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Fünf-Finger-Regel

Verhalten bei Vergiftungen

30.04.2012
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Von Sven Siebenand, Wiesbaden / 5 bis 10 Prozent aller Notarzt­einsätze gehen auf das Konto von Vergiftungen. Da häufig akute Lebensgefahr besteht, ist schnelle Hilfe vonnöten. Wird die Fünf-Finger-Regel beachtet, lässt sich der Betroffene aber oft aus der Gefahrenzone bringen. Lebensrettende Maßnahmen waren Thema eines Vortrags beim Internistenkongress in Wiesbaden.

Intoxikationen gehören bei Erwachsenen zu den häufigsten Todesursachen, so Privatdozentin Dr. Sylvia Pemmerl vom Universitätsklinikum Regensburg. Bei Notarzteinsätzen laute das klinische Meldebild häufig »unklare Bewusstlosigkeit«. In bis zu vier von fünf Fällen sei Alkohol im Spiel – und das nicht zu knapp. Wird der Notarzt aus diesem Grund alarmiert, beträgt der Promillegehalt durchschnittlich 2,3. Das hat eine Untersuchung des Universitätsklinikums Regensburg ergeben.

Wie Pemmerl deutlich machte, sind auch Vergiftungen mit Medikamenten und illegalen Drogen keine Seltenheit. Oft erfolgen sie in Kombination mit Alkohol. Arzneimittel sind dabei ungefähr doppelt so häufig Vergiftungsursache wie illegale Drogen. Zudem kommt es immer wieder auch zur versehentlichen Einnahme giftiger Substanzen. Vor allem Kinder sind hier gefährdet.

 

Betrachtet man nur die Tabletten-Intoxikationen, so liegen die Benzodiazepine und andere Sedativa mit 19 Prozent der Fälle klar in Führung. Mit 9 Prozent der Fälle befinden sich Antidepressiva, insbesondere die trizyklischen, auf dem zweiten Rang. Typisches Anzeichen einer Vergiftung mit Sedativa sind Atemdepression und schlafähnliches Koma. Bei massiver Überdosierung mit trizyklischen Antidepressiva treten durch die Beeinflussung von Natriumionen-Kanälen am Herzen häufig Herzrhythmus-Störungen auf. Hier gilt es, so Pemmerl, die QT-Zeit zu überwachen, eventuell biete sich auch die Gabe von Natrium­bicarbonat an.

 

Heroin spielt bei den Drogen-Intoxikationen noch immer eine große Rolle, befindet sich der Ärztin zufolge aber auf dem Rückzug. Der Trend gehe stattdessen zu Designerdrogen wie Ecstasy oder Liquid Ecstasy. Auch Fentanyl befinde sich im Aufwind.

 

Wichtige W-Fragen

 

Wird ein Vergiftungsfall gemeldet, sollten zunächst Antworten auf folgende Fragen gesucht werden: Wer ist betroffen? Wo befindet er sich? Welches Gift wurde aufgenommen? Wann, wie und in welchem Umfang geschah dies? Und warum wurde das Gift aufgenommen?

 

Bis zum Eintreffen des Rettungswagens können sich Laien auch an eine der neun Giftinformationszentralen in Deutschland wenden (siehe Kasten). Diese können die richtigen Ratschläge erteilen, was bis zum Eintreffen der Hilfe zu tun ist. Dazu gehört etwa, den Vergifteten richtig zu lagern, die Atemwege freizuhalten, kein Erbrechen auszulösen, kontaminierte Haut zu reinigen und Augenspritzer auszuspülen.

 

Die Primärversorgung folgt der sogenannten Fünf-Finger-Regel:

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lebensrettende Basismaßnahmen (Sicherung der Atmungs- und Kreislauffunktion)

Giftelimination

Antidot-Therapie

Asservierung

Transport

Eine Giftentfernung ist in der Regel nur dann sinnvoll, wenn die Giftaufnahme nicht länger als eine Stunde zurückliegt. Wie Pemmerl informierte, ist eine Magenspülung vor der Klinikaufnahme nur selten indiziert. Auch Medizinaktivkohle sei nur innerhalb einer Stunde sinnvoll und müsse im Falle ihres Einsatzes am besten wiederholt gegeben werden. Als »heute fast obsolet« bezeichnete die Medizinerin das induzierte Erbrechen. Absolute Kontraindikationen dafür sind die Aufnahme ätzender oder schaumbildender Substanzen.

 

Zwei Klassen von Antidota

 

Bei den Antidota unterschied Pemmerl zwischen den lebensrettenden und den supportiven Substanzen. In die erste Gruppe gehört zum Beispiel Sauerstoff bei einer Kohlenmonoxid-Vergiftung. Beispiele für die zweite Gruppe sind Flumazenil bei Vergiftung mit Benzo­diazepinen oder Z-Substanzen, Naloxon bei Opiat-Intoxikation oder Biperiden bei Neuroleptika-Nebenwirkungen.

 

Last but not least kann in asserviertem Material ein qualitativer und quantitativer Giftnachweis erfolgen. Vor allem bei unklaren Vergiftungen ist daher wichtig, Blut, Erbrochenes, Urin, Lebensmittelreste, leere Medikamentenschachteln oder Spritzenbesteck einzusammeln. Auch dies kann am Ende lebensrettend sein. / 

Notrufnummern bei Vergiftungen

In Deutschland gibt es in neun Städten Giftinformationszentralen. Eine Übersicht und die jeweiligen Kontaktdaten finden Sie in unserer Rubrik Giftinfo.

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