebe dem Patienten mehr Flexibilität, berichtete Dr. Norbert Zessack von der Firma Shire. Die Gabe ist in einer Häufigkeit von täglich bis zu zweiwöchentlich möglich und pro Stunde dürfen bis zu 60 ml infundiert werden.

 

Zessack stellte eine Phase-II/III- Studie in Europa mit 49 PID-Patienten im Alter von 2 bis 67 Jahren vor, die ein Jahr lang das neue IgG-Präparat erhielten (»Clinical & Experimental Immunology« 2016, DOI: 10.1111/cei.12866). Alle waren mit IgG vorbehandelt. Primärer Endpunkt war die Rate an bestätigten akuten schweren bakteriellen Infektionen (VASBI) pro Jahr. »Mit der Therapie wurden stabile, schützende IgG-Talspiegel erreicht«, sagte Zessack. Dies zeigte sich in einer VASBI-Rate von 0,02/Jahr (Grenzwert definiert bei 1); die Rate aller Infekte betrug 4,38 pro Patientenjahr. Die Infusion war gut verträglich. Kein Patient erlitt schwere Neben­wirkungen, zwei Drittel hatten keine unerwünschten Lokalreaktionen.

 

Die Infusionen dauerten im Mittel eine Stunde (mediane Infusionsrate 20 ml/h) und erforderten maximal zwei Applikationsorte (medianes Volumen 16,6 ml/Stelle). Laut Zessack gab es keinen Zusammenhang zwischen appliziertem Volumen, Infusionsrate und Nebenwirkungen. Die Patienten hätten die einfache Gabe und Zeit­ersparnis besonders geschätzt.

 

Dosierung nach Zielwert

 

In der Studie wurden im Mittel IgG- Serumwerte von 8 g/l oder höher erreicht. Dieser Talspiegel habe sich in Europa als Zielwert etabliert, informierte Baumann. »Aber es gibt auch Patienten, die mit 5 g/l gut behandelt sind.« Die Dosierung richte sich nach dem individuell angestrebten Talspiegel und liege monatlich zwischen 0,2 und 0,8 g/kg Körpergewicht. Laut Fachinformation liegt die Erhaltungsdosis bei 0,3 bis 1,0 g/kg/Monat. Anders als bei Insulin sollten PID-Patienten möglichst immer in die gleichen Körperstellen injizieren, riet Baumann. Verhärtungen im Unterhautfettgewebe seien selten.

 

In Deutschland sind rund 3500 Patienten mit PID diagnostiziert. Die Patientenorganisation DSAI (www.dsai.de) schätzt die korrekte Zahl aber auf etwa 100 000 Patienten. /

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